Was das Natrium angeht, so hilft das Bild vom „Salzwasser in den Adern“ dabei, sich der existentiellen Bedeutung vom richtigen Salzgehalt für unseren Körper klarzuwerden. Unser Blut enthält etwa sieben bis neun Gramm Salz, sprich Natriumchlorid, pro Liter – jeder von uns trägt also (je nach Körpergröße) etwa 150 bis 300 Gramm Salz mit sich herum. Darum schmecken Schweiß und Tränen salzig – und wenn es nicht so stark nach Eisen schmecken würde, würde auch unser Blut so salzig schmecken.

Verwechslungsgefahr bei der Diagnose

So weit, so gut – so abstrakt. Doch diese Einführung ist nicht als theoretischer Biologieunterricht gedacht, sondern als Hintergrund für unzählige reale Fälle, die leider oft dramatischer verlaufen, als sie müssten. Zum Beispiel: Rita, 75, lebt in der Nähe der Familie, „fit im Kopf“ und aktiv, passt oft auf die Kinder auf. Auf einmal, fast von einem Tag auf den anderen, wirkt sie durcheinander. Sie verwechselt Namen, ihr wird schnell schwindelig, sie klagt über Kopfschmerzen, leichte Krämpfe, Übelkeit. Ein Bekannter ist Arzt und stellt eine Ferndiagnose, die Dame ist über 70  – schnell befürchten alle Beteiligten den Beginn einer Demenz.
 
Doch eine gründliche Untersuchung am nächsten Tag bringt die Erleichterung – und eine Überraschung. Diagnose: Hyponatriämie – und hier als Folge einer Überwässerung. Alle schauen sich an, niemand kann damit so richtig etwas anfangen. Gerade Oma Rita war doch bekannt für ihr ausgeprägtes Ernährungsbewusstsein! Wie oft hatte die Familie mit den Augen gerollt, wenn Oma wieder von ihrer salzarmen Ernährung anfing und davon, dass sie immer viel trinken müsse.  Doch genau da setzt der Arzt an und erklärt das Phänomen.  

Eine schnelle Behandlung ist das A und O

Ist der Serum-Natriumwert im Blut zu niedrig, entstehen schnell allgemeine Beschwerden wie Übelkeit, Erbrechen, Kopf- und Muskelschmerzen oder Verwirrtheitszustände. Wird nicht gegengesteuert, kommt es zu einer verstärkten Wasserverschiebung ins Zellinnere.  Daraus wiederum ergibt sich die Gefahr einer Hirnschwellung, die bei Oma Rita zum Glück schnell bemerkt wurde – ohne Behandlung im weiteren Verlauf aber zu heftigen Bewusstseinsstörungen bis hin zu Krämpfen und Koma führen kann.

Bei älteren Menschen wird diese Verkettung meist durch zu niedrigen Blutdruck ausgelöst, denn dann kann der Körper die Ausscheidung des Hormons ADH nicht ausreichend unterdrücken. Aber auch Nierenschwäche oder -erkrankungen, Mineralmangel, Verdauungsprobleme (Durchfall und/oder Erbrechen), Entzündungen von Bauchfell oder Bauchspeicheldrüse können die Serum-Natriumkonzentration im Körper gefährlich senken. Wird der kritische Grenzwert unterschritten – und dieser Zustand dann nicht schnellstmöglich behoben – wird der Serum-Natriummangel lebensbedrohlich.

Dieser Zusammenhang ist bei weitem nicht nur für die älteren Semester unter uns relevant – das haben einige tragische Fälle auch in jüngster Vergangenheit leider nur allzu deutlich gemacht. Denn vor allem Sportler – und hier besonders Extremsportler – sind gefährdet, wenn sie ihren Natriumhaushalt vernachlässigen.

„Wasservergiftung“, sagt der Doktor. Wie bitte?

Im Jahr 2015 verstarb ein Teilnehmer des Ironman-Wettbewerbs in Frankfurt, nachdem er hinter der Ziellinie zusammengebrochen war und ins Krankenhaus eingeliefert werden musste. Ein durchtrainierter 40-Jähriger bricht zusammen und stirbt einen Tag später?

Leider bei weitem kein Einzelfall. Immer wieder kommt es bei Marathon- oder Triathlon-Veranstaltungen zu Todesfällen, weil viele Amateursportler ihre Grenzen und die biochemischen Zusammenhänge nicht kennen.

Dabei ist es im Wesentlichen  gar nicht so kompliziert: Normales Trinkwasser enthält weniger als 0,1 Prozent Salz – Blut dagegen circa sieben bis neun Gramm pro Liter, also etwa 0,9 Prozent. Wer also in kurzer Zeit viel mehr Wasser trinkt als durch Schwitzen verloren wird, verringert die Natriumkonzentration im Blut dramatisch – eine Hyponatriämie entsteht. Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass nicht nur Ironman-Teilnehmer und Marathonläufer gut daran tun, ausreichend Natrium zu sich zu nehmen, beziehungsweise auf ihren Natriumhaushalt zu achten. Auch auf’s Oktoberfest sollte man zum Beispiel nur mit einem einwandfrei funktionierenden Hormonsystem gehen, denn das Prinzip bleibt das gleiche: Zuviel Flüssigkeit verringert den Salzgehalt; zu wenig Salz verringert die Funktionalität.

Wer jetzt einwendet, auf dem Oktoberfest würde man auch bei extremer Schunkelei nicht so viel schwitzen wie beim Marathon, hat zwar Recht – vergisst aber den umso häufigeren Toilettenbesuch. Unter dem Strich zählt letztlich nur das Verhältnis zwischen Aufnahme und Abgabe von Wasser und Salz (Natriumchlorid).  

Wenn Symptome auftreten – Übelkeit, Antriebslosigkeit, Schwäche, Krampfanfälle, Kopfschmerzen – sollten Patienten daher unbedingt einen Arzt konsultieren. Das Natriumdefizit darf nicht zu schnell ausgeglichen werden: Ein zu rascher Anstieg des Serum-Natriumspiegels  kann schwere Hirnkomplikationen wie zum Beispiel Blutungen verursachen; der Arzt kontrolliert während der gesamten Infusionstherapie engmaschig die Serum- Natriumspiegel.