Wir sprachen mit ihm über Patientensicherheit und Infektionsschutz.

Prof. Kramer, wie steht es um die Patientensicherheit und den Infektionsschutz in Deutschland? Gibt es Anlass zur Sorge?

Man kann davon ausgehen, dass Patienten in Deutschland eine fachlich und technisch herausragende Pflege genießen. Aber gut heißt natürlich nicht, dass es nicht noch besser geht. Man muss sich vor Augen führen, dass ein Großteil, wenn nicht sogar der Hauptteil des Gewinns an Lebenserwartung in den letzten 100 Jahren auf die erfolgreiche Vermeidung und Behandlung von Infektionskrankheiten zurückzuführen ist. Das zeigt zugleich die Bedeutung der Infektionsvermeidung. Wenn wir hier nachlassen oder nur unzureichend auf sich verändernde Rahmenbedingungen reagieren, wirkt sich das unmittelbar auf Lebenserwartung, Lebensqualität und Gesundheitskosten aus.

Welche Hinweise lassen sich aus der Forschung für den Alltag in Klinik und Allgemeinheit ableiten?

Wichtig ist aus meiner Sicht die engere Verknüpfung in der Gesundheitsversorgung. Wir nennen das transsektorale Zusammenarbeit – Informationsaustausch und Kooperation zwischen Krankenhäusern, Kliniken, niedergelassenen Ärzten, Pflege- und Rettungsdiensten sowie Krankenkassen. Denn sie alle tragen ihre spezifische Verantwortung für jeden einzelnen Patienten.

Das hat nicht zuletzt ein großangelegtes Verbundforschungsprojekt in Mecklenburg-Vorpommern gezeigt, das gerade zum Abschluss kommt. Aus dem Projekt heraus wurden bspw. regionale Hygienenetzwerke in Mecklenburg-Vorpommern gegründet, die die unterschiedlichen Regionen des Bundeslandes abdecken. Im Fokus der Bemühungen steht die Umsetzung von einheitlichen evidenzbasierten Hygienestrategien, unterstützt durch transsektorale und interdisziplinäre Beratung und Wissensvermittlung.

Welche Tendenzen lassen sich erkennen – z.B. in Hinblick auf das Auftreten von multiresistenten Bakterien?

Die multiresistenten Erreger (MRE) sind ein globales Problem und gewissermaßen die Seuche des 21. Jahrhunderts, die nicht vor Deutschland halt macht. Einerseits haben wir im erwähnten Projekt eine Zunahme von MRE nachgewiesen. Andererseits konnten wir zeigen, dass vor allem bei MRSA eine Sanierung selbst bei Patienten mit chronischen Wunden mit deren Abheilung gelingt. Durch Screening, Isolierung und Sanierung wurde die Übertragung von MRSA zwischen Patienten sowie auch auf die betreuenden Mitarbeiter in hohem Ausmaß und nachhaltig gesenkt.

Bei multiresistenten Gram-negativen Erregern liegt der Schwerpunkt auf effektiven Screeningstrategien mit der Umsetzung entsprechender Präventionsmaßnahmen (Basishygiene, Patientenisolierung, Information aller an der Patientenversorgung beteiligten Personen und Einrichtungen). Einrichtungsübergreifende Maßnahmen kommen allen Personen zu Gute, da eine Eindämmung der Erreger möglich ist. Um das zu gewährleisten haben wir mit Partnern des oben genannten Projekts einen Verein zur Umsetzung sektorübergreifender Präventionsstrategien gegründet.

Neben der Umsetzung von Antibiotic-Stewardship in der Humanmedizin muss auch die Antibiotika Anwendung in der Tierhaltung auf den Prüfstand, da wir im Rahmen des Projekts eine Durchseuchung von Schweine-, Rinder- und Geflügelmastbetrieben mit MRE nachgewiesen haben. Obwohl die Studienteilnahme der dort beschäftigten Mitarbeiter sehr gering war, konnte das Übertragungsrisiko gesichert werden.

Gibt es dringliche Empfehlungen an Politik und Gesellschaft aus Ihrem Arbeitsfeld heraus?

Die Infektionsvermeidung muss weiter im Fokus der Politik bleiben. In diesem Jahr hat die Bundesregierung das Thema Antibiotikaresistenzen als ein Schlüsselthema des G7-Gipfels benannt. So etwas ist gut, aber es muss auch in der Praxis ankommen. Die DGKH hat dazu einen Forderungskatalog als Handlungsstütze erstellt. Darin enthalten sind z.B. Forderungen nach ausreichenden Mitteln für den Krankenhausbau und -betrieb oder die Wiedereinrichtung von Hygienelehrstühlen an den Universitäten.

Die Sicherung von qualifizierten Fachpersonal  auf dem Gebiet der Hygiene ist eine unerlässliche Voraussetzung zur umfassenden Realisierung sowohl der Basishygiene als auch spezieller Hygienemaßnahmen (z.B. Legen eines Blutgefäßkatheters). Um die Ausbreitung von MRE einzudämmen, sollten verschärfte Meldepflichten eingeführt werden, um die Übertragungswege zu identifizieren und gezielt unterbrechen zu können.

Welche Möglichkeiten haben wir als Privatpersonen, als Patienten und Betroffene, positiv auf das Thema Hygiene und Infektionsschutz einzuwirken?

Selbst wenn die Gesundheitseinrichtung alle Präventionsmaßnahmen korrekt umsetzt, können der Patient und seine Angehörigen durch falsches Hygieneverhalten diese Bemühungen durchkreuzen. Deshalb ist es wichtig, den Selbstschutz jeder einzelnen Person in den Vordergrund zu rücken und dem Patienten und seinen Angehörigen ein Grundwissen zu den Möglichkeiten des Infektionsschutz zu vermitteln.

In der Universitätsmedizin Greifswald sind wir noch weiter gegangen und haben den Patienten erfolgreich in die Evaluierung von Hygienemaßnahmen einbezogen. Dadurch ist z.B. der Verbrauch von Händedesinfektionsmitteln noch weiter angestiegen.

Nur wenn Politik, Gesundheitseinrichtung, Kostenträger und Patienten/ Angehörige an einem Strang ziehen, ist ein optimaler Infektionsschutz erreichbar.