Ganz anders sieht es aus, wenn jemand etwa alt oder krank ist. Einige Krankheiten sind besonders tabuisiert, dazu gehören vor allem psychische Krankheiten, Suchtkrankheiten und sexuell übertragbare Krankheiten. Durch die Tabuisierung gerade dieser Krankheiten  entstehen Stigmatisierung, Ausgrenzung und Diskriminierung.  Es ist unsere Aufgabe, auch auf diese gesellschaftliche Dimension von Krankheit aufmerksam zu machen, darüber aufzuklären, denn Tabuisierung führt zu Ablehnung bis hin zu tätlichen Angriffen gegenüber Menschen, die Zuwendung und Hilfe brauchen.

Gezeigte und gelebte Solidarität  hilft Men­schen für sich Verantwortung zu übernehmen und sich und ihre Partner vor Ansteckung zu schützen.

Zu Beginn der Ausbreitung von HIV und AIDS in Deutschland war dies als Thema hoch tabuisiert. Da es sich um eine sexuell übertragbare Krankheit handelt, mussten in die Auseinandersetzung und Aufklärung darüber die Themen Sexualität, Scham, Schuld und Sterben einbezogen werden. Es gab aber zunächst keine Sprache dafür, die öffentlich verwendet werden konnte. Diese Tabuisierung war mit erheblicher Stigmatisierung infizierter Menschen verbunden.

Noch mehr als das Thema Sexualität war das Thema Homosexualität tabuisiert. Das gesellschaftliche Klima war zu dieser Zeit von Hysterie und irrationalen Ängsten geprägt. Ein Programm, das den Abbau von Tabus zum Inhalt hatte, war dringend erforderlich. Dabei ging es immer um einen Aushandlungsprozess zwischen religiösen, gesellschaftlichen und politischen Auffassungen und Gruppen.

Die Förderung eines gesellschaftlichen Klimas, das gegen Stigmatisierung und Ausgrenzung HIV-infizierter und Aids-kranker Menschen gerichtet ist, war in Deutschland von Anfang an und muss auch in Zukunft zentraler Bestandteil aller Programme und Maßnahmen sein. Bis heute leben etwa 13.000 Menschen in Deutschland mit einer unerkannten Infektion. Viele von ihnen, weil sie befürchten, dass mit der Diagnose einer HIV-Infektion Stigmatisierung und Ausgrenzung verbunden sind, dass also der soziale Tod lange vor dem eigentlichen Sterben erfolgt. Dadurch verzögert sich eine bestmögliche Behandlung.

Diejenigen, die ihre Diagnose kennen, haben oft nicht den Mut, mit anderen über ihre Infektion zu sprechen. In Deutschland war von Anfang an das Solidaritätsthema Bestandteil der Präventionsstrategie. Das konnte glaubwürdig nur durch die Einbeziehung von nichtstaatlichen Organisationen der Zivilgesellschaft geschehen. So konnten Menschen unterschiedlicher sexueller Identität, aus unterschiedlichen Kulturkreisen, unterschiedlicher Religion, erreicht und einfühlsam in ihrer Sprache und mit ihren Bildern erreicht werden.

Heute ist die Spra­che der Aufklärung offen, klar und präzise. Wenn wir damit die Sprache der Anfangsjahre verglei­chen, dann wird im Rückblick erst deutlich, wie groß das damalige Tabu war und welchen – notwendigen – Tabubruch die Entwicklung von Beginn der 80iger Jahre bis heute bedeutet. Die offensichtliche Diskriminie­rung von infizierten Menschen konnte in dieser Zeit ein Stück weit zurückgedrängt werden.

Es leiden weltweit, allerdings auch in Deutschland, aber immer  noch viel zu viele Menschen mit einer HIV-Infektion oder Aids-Erkrankung unter Stigmatisierung und Ausgrenzung. Das geschieht in Deutschland  allerdings heute oft sehr viel versteckter. Gezeigte und gelebte Solidarität hilft Men­schen, für sich Verantwortung zu übernehmen, sich und ihre Partner vor Ansteckung zu schützen und lässt infizierte und erkrankte Menschen mit ihrer Krankheit nicht allein. Der  Weltaids­tag ruft uns alle dazu auf, unsere Solidarität mit Menschen mit einer HIV-Infektion öffentlich zu zei­gen und im Alltag zu leben.