Wie fand Ihre Krankheit ihren Anfang und wann haben Sie sich selbst eingestanden, dass Sie süchtig sind?

Ich war in meiner Jugendzeit immer sehr gehemmt und zurückhaltend, mir fiel es schwer, auf Menschen, die ich nicht kannte, zuzugehen oder sie gar anzusprechen. Ich habe mich immer eher nach hinten gestellt, um nicht aufzufallen, obwohl ich, wenn ich die Menschen kannte, ganz das Gegenteil war und ich gern aus mir rausging und dann eher nach vorn preschte. Also eine Art gefangen sein aus … was auch immer für Gründen.

Als ich einmal in einer fremden Firma in einer anderen Stadt, weiter weg von zu Hause, arbeiten musste, habe ich immer nur an meiner Maschine gestanden und versucht, durch genaues und schnelles Arbeiten aufzufallen beziehungsweise auf mich aufmerksam zu machen. Eines Tages fragten mich die Kollegen dort, ob ich nicht Lust hätte, mit ihnen in eine Kneipe zu kommen. Ich versuchte erst auszuweichen und ihnen klarzumachen, dass ich weder Alkohol trank noch rauchte. Die Kollegen hatten scheinbar Mitleid mit einem, der den ganzen Tag an der Maschine für sich allein stand und mit niemandem redete, ließen daher nicht locker und ich ging letztendlich mit.

Ich hatte keine merklichen gesellschaftlichen Folgen durch Alkohol.

Ich ließ mich sogar zum Trinken überreden, obwohl es mir überhaupt nicht schmeckte. Aber die Wirkung vom Alkohol war für mich überwältigend, ich wurde locker, kam aus mir raus, war lustig und stand damit plötzlich mittendrin, genau wie ich es immer schon gern von selbst können wollte. Das war sofort von diesem Moment an meine Medizin, was sprach dagegen? Viele tranken, Alkohol gab es überall zu kaufen, es sprach doch nichts dagegen. Am nächsten Tag probierte ich es mit Rauchen, was ich bis dahin verurteilte und auch gar nicht wirklich toll fand. Aber ich kam über eine Zigarette mit den Menschen in meinem Umfeld in Kontakt, und das war das, was zählte. So fing es ganz harmlos an.

Die Alkoholsucht ist eine Erkrankung, die gesellschaftliche Folgen hat. Wie hat sich Ihr privates und berufliches Leben verändert beziehungsweise wie wurde es beeinflusst?

Ich hatte keine merklichen gesellschaftlichen Folgen durch Alkohol. In meinem Umfeld war es normal zu trinken. In der ersten Firma, in der ich nach der Wende im „Westen“ angefangen habe, stellte man mir am ersten Tag zum Frühstück eine Flasche Bier auf die Maschine, und damit war alles, was ich brauchte, um dort anzukommen, gegeben.

Ich kam sofort ins Team, konnte mit dem Alkohol länger arbeiten, hatte sofort Medizin gegen die niedrigen Temperaturen in der nicht geheizten Halle und habe meine Beine nicht schmerzen gespürt (ich hatte sogar aufgehört, mich zu spüren). Also war das erst mal sehr förderlich für mich im neuen Land und in neuer Umgebung, ich konnte durchstarten und mich wieder über Arbeit definieren beziehungsweise „beliebt“ machen. Die einzige echt schmerzliche Folge war später mein Führerscheinverlust, der mich aber auch nicht hat umkehren lassen, als ich ihn wiederbekam.

Wie sind Ihre Angehörigen und Ihr Umfeld mit Ihnen umgegangen?

Meine Angehörigen sind ja genau wie ich schleichend in meine Sucht reingerutscht, sodass eine gewisse Gewöhnung entstand. Ich bemerkte nicht einmal, wer mir aus dem Weg ging und dass meine Kinder sich immer mehr von mir distanzierten, ich hatte ja für alles meine „Medizin“. Natürlich gab es immer wieder Exzesse, die dann für schlechte Stimmung in der Familie sorgten, die ich aber immer durch Versprechen von Besserung schlichten konnte.

Erst in der Therapie erkannte ich, dass ich ein Alkoholproblem habe beziehungsweise alkoholkrank bin.

Das ging so weit, dass ich ein Jahr ohne Alkohol auskam und dachte, ich hätte damit gar kein Problem, fing dann wieder an, weil ich meinte, jederzeit wieder aufhören zu können, falls es nötig war. Meine damalige Frau hat das dann aber nicht mehr mitgemacht und mich verlassen, als ich wieder im gewohnten Fahrwasser war. Das ließ mich auch nicht aufhören, nun konnte ich ja zu jeder Zeit und Gelegenheit – die gab es immer – zuschlagen und üble Gedanken, schlechtes Gewissen, Probleme und Einsamkeit „wegtrinken“. In meiner neuen Firma, in die ich gewechselt bin, da ich mich in der alten trotz Alkohol überfordert fühlte, wurde meine gelegentliche morgendliche Fahne toleriert, weil ich wieder viel arbeitete und allzeit einsatzbereit war. Bis mir mein Vorgesetzter nach einer Firmenfeier, bei der ich wohl ziemlich arg abstürzte, sagte, ich solle mal etwas an meinem Trinkverhalten arbeiten. Das ließ mich aus noch scheinbar stark vorhandener Scham umkehren und ich ging in die Entgiftung, anschließend zur Therapie mit Unterstützung meiner Firma. Dort erkannte ich erst, dass ich ein Alkoholproblem habe beziehungsweise alkoholkrank bin.

Wie sieht Ihr Alltag heute aus? Haben Sie Tipps zu dem Eingeständnis der Sucht und dem Weg daraus für Betroffene?

Mein Alltag ist heute mit Leben gefüllt, der graue dunstige Nebel, der mich immer umgab im Alkohol, ist weg. Mit anderen Worten, der schlechte Schwarz-Weiß-Film mit dumpfem Ton ist zum Farbfilm in 3-D und Dolby Surround geworden. Kein Lügen mehr, keine Ängste beim Autofahren unter Alkohol, ich kann auf Menschen zugehen und mich einbringen und Ämter übernehmen, sogar Interviews im Internet und sogar Fernsehen geben – und alles ganz frei und ohne meine „Krücke“ beziehungsweise meine vermeintliche „Medizin“, ein Zugewinn im Leben.

Tipps für Betroffene geben mag ich hier nicht so recht. Denn wer sich für betroffen hält, hat eh schon die halbe Miete drin und braucht seinen Weg nur weitergehen hin zu Beratung jeglicher Art, Hausarzt, Selbsthilfegruppen, guten Freunden, Büchern oder wie im Informationszeitalter üblich ins Internet. Er wird seinen Weg aus seinem Dilemma finden. Wer sich wie ich jahrelang nicht für betroffen, also alkoholkrank, hält, wird wie ich keinen Tipp annehmen.

Warum auch, er hat ja, wie auch ich glaubte, kein Problem. Wenn der Leidensdruck am größten ist, ist die Zeit da, für sich etwas zu tun. Tipps hätte ich nur für das leidende Umfeld: Rettet euch, um gesund zu bleiben, und erhöht den Leidensdruck, damit der Betroffene Grund zum Umkehren hat. Das heißt ja nicht zwangsläufig, den Betroffenen gänzlich fallen zu lassen. Wenn er wieder im Lot beziehungsweise gesund ist, ist alles wieder auf Anfang und alles kann sein, was gewünscht ist.