Herr Dr. Wolf, die Deutsche Schmerzliga geht davon aus, dass etwa zwölf Millionen Deutsche unter chronischen Schmerzen leiden, und es werden immer mehr. Warum?

Drei Gründe sind hier zu nennen. Erstens: Die Menschen werden älter. Und im Alter ist die Anfälligkeit für Schmerz höher. Zweitens: Die stärkere Leistungsorientierung und der Termindruck in Beruf und Privatleben führen zu Überbelastung, Burn-out und psychischen Erkrankungen.

Dies spielt eine wesentliche Rolle bei chronischen Schmerzen. Drittens: Die medizinische Ausbildung bezüglich der Behandlung chronischer Schmerzen ist nach wie vor unzureichend. Es bestehen hier erhebliche Defizite in der Ausbildung und auch deutliche Versorgungslücken in der Regelversorgung.

Wie werden chronische Schmerzen diagnostiziert?

Chronische Schmerzen werden oftmals erst nach Monaten und Jahren diagnostiziert. Zu diesem Zeitpunkt ist schon wichtige Zeit für den Patienten verloren gegangen. Die Gründe hierfür sind die mangelnde Fachkenntnis bezogen auf diese spezielle Indikation und die leider etablierte Fünf-Minuten-Medizin. Entscheidend ist deswegen der erste Kontakt mit dem Patienten beziehungsweise die Erstuntersuchung.

Es gilt, eine Beziehung und Vertrauen aufzubauen. In meiner unfallchirurgischen Zeit habe ich das nie so wahrgenommen. Heute erlebe ich – auch bei äußerlich unerschütterlich erscheinenden Menschen –, wie viele Verletzungen, Traumata, Enttäuschungen und persönliche Schicksalsschläge eine wesentliche Mitursache von Schmerzen darstellen. Eine umfängliche Erstuntersuchung beim chronischen Schmerzpatienten unter einer Stunde ist nicht möglich. Auch die oft notwendigen Folgeuntersuchungen sollten mit der üblichen Fünf-Minuten-Medizin nichts zu tun haben.

Wo sehen Sie die Ursache für die Schmerzen?

Chronischer Schmerz ist immer psychisch und körperlich, nie psychisch oder körperlich. Dies ist ein Paradigma in der Schmerztherapie. Deswegen ist es so wichtig, den Patienten ganzheitlich zu therapieren mit schulmedizinischen, komplementärmedizinischen und psychologischen Anteilen. Und auch das soziale Umfeld wie Familie und Beruf muss immer mitberücksichtigt werden.

Immer noch gelten Operationen, speziell an der Wirbelsäule, als Allheilmittel.

Im europäischen Vergleich werden in Deutschland zwei- bis dreimal so viele Patienten an der Wirbelsäule operiert wie in Frankreich oder England. Das sollte uns zu denken geben. Möglicherweise spielt die äußerst attraktive Honorierung von Wirbelsäulen-OPs in Deutschland eine große Rolle. Doch diese sind häufig nicht notwendig und oft erst der Beginn eines langen Leidensweges. Die Folge sind weitere Eingriffe, die häufig vermeidbar wären.

Welche Alternativen gibt es in der Behandlung?

Es gibt eine Vielzahl alternativer konservativer und semiinvasiver Behandlungsmethoden. Bei chronischen Schmerzen im Bereich der Wirbelsäule ist die multimodale Therapie der Goldstandard. Hierbei sind wirbelsäulen- und rückenmarksnahe Infiltrationen in der Hand des Erfahrenen eine bewährte Methode. Dabei wird ein Medikament mithilfe von Röntgennavigation und Kontrastmittelkontrolle direkt an den Ort der Schmerzentstehung eingebracht, also beispielsweise um die entzündlich veränderten Nerven, die verengte Rückenmarksregion oder an die betroffenen Wirbelgelenke. Diese „Eingriffe“ führen bei uns ausschließlich sehr erfahrene Fachärzte durch. 

Welche weiteren Behandlungen unterstützen den Heilungsprozess?

Jeder Patient ist individuell – bei Schmerzpatienten gilt das besonders. Und so müssen die Therapien speziell zugeschnitten sein, wie ein Maßanzug. Die Kombination moderner schulmedizinischer Maßnahmen mit speziellen psychologischen und komplementärmedizinischen Therapien ist hier der Schlüssel zum Erfolg. Entscheidend ist, dass die Patienten den Behandlungserfolg auch in ihr Alltagsleben integrieren können.

Hierfür ist der Patient jedoch zu einem wesentlichen Anteil selbst mit verantwortlich. Bei der Schmerztherapie geht es um verbesserte Lebensqualität, weniger Schmerzen, kurz: um Spaß am Leben. Das ist das angestrebte Ziel der Therapie und kann sehr häufig erreicht werden.

Information

Weitere Informationen erhalten Sie auf: www.johannesbad-fachklinik.de.