Herr Prof. Dr. Winking, heute vor genau einem Jahr, am 12. Dezember 2015, übernahmen Sie das Amt des Präsidenten der Deutschen Wirbelsäulengesellschaft (DWG). Welche Ihrer gesetzten Ziele konnten Sie bereits umsetzen?

Mit der Übernahme so eines Amtes hat man viele Ziele. Mein besonderer Fokus lag in der Fortsetzung der Qualitätsoffensive in der Wirbelsäulenchirurgie, die die DWG vor einigen Jahren initiiert hat. Wir entwickelten ein Zertifikat, das wir allen Wirbelsäulenchirurgen anbieten. Sie können sich dort in einem Modulsystem theoretisch und praktisch fortbilden. Gleiches bieten wir jetzt neu auch konservativ an der Wirbelsäule behandelnden Kollegen an.

Grundsätzlich sollte man auf ausreichende Bewegung achten.

Sie haben die Möglichkeit, sich in Seminaren mit der Wirbelsäule als Organ auseinanderzusetzen und in praktischen Kursen Behandlungstechniken zu erlernen oder zu vertiefen. Um die Qualität in Kliniken zu verbessern, haben wir die sogenannte Zentrenzertifizierung entwickelt. Diese überprüft die Qualität und die Infrastruktur in Kliniken. Sie bewertet die Ausstattung vom Operationssaal über Intensivstationen, die diagnostischen Möglichkeiten bis hin zu Kooperationen mit Nachbardisziplinen.

Die geprüften Kliniken erhalten ein Label, das sie offiziell für ihre Außendarstellung führen dürfen. In diesem Rahmen sind die Kliniken auch verpflichtet, an einem Register zur Sammlung aller Operationsdaten teilzunehmen. Hierdurch soll langfristig die Möglichkeit entstehen, Therapien, Techniken, Implantate und Komplikationen transparent zu überprüfen.

Nahezu 80 Prozent aller Mitteleuropäer leiden mindestens einmal in ihrem Leben an Rückenschmerzen. Was sind Ihrer Meinung nach die häufigsten Ursachen?

Erst mal weise ich darauf hin, dass es völlig normal ist, hin und wieder Rückenschmerzen zu bekommen. Die Ursachen dafür reichen von längerem Sitzen bis hin zu falschen Bewegungen in der Freizeit oder bei der Arbeit.

Die Behauptung, dass psychische Belastungen auch Auslöser für Rückenschmerzen sein können, muss sicherlich im Einzelfall betrachtet werden. Nicht jeder Mensch, der im Lotto gewinnt, ist frei von Rückenschmerzen, nicht jeder, der einen Todesfall zu beklagen hat, wird dazu noch Rückenschmerzen bekommen.

Was kann ich tun, um Rückenschmerzen frühzeitig vorzubeugen?

Grundsätzlich sollte man auf ausreichende Bewegung achten. Entwicklungsgeschichtlich sind wir eigentlich Jäger und Sammler, aber in unserer modernen Gesellschaft zu Sitzenden und Autofahrern verkommen. Die Bewegung kommt in unserem Alltag eindeutig zu kurz. Das Ergebnis davon werden wir in der Regel erst zehn bis 20 Jahre später spüren.

Welche Sportarten empfehlen Sie bei Rücken-, Knochen- und Gelenkproblemen?

Von Laufen über Fußball bis hin zu Hand- oder Volleyball: Ich empfehle erst mal alle üblichen Sportarten, weil das A und O die Bewegung als solche ist. Bei Gelenkproblemen ist Schwimmen sinnvoll, weil man sich dabei sozusagen „schwerelos“ im Wasser fortbewegt. Bei Rückenbeschwerden hilft das Radfahren häufig, weil es die Wirbelsäule entlastet.

Radfahren führt zu Aktivität der Muskulatur bei entlastetem Rücken, trainiert ihn aber nicht aktiv.

Wir haben heute eine Gesundheitsindustrie, die einem vorgaukelt, man müsse dieses oder jenes Produkt erwerben, damit es Rücken und Gelenken besser geht. Es ist jedoch nicht nachgewiesen, dass diese funktionieren. Auch vertrete ich die Devise, dass es nicht unbedingt erfolgsversprechend ist, sich mal an Geräten im Fitnessstudio abzuarbeiten oder im Rahmen einer Reha-Anwendung Wassergymnastik zu machen. Sie dürfen von diesen Maßnahmen nur dann Erfolge erwarten, wenn die langfristig angewendet werden.

Üblicherweise sind Patienten jedoch dann motiviert, wenn sie Beschwerden haben. Sind diese rückläufig, sinkt auch die Motivation, Reha-Sport oder Ähnliches zu machen. Was ja verständlich ist bei Übungen, die primär irgendwelche Organsysteme trainieren sollen, sonst jedoch kein zusätzliches Spaßmoment haben. Das kann Vereins- oder Gruppensport sehr viel besser erreichen, besonders bei Sportarten, die einen gewissen Wettkampfcharakter haben. 

Welche positiven Auswirkungen hat das Radfahren auf den Rücken?

Radfahren führt zu Aktivität der Muskulatur bei entlastetem Rücken, trainiert ihn aber nicht aktiv. Haben ältere Menschen eine Spinalstenose in der Lendenwirbelsäule, die zur Bedrängung der Nerven führt, können sie meist nur noch kurze Strecken gehen. Das Fahrradfahren funktioniert aber noch uneingeschränkt. Der Grund dafür ist, dass sich durch die vorgebeugte Körperhaltung beim Fahrradfahren der Querdurchmesser des Wirbelkanals vergrößert und die Nerven dadurch ungehindert verlaufen können.

Woran erkennt man einen Bandscheibenvorfall?

Einen Bandscheibenvorfall am Halswirbel erkennt man in der Regel durch einseitige starke Schmerzen, die über die Schulter in den Arm und eventuell in die Hand und die Finger ziehen.

Einen Bandscheibenvorfall im Lendenwirbelbereich erkennt man daran, dass der Schmerz ebenfalls einseitig in das Bein zieht. In den meisten Fällen treten diese Schmerzen plötzlich oder nach einer Phase von reinen Rücken- oder Nackenschmerzen auf.

Warum sind immer häufiger auch junge Menschen von einem Bandscheibenvorfall betroffen?

Beobachten Sie junge Menschen: Häufig sitzen sie rum und daddeln mit ihren Handys (lacht). Die Bewegung kommt hier aber eindeutig zu kurz, was ja nicht nur ein Problem für den Rücken sein kann. Sportlehrer in Grundschulen beklagen sich darüber, dass Kinder zunehmend Koordinationsstörungen haben und kaum mehr auf einem Bein stehen können.

Haben Sie stärkere Schmerzen, die Sie nach einem Zeitraum von zwei Wochen nicht ausreichend in den Griff bekommen, sollten Sie den Hausarzt aufsuchen.

Dieser Mangel an körperlicher Aktivität wirkt sich nach Jahren aus und kann dann zu Rückenschmerzen bis hin zu Bandscheibenvorfällen führen. Darüber hinaus zeigen Untersuchungen, dass auch ein Zusammenhang mit dem Körperlängenwachstum besteht. Die Kinder in unserer westlichen Welt werden größer, was dann in einem erhöhten Aufkommen von Bandscheibenvorfällen unter den Jugendlichen mündet.

Der dritte Grund ist, dass wir heute in einer Gesellschaft leben, die es sich leisten kann, auch bei kleinen Beschwerden extensive Diagnostik zu betreiben. Haben Sie heute eine Woche Rückenschmerzen, wird eine Kernspintomografie gemacht. Es folgen dann spezielle Therapiemaßnahmen, und wenn die nicht helfen, wird möglicherweise operiert. 

Zu welcher Vorgehensweise raten Sie bei einem Bandscheibenvorfall?

Haben Sie stärkere Schmerzen, die Sie nach einem Zeitraum von zwei Wochen nicht ausreichend in den Griff bekommen, sollten Sie den Hausarzt aufsuchen. Da Rückenschmerzen einer der häufigsten Gründe ist, einen Arzt aufzusuchen, haben Hausärzte mittlerweile große Erfahrung damit. Wenn der Schmerz länger als vier Wochen andauert, sollte ein Kernspintomogramm angefertigt und ein Neurochirurg oder Orthopäde aufgesucht werden.

Jeder muss individuell für sich schauen, was und welche Aktivitäten ihm guttun.

Der sollte im Rahmen einer klinischen Untersuchung abklären, ob Ausfälle bestehen, und gemeinsam mit dem Patienten überlegen, welche Therapie sinnvoll ist. Lässt sich durch konservative Maßnahmen das Beschwerdebild nicht ausreichend beeinflussen, ist zu fragen, ob nicht durch eine Operation eine Heilung erreicht werden kann.

Die allererste Maßnahme bei Rückenproblemen sollte grundsätzlich die Schmerzreduktion sein. Analgetika sind hier sicherlich die erste Wahl, also Schmerzmittel wie Ibuprofen oder Diclofenac. Damit früh zu beginnen, ist wichtig, da durch die Schmerzen eine Schonhaltung eingenommen wird, die ihrerseits das Beschwerdebild verstärken kann und schließlich in einem Schmerzkreislauf mündet.

Dieser muss durch das Schmerzmittel unterbrochen werden. Während der akuten Schmerzphase ist Aktivität und Sport kontraproduktiv. Sport sowie Reha et cetera sind Maßnahmen, die vorher und hinterher wichtig sind, in der Schmerzphase jedoch eher verstärkend wirken. Fakt ist: Es gibt keine Sportart, die nachweislich zu einem Bandscheibenvorfall führt. Das gilt auch für Yoga oder andere Bewegungsarten, denen so etwas manchmal nachgesagt wird. Jeder muss individuell für sich schauen, was und welche Aktivitäten ihm guttun – Hauptsache, Sie bewegen sich.