Wie alt waren Sie, als die Bulimie bei Ihnen begann, und – im Nachhinein betrachtet – was hat sie ausgelöst?

Ich war 21 Jahre, als ich wegen einer chronischen Sehnenscheidenentzündung meinen Leistungssport (Rudern) aufgeben musste. Mein ganzes Leben war auf den Sport aufgebaut. Mein Traum und das Ziel waren die Olympischen Spiele in Peking 2008. Dieser Traum ist zerplatzt und ich wusste erst mal nichts mit mir und meinem Leben anzufangen.

Da das Essen während der Leistungssportzeit schon immer einen großen Stellenwert in meinem Leben hatte und ich wahnsinnig gerne und viel gegessen habe, wollte ich diesen Teil nicht auch noch verlieren, aber zunehmen wollte ich auch nicht. Deswegen fing ich an, extrem vielseitig Sport zu treiben, bis zu sechs Stunden am Tag. Dabei habe ich angefangen, ständig mein Gewicht zu kontrollieren: vor und nach dem Sport, vor und nach dem Essen. Das gab mir Sicherheit.

Irgendwann hatte mein Körper keine Kraft mehr, so extrem viel Sport zu machen. Ich wollte gleichzeitig aber immer noch sehr viel essen, und deswegen kam ich schlussendlich auf die Idee, mich nach dem Essen zu übergeben. Nach dem Übergeben habe ich immer mein Gewicht kontrolliert und gesehen, dass ich nur 100 Gramm mehr als vor dem Essen wog. Ich dachte, dass das die Lösung meines Lebens ist: Ich kann essen, was ich will, wenn ich mich danach übergebe. Dies war der Moment, der mich im Endeffekt in die Bulimie getrieben hat.

Haben zuerst Sie oder Ihr Umfeld gemerkt, dass Sie krank sind?

Man selbst als Betroffene oder Betroffener steckt ziemlich lange in der Verleugnungsphase der Krankheit. Die Einsicht kommt meist viel später. Ich wurde von einer Kollegin auf der Arbeit angesprochen, die bemerkt hatte, dass mein Essverhalten, mein Gewicht und meine Stimmung sich verändert hatten. Sie hatte Gott sei Dank den Mut, auf mich zuzukommen und ihre Besorgnis zu äußern. Ich habe mich damals extrem geschämt und bin in Tränen ausgebrochen. Doch irgendwie war es auch eine Entlastung, das Lügengebäude, das ich mir aufgebaut hatte, nicht mehr aufrechterhalten zu müssen. Auch meine Mutter sprach mich auf mein verändertes Verhalten an. Sie sagte mir im Nachhinein, dass sie es sehr auffällig fand, dass ich nach dem Essen oft auf die Toilette verschwunden bin und einen extremen Kaugummikonsum entwickelte.

Wie haben Sie sich selbst in dieser Phase wahrgenommen und wann kam dann die Wende?

Ich habe in meiner selbst geschaffenen Bulimiewelt gelebt! Meine Gedanken drehten sich nur darum, wann und wo ich den nächsten Essanfall heimlich durchführen konnte. Das Allerwichtigste für mich war, den Schein nach außen zu wahren, damit mein Geheimnis nicht entlarvt wird.

Selbst als ich darauf angesprochen worden bin und dann auch sehr schnell entschieden hatte, in eine Klinik zu gehen, dachte ich, dass ich nach sechs bis acht Wochen Klinikaufenthalt wieder ein normales Leben führen kann. Dies stellte sich aber als komplette Fehleinschätzung heraus.

Die erste Klinik verließ ich nach viermonatigem Aufenthalt. Ich hatte wieder gelernt, regelmäßig und ausgewogen zu essen (drei Mahlzeiten am Tag), hatte aber schon während des Aufenthalts wieder Rückfälle und war emotional auch noch nicht stabil genug, um im Alltag die Essstruktur fortzuführen. So verging nur ein halbes Jahr, bis ich wieder in einer Klinik landete. In dieser Klinik lernte ich zu verstehen, wo die Essstörung eigentlich ihre Ursachen hat und wieso ich mich verhalte, wie ich mich verhalte. Ich war immer sehr motiviert für die Therapie und konnte sehr viel über mich lernen.

Aus meiner Erfahrung heraus kann ich nur empfehlen, über einen langen Zeitraum eine interdisziplinäre Begleitung von Fachpersonal in Anspruch zu nehmen, um nachhaltig ein stabiles Essverhalten zu gewährleisten.

So habe ich es geschafft, über einen langen Zeitraum keine Rückfälle mehr zu haben und ein geregeltes und glückliches Leben zu führen. Ich bin jetzt seit viereinhalb Jahren symptomfrei.

Was machen Sie heute, um einen erneuten Ausbruch zu verhindern?

Ich habe immer noch von Zeit zu Zeit Therapie bei meinem langjährigen Psychologen, wenn es akute Stresssituationen oder Probleme gibt. Das gibt mir Sicherheit und es tut immer gut, eine neutrale Sichtweise auf Dinge zu bekommen, die man selbst sehr subjektiv bewertet.

Ich studiere mittlerweile im siebten Semester Soziale Arbeit und werde nächstes Jahr selbst fertige Sozialpädagogin sein. Ich habe mich letztendlich für diesen Beruf entschieden, weil ich anderen Menschen zeigen möchte, wie man aus Krisensituationen herauskommen und sogar an ihnen wachsen kann.

Der Weg aus der Krankheit war langwierig und teils sehr hart, aber ich sehe diese Zeit als große Bereicherung meines Lebens, da ich nur dadurch herausgefunden habe, wer ich bin und was mich als Persönlichkeit ausmacht.