Frau Rackwitz, in Ihrem neuen Buch „Ich tick nicht richtig“ beschreiben Sie Ihr Leben mit Wasch- und Kontrollzwang. Wie äußert sich das?

Ich leide seit über 20 Jahren an Zwängen, die aus Ängsten resultieren.

Der Kontrollzwang und der Waschzwang sind am stärksten ausgeprägt. Der Waschzwang rührt aus der Angst, etwas am Körper zu haben, was diesem sehr schadet oder schlimmes Unheil bringen wird. Durch mehrfach wiederholtes Waschen der betreffenden Körperstellen, meist der Hände, mit sehr scharfen Reinigungsmitteln wird die Angst gemildert.

Was war der Auslöser für Ihre Zwänge?

Ich hatte in der Kindheit ein traumatisches Erlebnis: Mein Vater ist über ein Jahr hinweg sehr langsam und qualvoll an Magenkrebs gestorben. Die Erwachsenen versuchten, das ganze Leid und die schreckliche Wahrheit zu unserem vermeintlichen Schutz von uns Kindern fernzuhalten. Dadurch wurde unser Vati völlig unvorbereitet aus unserem Leben radiert.

Ich musste abends immer schauen, ob alles sicher ist.

Auch nach seinem Tod wurde nie wieder darüber gesprochen. Dazu kam, dass ich mit meinen sechs Jahren realisiert habe, dass das Leben endlich ist – was für mich sehr furchtbar war und nicht wirklich fassbar. Hinzu kam, dass der Friedhof, auf dem mein Vati beerdigt wurde, direkt neben unserem Haus war.

Mir wurde also tagtäglich vor Augen geführt, dass alles ein Ende hat, doch mein Kopf hat das Geschehene versucht komplett auszublenden. Was das perfekte Beispiel von nicht ausgelebter Trauer ist.

Dadurch haben sich bereits in der Kindheit Auffälligkeiten bei mir gezeigt. Ich musste abends immer schauen, ob alles sicher ist – unterm Bett, hinter den Vorhängen, die Türklinken –, damit ja nicht noch ein Unglück passiert. Mit Beginn der Teenagerzeit hat sich das aber wieder gelegt, verwachsen sozusagen.

Dann kam jedoch die Wende, und die hat mir den Boden unter den Füßen zum zweiten Mal weggerissen – das war der Auslöser für meine heutigen Zwänge.

Wie kann das sein? Waren Sie politisch engagiert?

Nein, mit Politik hatte ich gar nichts am Hut. Doch meine Welt, wie ich sie kannte, in der ich mich sicher und pudelwohl gefühlt habe, gab es scheinbar von heute auf morgen nicht mehr. Alles, was mir lieb und teuer war, war weg – Kinderbücher, Lebensmittel, Straßenname.

Man sollte sofort zum Arzt gehen, wenn man einen Zwang bei sich bemerkt.

Was dafür kam, habe ich nicht mehr verstanden, die Menschen haben sich auch verändert – ich kam damit nicht zurecht und die Zwänge haben angefangen. Ich konnte beispielsweise plötzlich nicht mehr das Erste aus der Reihe im Supermarkt nehmen. Ich hatte Angst, jemand hätte es vergiftet. Der Prozess war schleichend, aber unaufhaltsam.

Kann man nichts dagegen tun?

Man kann, aber es ist nicht ganz so einfach, da die Ursachenforschung extrem komplex ist.

Ich wollte das nicht wahrhaben, habe mich zum Teil auch für mein Leiden geschämt.

Der Lebenslauf muss durchleuchtet werden, die Psyche, die seelische Grundlage – hat derjenige ein dickes oder dünnes Fell –, was wurde an Genen mitgegeben und welche Dinge haben den Menschen geprägt.

Der Psychologe muss quasi bei null anfangen. Man sollte sofort zum Arzt gehen, wenn man einen Zwang bei sich bemerkt, dann ist es auch sehr gut therapierbar und artet nicht aus – wie bei mir.

Warum haben Sie nicht früher gehandelt?

Ich wollte das nicht wahrhaben, habe mich zum Teil auch für mein Leiden geschämt, habe gelernt, damit zu leben, aber es hatte irgendwann einen Punkt erreicht, wo es nicht mehr ging. Seitdem habe ich therapeutische Hilfe in Anspruch genommen.

Schon morgens aufzustehen und zu duschen, ist für mich ein großer Akt.

Jetzt fehlt noch die Konfrontationstherapie. Aus diesem Grund gehe ich nächstes Jahr für sechs Wochen in eine Klinik. Dort wird versucht, die schlechten Gedanken durch gute zu überschreiben. Die Zwangsgedanken sind nicht löschbar, aber sie werden durch betreute Konfrontation mit der Angst im Gehirn positiv umcodiert. Ich hoffe sehr, dass diese Konfrontationstherapie Wirkung zeigt.

Zudem nehme ich natürlich Tabletten, Psychopharmaka. Durch sie ist vieles etwas leichter geworden. In welchem Maße, kann ich nicht sagen, denn ich kenne ein Leben ohne nicht mehr.

Wie kann man sich Ihren Alltag vorstellen? Einfach mal durch die Stadt bummeln, shoppen, Kaffee trinken – das muss schwierig für Sie sein!

Ich kann vieles tun, all das bedeutet für mich eben nur einen Riesenaufwand an Vor- und Nachbearbeitung, da ich ständig versuchen muss, die Angst im Griff zu behalten.

Man überlegt bei jedem Menschen, den man an sich heranlässt, ob er das wert ist.

Schon morgens aufzustehen und zu duschen, ist für mich ein großer Akt, besonders das darauffolgende Anziehen von Slip und Hose. Ich muss meine Füße da durchbalancieren, die Füße laufen aber auf dem Boden, vor dem ich Angst habe.

Wenn ich den Slip anziehe, darf ich nirgendwo anecken. Wenn mein Fuß rechts oder links aneckt, muss ein neuer Slip her. Wenn so irgendwann kein sauberer Slip mehr übrig bleibt, komme ich nicht aus der Wohnung.

Schwierig müssen Ihre Ticks auch im privaten Umfeld sein. Wirken sie sich auf Beziehungen und Freundschaften aus?

Leidet man an Zwängen, sind soziale Kontakte generell schwierig. Das ist das leider recht erfolgreiche Konzept des Zwangs, er versucht, dich stets zu isolieren, da er dich so fest in der Hand hat. Jegliche Ablenkung schwächt die Zwänge. Ich bin im Umgang mit Menschen sehr vorsichtig und lasse nur wenig Kontakt zu. Wenn man solche Neurosen hat, beschäftigt man sich zu viel mit sich selbst.

Ich wünsche mir wieder zu 100 Prozent HANKA zu sein!

Man muss viel überlegen, was einem guttut und wo man Kraft tanken kann. Und dadurch betrachtest du auch deinen Freundeskreis sehr analytisch. Jegliche Oberflächlichkeit fällt somit durchs Raster. Man überlegt bei jedem Menschen, den man an sich heranlässt, ob er das wert ist. Einige Menschen in deinem Umfeld reagieren auch mit Ablehnung. So ist eben kaum jemand geblieben.

So betrachtet, ist das aber auch in Ordnung. Ich bin außerdem gerne mit mir allein. Ich lebe gern in meiner Welt, habe fast immer gute Laune und träume gern, bin viel in der Natur. Da überlegt man schon sehr, wen man in diese Welt lässt und wer diese eventuell kaputt macht. Aber natürlich hätte auch ich gern gute Freunde.

Doch ich gebe die Hoffnung nicht auf. Aber erst einmal muss ich mich um mich kümmern, denn ich wünsche mir vor allem eins: wieder zu 100 Prozent HANKA zu sein!

Buchtipp

Ca. 3 Prozent aller Deutschen leiden an einer Zwangsstörung.

Hanka Rackwitz berichtet aus ihrem "Neurosengarten". In Ihrem Buch gibt sie Einblick, weshalb ihre Zwänge entstanden sind und wie sie heute damit umgeht.

Außerdem möchte sie anderen Betroffenen damit Mut machen und helfen.

183 Seiten