Fest steht: Tabus entspringen nicht unserem eigenen Kopf, sondern sind gesellschaftlich auferlegt. Wir lernen schon von Kindesbeinen an, dass gewisse Tabugrenzen einzuhalten sind, und schließen uns dieser stillschweigenden Übereinkunft an. Werden diese Grenzen überschritten, ist uns antrainiert, dass wir uns in Grund und Boden schämen und von Peinlichkeit berührt sind. In manchen Fällen müssen wir sogar mit Sanktionen rechnen.

Tabus können dabei alle Lebensbereiche betreffen, bestimmte Handlungen, Verhaltensweisen und vor allem den menschlichen Körper. Während Wilhelm Busch von „reizenden und pikanten“ Dingen und Geschichten spricht, berühren Tabus aber auch vielfältige körperliche Schwächen, Beeinträchtigungen und Krankheiten.

Der menschliche Körper als Tabuzone

Wesentliche Tabubereiche sind in dieser Hinsicht schnell ausgemacht: Es kann sich dabei um sexuell übertragbare Infektionen wie HIV und Chlamydien handeln genauso wie Blasenschwäche und bei Frauen Scheidentrockenheit. Mit einem Tabu belegt sind außerdem Alkoholsucht, Depressionen, Essstörungen, aber auch das Glücksspiel. Einige dieser Tabus werden im Alltag heruntergespielt und auf ein gesellschaftlich akzeptiertes Maß heruntergebrochen, wie das tägliche Feierabendbier.

Viele Menschen suchen erst sehr spät Hilfe und lassen sich beraten und behandeln. Andere jedoch wagen diesen Schritt nicht und bleiben mit ihrem Leiden alleine. Dieser gesellschaftlich auferlegte Rückzug, diese Sprachlosigkeit, birgt allerdings Konsequenzen, die zulasten der Menschen gehen: ihrer Lebensqualität, ihrer Gesundheit und ihrer sozialen Beziehungen. Verheerend wird es, wenn das eigene Leiden verleugnet wird. Neben erheblichen gesundheitlichen Folgen birgt dies, etwa im Falle einer sexuell übertragbaren Infektion, auch die Gefahr, dass sich andere Menschen infizieren.

Menschen nicht alleinlassen

Hilfebedürftige Menschen dürfen nicht alleingelassen werden. Die Hilfe beginnt damit, Tabuthemen offen anzusprechen und eine gesellschaftliche Atmosphäre der Akzeptanz und Toleranz zu schaffen. Wir müssen unsere selbst auferlegte und gesellschaftlich vorgegebene Sprachlosigkeit überwinden, sei es in Schulen, zu Hause oder im öffentlichen Diskurs.

Nur wenn Tabus keine Tabus mehr sind, ist wirkliche Hilfe möglich und Präventionskampagnen können fruchten. Dafür sind ein Umdenken in unseren Köpfen und eine offene Sprache notwendig. Mit anderen Worten: Wir müssen unsere Ängste und unsere Scheu ablegen und beginnen, Tabugrenzen zu durchbrechen.