Was motiviert Sie, die Deutsche Tinnitus-Stiftung zu unterstützen?

Mich motivierte ein Piepen in meinem linken Ohr. Das habe ich mir auf einer Tour geholt – sicherlich auch stressbedingt. Vorher war das für mich nie ein Problem. Nur einmal vor Jahren, als unser Tontechniker selbst einen Tinnitus hatte und zwei Tage ausfiel, sodass wir kurz die Tour unterbrechen mussten.

Jetzt weiß ich, wie das Gefühl ist, Tinnitus zu haben, ich weiß, wie es ist, wenn das Gehör nicht mehr richtig funktioniert.

Ich bekam meinen Tinnitus zusammen mit einem Hörsturz. Als ich nach der Show von der Bühne kam, merkte ich beim Spaziergang über das Festivalgelände ein heftiges Fiepen im linken Ohr. Und ich konnte rechts wesentlich besser hören als links. Mein Tinnitus ging nicht sofort weg, das hat drei Tage gedauert, am vierten Tag hat es sich wieder etwas angeglichen – ich hatte Glück. Gelegentlich kommt das Fiepen wieder, zum Beispiel wenn der Stress sehr groß ist. Das ist für mich sehr unangenehm, weil ich doch von meinem Gehör abhängig bin. Ich bin ja nicht nur Sänger, sondern auch Produzent.

Das heißt, ich muss mich im Studio auf mein Gehör verlassen können. Wenn meine Ohren versagen, dann steht mein Leben auf dem Kopf. Das habe ich leider erst relativ spät bemerkt, nämlich als es zu spät war. Jetzt weiß ich, wie das Gefühl ist, Tinnitus zu haben, ich weiß, wie es ist, wenn das Gehör nicht mehr richtig funktioniert. Das war dann für mich die Motivation – die Aufklärungsarbeit der Deutschen Tinnitus-Stiftung Charité unterstütze ich gerne.

Wird über das Thema Tinnitus unter Musikern offen gesprochen? Haben Sie vielleicht sogar schon mit Ihrem Publikum darüber sprechen können?

Ich glaube, dass das mein Publikum und meine Fans etwas weniger interessiert. Ich habe das damals kurz gepostet: „Freunde, ich bin mal raus für zwei Tage.“ Insofern wissen die das schon.

Unter Musikern ist das eigentlich eine relativ offene Geschichte – soweit ich das weiß. Ich habe genügend Kollegen, von denen ich weiß, dass sie mit dem Gehör Probleme haben. Ob die das selbst öffentlich machen oder nicht, müssen sie natürlich selbst entscheiden. Ich persönlich glaube, dass es sinnvoll ist, solche Dinge öffentlich zu machen. Wenn zum Beispiel jemand Depressionen hat, macht es meist Sinn, darüber zu sprechen und sich nicht nur alleine damit zu beschäftigen. Es hilft einfach, wenn man solche Sachen nicht allein ausbadet. Aber leider ist das relativ weitverbreitet.

Wie gehen professionelle Musiker wie Sie auf der Bühne mit dem Thema Gehörschutz um? Benutzen Sie selbst auch Gehörschutzstöpsel?

Es gibt unterschiedliche Arten von Musikern. Einige stehen grundsätzlich nur mit Ohrschutzstöpseln auf der Bühne, andere nicht. Es gibt Musiker, die dermaßen laut auf der Bühne sind, dass ihnen früher oder später sowieso die Ohren wegfliegen werden, die meisten von ihnen haben jetzt schon ein Gehörproblem – das gilt übrigens auch für klassische Musiker und nicht nur für Rockmusiker. Im Orchestergraben ist das sogar sehr weitverbreitet, insbesondere bei den Blechbläsern und Schlagzeugern und allen, die in der Nähe stehen.

Ich würde mir wünschen, dass noch mehr Menschen darüber informiert werden, wo Tinnitus herkommt.

Ich selbst kann mit Gehörschutzstöpseln nicht arbeiten. Wenn ich mir die Ohren zustöpsele, dann höre ich nicht alles. Ich habe mich irgendwann entschieden, Musiker in dieser Sparte zu werden, und da ist es dann auch hin und wieder ein bisschen lauter. Damit muss ich leben. Aber ich muss es auch nicht übertreiben.

Bei den Jugendlichen sehe ich die eigentliche Problematik nicht darin, dass sie einmal auf ein lautes Konzert gehen. Die größere Gefahr sehe ich darin, dass sie von Kindheit an mit dem iPod und Vollgas auf dem Ohr durch die Gegend gehen. Über die Folgen davon  informiert die Stiftung bereits auf Festivals und Großveranstaltungen. Diese Arbeit muss weiter gehen.

Was würden Sie sich über die Aufklärung von Tinnitus wünschen?

Ich würde mir wünschen, dass noch mehr Menschen darüber informiert werden, wo Tinnitus herkommt. Meiner Meinung nach ist es eine Kombination aus verschiedenen Dingen. Bei den meisten Leuten, die ich kenne, führt die Kombination aus körperlicher Anstrengung, Lautstärke und vor allem Stress als Hauptfaktor irgendwann zu einem Hörsturz und dann zu Tinnitus.

Leider gibt es in Deutschland bisher noch immer zu wenig finanzielle Unterstützung für die Tinnitusforschung. Was wünschen Sie sich von Politik und Wissenschaft?

Ich wünsche mir, dass man die Grundprinzipien ändert, die dazu führen, dass die Menschen so viel Stress haben. Wir leben in einer wahnsinnig schnellen Gesellschaft. Wir haben uns in ein Leben hineinzwängen lassen, das so schnell und so anstrengend ist, machen uns ständig Sorgen, sodass Stress mittlerweile eine ganz „normale“ Krankheit geworden ist. Die Leute haben Tinnitus und Burn-outs oder Überstresssyndrome.

Wir alle müssen begreifen, dass die Art, wie wir unser Leben führen, dass der mediale Wahnsinn, der uns umgibt, falsch ist.

Das sind keine Modekrankheiten, wie oft behauptet wird, sondern die Folgen davon, dass unsere Gesellschaft einen falschen Weg einschlägt. Hier müssen wir „angreifen“: Wir sollten überlegen, wie wir es als Gesellschaft hinkriegen, nicht immer schneller, höher und weiter zu müssen. Eine leichte Entschleunigung zu propagieren, wäre die bessere Variante.

Wenn wir allerdings immer weiter Facebook, Instagram, Snapchat und unseren Handys hinterherlaufen, dann wird sich an der Situation nichts ändern. Das ist ein gesellschaftliches, ein politisches Problem. Deshalb fände ich es auch schön, wenn Menschen, die keinen Tinnitus haben, sich damit beschäftigen, wie es den Menschen geht, die einen haben. Wir alle müssen begreifen, dass die Art, wie wir unser Leben führen, dass der mediale Wahnsinn, der uns umgibt, falsch ist. Wir rennen wie Lemminge in einem Wahnsinnstempo mit – bis die Lemminge den Abgrund erreichen. Wenn das gebrochen wird, wenn diejenigen, die noch keinen Tinnitus haben, mit denen solidarisch sind, die schon einen haben, dann können wir gemeinsam die Gesellschaft ein bisschen verändern.