Als bei Regina gar nichts mehr ging, tippte sie auf Burn-out. Wochenlang konnte die heute 58-Jährige nach ihrem Umzug vom Saarland nach Leipzig die Kartons nicht auspacken, so kraftlos war sie.

Dass HIV dahinter steckte, ahnte Regina nicht einmal.

„Ich war dreimal verheiratet, bin nie aus der Ehe ausgeschert, hatte drei gesunde Söhne bekommen. Wer denkt denn da an Aids?“, erinnert sich die forsche Frau, die lange als Buchhalterin gearbeitet hat. „Ich war sehr naiv“, fügt sie dann hinzu.

Aids ist längst vermeidbar

Wie Regina geht es in Deutschland jedes Jahr mehr als 1.000 Menschen. Sie erkranken an Aids, obwohl die Krankheit heute längst vermeidbar ist – die meisten, weil sie nichts von ihrer HIV-Infektion wissen.

Die Kampagne „Kein AIDS für alle!“ der Deutschen AIDS-Hilfe (DAH) will das verhindern. Das Ziel: Ab 2020 soll in Deutschland niemand mehr an Aids erkranken.

Zum Zeitpunkt ihrer Diagnose hat Regina bereits eine jahrelange Leidensgeschichte hinter sich.

„Die Vereinten Nationen wollen Aids bis 2030 beenden“, sagt Winfried Holz vom Vorstand der Deutschen AIDS-Hilfe. „Deutschland mit seinem leistungsfähigen Gesundheitssystem kann das früher schaffen!“

Medikamente halten das HI-Virus heute zwar zuverlässig in Schach.  Es kann dann kaum noch Schaden im Körper anrichten und ist nicht mehr übertragbar. HIV-positive Menschen haben eine fast normale Lebenserwartung. HIV muss also nicht mehr zu Aids führen.

Doch eine Therapie kann nur machen, wer von seiner Infektion weiß. Und viele Menschen lassen sich nicht testen. Weil ihnen nicht bewusst ist, dass sie sich infiziert haben könnten. Oder weil sie ihr Risiko aus Angst vor einer HIV-Infektion verdrängen.

Knapp 13.000 Menschen leben folglich in Deutschland unwissentlich mit HIV – viele schon jahrelang. Und nicht wenige bleiben sogar dann noch ahnungslos, wenn sie bereits schwer erkrankt sind.

Auch Ärzte denken oft nicht an HIV

Zum Zeitpunkt ihrer Diagnose hatte Regina bereits eine jahrelange Leidensgeschichte hinter sich. Zahlreiche Erkrankungen wiesen lehrbuchmäßig auf HIV hin: Gürtelrose, Hirnhautentzündung, chronischer Durchfall über anderthalb Jahre.

„Das Virus hat sich bei mir richtig ausgetobt“, sagt Regina lakonisch, „es ging bergab.“

Die Diagnose ist zunächst eine Katastrophe für sie.

Doch bei ihrem Arztmarathon kam kein Mediziner auf die Idee, einen HIV-Test zu machen. Unzählige Male wird ihr Blut abgenommen, zig verschiedene Tests gemacht. Nur den Test, auf den es angekommen wäre, schlägt niemand vor.

Das ist kein Einzelfall: Oft scheuen Mediziner wie Patienten das Thema HIV, würde es doch bedeuten über Sexualität zu sprechen, vielleicht Annahmen über Treue in der Partnerschaft in Frage zu stellen, bei Männern steht das Thema Homosexualität im Raum.

„Insbesondere bei Frauen ist Sexualität in der ärztlichen Praxis kein Thema mehr, wenn die Familienplanung abgeschlossen ist“, weiß Annette Haberl, Leiterin des Bereichs HIV und Frauen im HIV Center des Universitätsklinikums Frankfurt.

Ein positiver HIV-Test ist kein Todesurteil mehr

Regina nimmt das Ruder schließlich selbst in die Hand und geht zur Blutspende. „An HIV habe ich da immer noch nicht gedacht. Aber ich wusste, da werden zahlreiche Blutuntersuchungen gemacht.“

Der Weg wird nicht zur Nachahmung empfohlen. Doch für Regina bringt er des Rätsels Lösung. Als der Blutspendedienst anruft und sagt, sie müsse noch einmal wiederkommen, ahnt sie, was los ist.

Regina hat sich wahrscheinlich bei einem ihrer Ehemänner infiziert.

Die Diagnose ist zunächst eine Katastrophe für sie. „Das war ein totaler Schock, so viel Adrenalin hat mein Körper noch nie ausgestoßen. Ich habe gedacht: Jetzt sterbe ich. Ich bin tot. Der Arzt hat mir dann zum Glück gleich gesagt: Nein, das ist Quatsch, so ist das nicht mehr!“

Das ist der Schlüssel: Wer weiß, dass man mit einer behandelten HIV-Infektion gut leben kann, mit einer unbehandelten jedoch Aids bekommt, wird eher zum Test gehen. Veraltete Horrorbilder hingegen schrecken vom HIV-Test ab – und werden so zur selbsterfüllenden Prophezeihung.

Regina steht wieder voll im Leben

„Im Zweifel ein HIV-Test!“, lautet daher die wichtigste Botschaft der Kampagne „Kein AIDS für alle!“ Wichtig ist zugleich, sich über potenzielle Risiken Gedanken zu machen.

Regina hat sich wahrscheinlich bei einem ihrer Ehemänner infiziert, der aus Afrika stammte, wo HIV sehr häufig vorkommt. Genau weiß sie es allerdings nicht und es spielt für sie auch keine Rolle: „Was soll ich mit dem Wissen anfangen? Für Vorwürfe habe ich keine Zeit.“

Die hat sie wirklich nicht. Die Medikamente haben gut angeschlagen. Und obwohl ein paar Schäden im Gehirn zurückgeblieben sind, die zum Beispiel ihr Kurzzeitgedächtnis beeinträchtigen, führt Regina heute wieder ein sehr aktives Leben. Sie erledigt die Buchhaltung für ihren Ex-Mann, der Holz nach Deutschland importiert, veranstaltet Verkaufspartys für Duftlampen und unterstützt ihre Eltern bei alltäglichen Erledigungen.

Und sie kümmert sich um ihre beiden Hunde, die Möpse Happy und Henry. „Die retten mir jeden Tag das Leben, weil sie dafür sorgen, dass ich bei jedem Wetter vor die Tür komme“, sagt Regina und lacht.

Information

Wer mehr über "Kein AIDS für alle" erfahren möchte, kann sich auf kein-aids-fuer-alle.de informieren.