Geben Sie uns bitte einen kurzen Einblick in Ihren Praxisalltag: Wie viele Patienten sind wegen einer HIV-Infektion bei Ihnen in Behandlung?

Wir haben eine Praxis mit drei Ärzten, die ich vor zehn Jahren übernahm. Insgesamt betreuen wir um die 500 Patienten. Ich selbst um die 250. Im Schnitt kommt alle zwei Monate ein neu Infizierter hinzu.

Wie veränderte sich Ihre Arbeit in der Betreuung von HIV-Patienten?

Als ich vor 25 Jahren meine Facharztausbildung in einer Klinik absolvierte, war es noch eine Krankheit, die wir nicht behandeln konnten. Seit Ende der 1990er Jahre gibt es gute, wirksame Therapien. Sie kommen mit deutlich weniger Tabletten aus, die viel verträglicher sichd. Es wurde immer einfacher, Patienten mit HIV zu behandeln.

Wie gehen Sie mit den betroffenen Patienten um, wenn sie Ihnen die Diagnose HIV-positiv überbringen müssen?

Einerseits sind die Leute geschockt. Dann will ich Ihnen vermitteln, dass ich diesen Schock sehr ernst nehme. Andererseits kann ich ihnen sagen, dass das eine effektiv zu behandelnde Krankheit ist, mit der es sich gut leben lässt. Die Lebensqualität und -erwartung bleibt bei rechtzeitiger Diagnose und Behandlung erhalten. Das ist generell wichtig zu kommunizieren, weil es zu regelmäßigen Tests motiviert.

Was kann ein HIV-Patient heute vom Lebensalltag und der Zukunft erwarten?

Bis auf die Tatsache, dass er seine Krankheit wegen möglicher Stigmatisierung nicht jedem offenlegen will, kann er ein Leben erwarten, wie jeder andere. Es gibt nichts, was für HIV-Patienten mehr gilt. Abgesehen vom chirurgischen Bereich gibt es keinerlei Berufsverbote oder berufliche Einschränkungen. Durch die gestiegene Lebenserwartung ist es natürlich sinnvoll, einer vernünftigen Arbeit nachzugehen und in eine Altersvorsorge zu investieren.

Sehen sich Ihre Patienten eher mit der Diagnose konfrontiert oder mit gesellschaftlicher Ausgrenzung?

Mit gesellschaftlicher Ausgrenzung. Davon ausgehend, was die Krankheit mit ihrem Leben anrichtet, gibt es Schlimmeres. HIV spüren sie im Vergleich zu anderen Krankheiten nicht. Sie nehmen eine Tablette pro Tag, sind gut behandelt und haben keine Beschwerden oder Schmerzen.

Das Hauptproblem ist die gesellschaftliche Ausgrenzung. In Deutschland haben wir „nur“ 80.000 HIV-Infizierte. Es hat also bei weitem nicht jeder Kontakt zu einem. Die meisten beschäftigen sich nicht damit, weil sie darin keinen Grund für sich sehen. Unwissenheit und die Angst sind aber der Motor der Stigmatisierung. Hinzu kommt, dass homosexuelle Männer und Drogenabhängige, die zu den Hauptrisikogruppen gehören, bereits stigmatisiert sind. Verhältnismäßig isoliert sind Frauen, die generell ein geringes Risiko haben, sich zu infizieren. Trifft es eine, kennt sie oft niemandem, dem sie sich anvertrauen kann. Weil die Allgemeinbevölkerung davon ausgeht, dass Frauen mit HIV ein wildes Sexualleben haben, was ja auch oft nicht zutrifft.

Was raten Sie Ihren Patienten bezüglich des Umgangs mit Ausgrenzungen?

Wir wissen, dass es denen besser geht, die das im Freundes- oder Familienkreis nicht verheimlichen müssen und offen darüber reden können. Müssen sie mit Ausgrenzung oder Unverständnis rechnen, ist mein Rat, erst mit jemandem darüber zu reden, wenn sich die Patienten stark genug fühlen. Sie wissen ja nie, auf was für eine Reaktion sie treffen. Bis dahin können sie eine professionelle Betreuung oder Beratung in Anspruch nehmen – durch mich oder durch Beratungsstellen wie die Aidshilfe, Caritas oder die Bayerische Aidsstiftung. Wenn sie sicher sind, wie sie für sich mit der Krankheit umgehen, können sie mit ausgewählten Freunden oder der Familie darüber sprechen. Sich einen vertrauensvollen Freundeskreis aufzubauen, der damit umgehen kann ist ebenso hilfreich wie das Teilnehmen an Selbsthilfegruppen. „

Trotz Aufklärung werden Menschen mit einer HIV-Infektion oft isoliert behandelt. Welche Erfahrungen machen Sie im Kollegium und im interdisziplinären Austausch?

Sie müssen ihre HIV-Infektion niemandem offen legen. Auch nicht einem Arzt, bei dem Sie in Betreuung sind. Das empfehle ich trotzdem, weil es ein Vertrauensverhältnis zwischen Patienten und Arzt geben sollte. Viele Patienten machen aber besonders bei Zahnärzten und Gynäkologen schlechte Erfahrungen, weil sie dort stigmatisiert werden. Indem groß und sichtbar die Diagnose auf der Akte steht oder sie den Patienten ans Ende der Sprechstunde verlegen, mit dem Argument, dann anders reinigen zu müssen. Patienten, die behandelt werden, sind aber im Arzt-Patienten-Kontakt nicht ansteckend. Da reicht die Standardhygiene aus. Sind die Patienten einverstanden, rufe ich die Kollegen an und kläre sie auf. Wenn ich einen Arztbrief schreibe, steht dort ein Satz zur Infektiosität und, dass sich die Ärzte zur Aufklärung gern an uns wenden können. Leider passiert das selten. Auch die Berufsvereinigungen engagieren sich, gezielt über HIV zu informieren.

Worauf ist beim Umgang mit einem HIV-Infizierten zu achten?

Zur HIV-Übertragung braucht es eine gewisse Virusmenge. Ist ein Patient behandelt, dann ist die sogenannte Viruslast unter der Nachweisgrenze. Das heißt, dass das Blut virusfrei ist und die Infektion bei Sexualkontakten nicht übertragen wird. Relevante Blutkontakte gibt es ja im normalen Alltag nicht. Da kann man sich also nicht infizieren – weder durch Trinken aus demselben Glas, Essen mit demselben Besteck oder intensives Zungenküssen. Nur, wenn ein HIV-infizierter Mensch mit einer erhöhten Viruslast nicht behandelt ist, besteht große Ansteckungsgefahr über Sexualkontakte.

Was sind die größten Vorurteile, die Ihnen als Ärztin in einer Praxis mit Schwerpunkt auf HIV begegnen?

Die Infizierten seien selbst Schuld, sie legten ein moralisch verwerfliches Verhalten an den Tag und hätten besser aufpassen können. Das ist zwar oft richtig, aber trifft etwa für ungewollte Schwangerschaften ja genauso zu. Sex hat auch damit zu tun, dass wir das Gehirn ausschalten. Das gehört zum Menschsein dazu. Da kann man nicht zu streng urteilen. Das zweite sind die Vorurteile zu schwuler Sexualität. Viele meinen, die haben es nicht besser verdient, wenn sie es so wild treiben. Und auch das ist ja nicht in jedem Fall so. Ich selbst werde damit konfrontiert, wenn mich zum Beispiel Kollegen fragen, wie ich verhindere, dass ich mich anstecke. Ich antworte dann einfach plakativ: ich habe ja keinen Sex mit meinen Patienten.

Was muss passieren, um der gesellschaftlichen Stigmatisierung – auch in Bezug auf ärztliche Behandlung – den Kampf anzusagen?

Ich würde mir wünschen, dass alle möglichst offen damit umgehen – gerade, wenn es Leute sind, die in der Öffentlichkeit stehen, wie Sportler oder Schauspieler. Die öffentliche Aufklärung über HIV-Infektion ist enorm wichtig. Von meinen Kollegen erwarte ich, dass sie sich als Ärzte selbst darüber informieren, wie sie mit HIV-positiven Patienten umgehen können. Bei behandelten Patienten nämlich einfach ganz normal.