Es war klar, dass die Mutter eines damals vier Monate alten Sohnes nicht allein betroffen war – sie hatte auch ihr geliebtes Kind infiziert. „Marc nehmen und von der Brücke springen – das war mein erster Gedanke“, erzählt die heute 52-Jährige. Doch die Liebe zu ihrem Sohn gab ihr die Kraft zu kämpfen.

Susannah konnte es nicht fassen: HIV. Damals hatte sie zwar schon von dem Virus gehört, doch sich selbst hätte die gelernte Erzieherin niemals damit in Verbindung gebracht.

Ich war eine sehr stolze Mama, habe Marc gestillt, ihm Gutenachtgeschichten vorgelesen und die Zeit sehr genossen.

„Ich war damals ja noch extrem jung. In meinem Bekanntenkreis gab es Leute, die kannten wieder einen, der einen kannte, und der war ein Junkie mit HIV – für mich war das Welten entfernt.“ Doch Susannah verliebt sich. In den Falschen, wie sie heute weiß. „Ich fand Axel unheimlich faszinierend. Er war so der düstere, unnahbare Typ – eben so einer, wo Frauen dahinschmelzen.“ Was Axel zu diesem Zeitpunkt nicht weiß, ist, dass er den HI-Virus in sich trägt – bis er sich testen lässt. Das Ergebnis: positiv.

„Wir konnten es beide nicht fassen. Natürlich ließ auch ich mich testen, doch bei mir fiel der Test negativ aus. Ich war so erleichtert.“ Einige Wochen später erfährt Susannah, dass sie schwanger ist. „Eigentlich wollte ich kein Kind, fühlte mich viel zu unerfahren. Doch ich entschied mich dafür.“

Die Welt scheint himmelblau – bis zum 30. April 1988

Als Marc auf die Welt kommt, scheint Susannahs Welt himmelblau. „Ich war eine sehr stolze junge Mama, habe Marc gestillt, ihm Gutenachtgeschichten vorgelesen und die Zeit sehr genossen.“ Doch plötzlich ging es Marc von Tag zu Tag schlechter. Er konnte keine Nahrung bei sich behalten, wurde immer schwächer. Susannah und ihr Sohn verbringen von da an mehr Zeit im Krankenhaus als zu Hause. Der 30. April 1988  war der Tag, an dem sich das Leben von Susannah und Marc für immer veränderte.

„Die Ärzte sagten mir, dass mein Sohn HIV-positiv ist, nahmen mir Blut ab, und das Ergebnis war positiv. Daraufhin sagten die Ärzte, dass ich meinen Sohn mit der Muttermilch infiziert habe. In diesem Moment wollte ich nur eins: sterben!“

Irgendwann fragte Marc mich, warum sein bester Freund sterben musste.

Das Leben mit dem Virus

Doch sie entschied sich für das Leben – für sich und vor allem für ihren Sohn. Als Marc vier Jahre alt ist, erzählt Susannah ihm von seiner Krankheit. „Durch den Virus mussten wir oft in die Klinik, haben dort auch andere Betroffene kennengelernt – darunter auch viele Kinder. Irgendwann fragte Marc mich, warum sein bester Freund sterben musste und ob er auch diese Krankheit hat. Was hätte ich daraufhin sagen sollen?“

Marc kennt es nicht anders. Schon sein ganzes Leben lang ist er HIV-positiv – heute zum Glück kein Todesurteil mehr. Betroffene können ein fast normales Leben führen.

„Es ist wie eine chronische Krankheit. Wir müssen Medikamente nehmen, sind infektanfälliger, aber wir leben – zumindest im Verborgenen.“ Was sie damit meint, wird deutlich, wenn man Susannah auf die Akzeptanz in der Gesellschaft anspricht. „Ausgrenzung und Stigmatisierung von HIV-Positiven und sogar deren persönlichem Umfeld sind an der Tagesordnung. Aus diesem Grund weiß auch niemand, dass Marc und ich positiv sind. Unsere Nachbarn würden uns verjagen und wir hätten keine Freunde. Es ist, als ob man sein ganzes Leben mit einer Lüge lebt – das ist verdammt hart.“

Akzeptanz in der Gesellschaft

Ihr heute größter Wunsch: „Eine Gesellschaft, in der auch Menschen mit HIV sich zu Hause fühlen können, denn ich will noch einmal richtig leben!“