Wenn wir einen Blick auf die Vergangenheit werfen – welche Schritte waren in den zurückliegenden 30 Jahren die wichtigsten im Kampf gegen das HI-Virus?

Angefangen hat es natürlich mit der Entdeckung des Virus 1983. Das war die Voraussetzung, um medikamentöse Strategien zu entwickeln. Sie ermöglichte 1984 den HIV-Test und damit die Diagnose.

Dann kamen bereits 1987 die ersten Medikamente auf den Markt. 1996 gab es die wichtige Kombinationstherapie. Parallel führte man die HIV-Viruslastmessung ein. Die ist wichtig, um das Therapieziel zu erreichen: ein klinisches Wohlbefinden und krankheitsfernes Überleben, vergleichbar zur Normalbevölkerung.

Die Infektion ist heute kein Todesurteil mehr – welche Bedeutung spielen dennoch weiterhin Prävention und Beratung?

Betroffene müssen natürlich noch immer über Risikofaktoren in Bezug auf Übertragung aufgeklärt werden. Wenn sich ein HIV-Patient aber an seine Kombinationstherapie hält und die Viruslast wiederholt unter der Nachweisgrenze liegt, ist das Risiko einer Übertragung schon sehr gering.

Kondome können zusätzlich helfen, vor HIV-Übertragung, aber auch vor anderen sexuell übertragbaren Erkrankungen zu schützen.

Sind heute die Risikogruppen noch dieselben?

Wenn man allein Deutschland betrachtet, sind hauptsächlich immer noch homosexuelle Männer betroffen. Neuinfektionen lassen sich aber auch bei Drogenabhängigen oder Migranten feststellen, genauso unter Bi- oder Heterosexuellen. Vor allem aus den 80ern kennt man die großen Aufklärungskampagnen. Inzwischen nimmt man sie kaum noch wahr.

Aus allen Wolken fallen oft Menschen, die sich eigentlich geschützt glaubten.

Wir sind natürlich alle groß geworden mit Hella von Sinnen, die im Werbeclip an der Supermarktkasse sitzt und nach dem Preis der Kondome ruft. Das Interesse ist deshalb etwas verloren gegangen, weil man HIV inzwischen besser behandeln kann und nicht mehr das sichere Todesurteil droht. Die abschreckende Wirkung ist verloren gegangen. Viele glauben aber fälschlicherweise, dass sie nicht zu einer Risikogruppe gehören.

Dabei weiß im Grunde niemand bei seinem Partner, ob der womöglich infiziert ist. Auf den Menschen steht ja nicht HIV drauf. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung macht aber nach wie vor Kampagnen, auch zu anderen übertragbaren sexuellen Krankheiten.

Erleben Sie trotz dieser Fortschritte, dass Patienten von der Gesellschaft stigmatisiert werden?

Es kommt darauf an, in welchem Umfeld sie sich bewegen. In einer Großstadt wie Berlin, wo viele Patienten leben und es einen offenen Umgang mit dem Thema gibt, haben sie weniger Probleme. Auf dem Land können sie den gleichen Vorurteilen begegnen wie vor 20 Jahren.

Selbst in kleinen Krankenhäusern herrscht dann noch Unkenntnis bezüglich der Übertragung, und man wird als Patient sogar isoliert behandelt. Schlimmer sind wohl nur noch die Zustände in Russland oder osteuropäischen Staaten, wo schwule Männer ganz offen unter Repressionen leiden.

Wie reagieren Patienten, die eine positive Diagnose erhalten?

Ganz unterschiedlich. Für den schwulen Mann, der gut etabliert ist, sein Coming-out hatte und der sein Risikoverhalten kennt, ist es in der Regel emotional verkraftbar. Viele wissen durch ihr Umfeld inzwischen einiges über die fortgeschrittenen Behandlungsmöglichkeiten.

Eine gute Nachricht ist ja auch, dass inzwischen eine normale Lebenserwartung möglich ist.

Aus allen Wolken fallen oft Menschen, die sich eigentlich geschützt glaubten. Für die heterosexuelle Frau, die sich niemals damit auseinandergesetzt hat, bricht dann die Welt zusammen.

Was raten Sie diesen Verzweifelten?

Sehr gut unterstützt die Aidshilfe, besonders in der Krisenprävention nach der Diagnose. Sie zeigt positive Beispiele mit anderen erfahrenen Betroffenen auf, die Mut machen und begleiten.

Eine gute Nachricht ist ja auch, dass inzwischen eine normale Lebenserwartung möglich ist. Früher konnte man nur die Symptome behandeln. Es braucht heute zwar eine lebenslange Therapie, aber wir können die Krankheit inzwischen medizinisch managen.

 

HIV heute - nachgefragt
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Ansteckung durch Küssen oder Trinken aus einem Glas?
EMNID-Umfrage 2016 zeigt Wissenslücken zum Thema HIV und AIDS: Medizinische Fortschritte sind in der Öffentlichkeit nicht angekommen.

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