Warum es wichtig ist, die Angebote zu sexueller Gesundheit zu bündeln und bei der Präventionsarbeit die richtige Sprache zu finden, erklärt Prof. Dr. Norbert H. Brockmeyer, Klinik für Dermatologie (RUB), der 2016 das Walk In Ruhr (WIR) – Zentrum für Sexuelle Gesundheit und Medizin in Bochum mitgegründet hat.

Herr Prof. Brockmeyer, sind STI bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen ein Thema?

Die steigenden Zahlen der Neuinfektionen an STI wie Chlamydien, humane Papillomaviren (HPV) oder Gonorrhoe, umgangssprachlich „Tripper“ genannt, zeigen, dass viele Jugendliche und junge Erwachsene bei diesem Thema noch sehr unbedarft sind. Dabei sind diese Zahlen durchaus alarmierend: Wir sehen bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen eine besonders hohe Chlamydien-Infektionsrate.

Leider verlaufen STI – abhängig von der Körperstelle – bis zu 90 Prozent symptomlos.

Diese liegt einer Studie des Robert Koch-Institutes von 2013 zufolge bei 18- bis 19-jährigen Frauen bei 4,5 Prozent und bei 25- bis 29-jährigen Männern bei 4,9 Prozent. Erste Zwischenergebnisse einer aktuellen wissenschaftlichen Studie unter symptomlosen sexuell aktiven Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die im Zentrum für Sexuelle Gesundheit und Medizin – Walk In Ruhr (WIR) in Bochum durchgeführt wird, zeigen sogar bei neun Prozent der Teilnehmenden Chlamydieninfektionen und bei 7,5 Prozent Gonokokkeninfektionen.

Wo liegen die Ursachen für die Ausbreitung?

Leider verlaufen STI – abhängig von der Körperstelle – bis zu 90 Prozent symptomlos. Daher werden sie selten diagnostiziert. So werden die Infektionen unwissentlich weitergegeben, es kommt zu Reinfektionen und es können schwerwiegende Folgeerkrankungen wie Komplikationen bei der Schwangerschaft oder Unfruchtbarkeit auftreten.

Es existiert so gut wie keine aufsuchende Versorgung an Schulen.

Hinzu kommt, dass vielen Jugendlichen und jungen Erwachsenen nicht bekannt ist, dass STI nicht nur beim Geschlechtsverkehr übertragen werden. Durch Sexualkontakte wie das gegenseitige Anfassen im Intimbereich können bereits Infektionen übertragen werden.

Die ärztliche Beratung und Erstversorgung könnte in diesem Bereich viel mehr leisten, hier gibt es leider noch deutliche Defizite. Zudem existiert so gut wie keine aufsuchende Versorgung an Schulen beziehungsweise die Versorgungsangebote sind dezentral organisiert.

Sie haben 2016 das Walk In Ruhr (WIR) – Zentrum für Sexuelle Gesundheit und Medizin in Bochum mitgegründet. Welche Vorteile bietet das Zentrum?

Das WIR bietet Angebote zur sexuellen Gesundheit aus einer Hand – von der Aufklärung über Diagnostik und Therapie bis hin zur psychosozialen Beratung. Das WIR, das wissenschaftlich im Rahmen eines vom Bundesministerium für Gesundheit geförderten Evaluationsprojektes extern begleitet wird, hat damit einen ganz neuen Präventions- und Therapieansatz und damit Modellcharakter für die Gründung ähnlicher Zentren in Deutschland.

Es bringt wesentliche Institutionen zur sexuellen Gesundheit und zu STI unter einem Dach zusammen, wodurch eine Versorgung möglich ist, die auf die spezifischen Bedürfnisse von Patient(inn)en und Ratsuchenden ausgerichtet ist. Neben der Interdisziplinären Immunologischen Ambulanz – Zentrum für Sexuelle Gesundheit und Medizin der Dermatologischen Klinik der Ruhr-Universität Bochum sind die Aidshilfe Bochum, das Gesundheitsamt Bochum, Madonna (Interessenvertretung für Sexarbeiterinnen), Rosa Strippe (Vertretung für Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans*-Personen und Intersexuelle) und pro familia ansässig.

Ein wichtiges Anliegen des Zentrums ist die Präventionsarbeit mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Im Rahmen dieser Präventionsarbeit informiert es über die Übertragungswege von STI und die Schutzmöglichkeiten vor STI. Wichtig ist es, die richtige Sprache zu finden und zu nutzen, um die Jugendlichen und jungen Erwachsenen auch wirklich zu erreichen. Wir informieren über Infektionen, Testangebote und Behandlungsmöglichkeiten, jedoch ohne Angst zu machen – denn: Nur wer informiert ist, kann sich schützen!