Im neuen Bochumer Zentrum „WIR – Walk In Ruhr“ geht es um einen ganzheitlichen Ansatz: die Förderung der sexuellen Gesundheit. Interview mit Prof. Dr. Norbert H. Brockmeyer, Präsident der Deutschen  STI-Gesellschaft und Sprecher des Kompetenznetzes HIV/AIDS.

Was ist sexuelle Gesundheit?

Sexuelle Gesundheit ist laut der WHO „der Zustand körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens“. Es ist eine Zufriedenheit mit sich und mit seiner Sexualität – und nicht nur ein Nichtvorhandensein von Erkrankungen.

Leider gibt es aber immer mehr Erkrankungen. Was bedeutet STI?

Sexually Transmitted Infection, zu Deutsch: sexuell übertragene Infektionen. Diese können von Bakterien, Viren, Pilzen, Protozoen (Einzeller) und Arthropoden (Gliederfüßler) verursacht werden. Dazu gehören unter anderem Gonorrhoe, Syphilis, HIV-Infektion, Hepatitis B, Herpes genitalis, Genitalwarzen, Infektionen mit Chlamydien und Trichomonaden, Filzlausbefall und die Infektion mit bestimmten Humanen Papillomaviren (HP-Viren, HPV).

Können STI nur durch Geschlechtsverkehr übertragen werden?

Ob und wie man durch sexuelle Kontakte infiziert werden kann, ist von Erreger zu Erreger unterschiedlich. HIV wird jedoch fast nur im Zusammenhang mit Geschlechtsverkehr und Blut übertragen, ganz im Gegenteil zu Chlamydien, Syphilis, HP-Viren oder Gonorrhoe – all diese können sehr leicht auch durch Oralverkehr und Schmierkontakte übertragen werden, wenn kein Kondom verwendet wird. So unterschiedlich wie die Übertragungsmöglichkeiten ist auch der Schutz, den ein Kondom bietet. Bei HIV besteht ein sehr hoher Schutz, bei bakteriellen Erregern ist er jedoch bei Weitem nicht so hoch.

Und wie wird beispielsweise Herpes übertragen?

Diese STI wird durch jede Art von intimen Körperkontakten übertragen, wenn der Partner eine Herpesläsion, also Bläschen im Genitalbereich, hat. Die Flüssigkeit in den Bläschen enthält Viren, und diese können beim Platzen sehr leicht übertragen werden. Doch Herpes kann auch übertragen werden, wenn gar keine frischen Läsionen, Bläschen vorhanden sind, das ist jedoch selten. Immer häufiger kommt es auch zur Übertragung von Lippenherpes auf den Genitalbereich oder vice versa, beispielsweise durch Oralsex.

Wie kann man das behandeln?

Als empfohlene Standardtherapie werden antivirale Medikamente oral oder per Infusion (rezeptpflichtig) verabreicht. Sie hemmen die Replikation (Vermehrung) des Virus und können bei frühzeitiger Anwendung die Erkrankungsdauer und die Schwere der Symptome verringern. Das Problem ist nur, wenn man einmal Herpes hatte, bleiben die Viren immer im Körper und treten, je nach Verfassung des Immunsystems, rezidivierend (wiederkehrend) auf. Wichtig ist aber auch, dass nicht jeder, der Kontakt zu Herpesviren hatte, auch Herpes bekommt.

Sind sexuell übertragbare Infektionen in Deutschland nach wie vor ein Thema?

STI sind sogar ein großes Thema. Die Häufigkeit von sexuell übertragbaren Infektionen – als Beispiel die Syphilis – ist um 700 Prozent gestiegen, für die anderen – Chlamydien-, Gonorrhoe- und Humane-Papillomavirus-Infektionen – haben wir nur Schätzdaten und gehen hier ebenfalls von ähnlichen Steigerungen aus. Die Inzidenz der HIV-Infektionen ist hingegen, trotz eines geringen Anstiegs, eine der niedrigsten weltweit, jedoch sind mehr als 25 Prozent der HIV-Infektionen Spätdiagnosen.

Warum ist das so?

Die Verkaufszahlen von Kondomen bleiben konstant hoch. Doch hier liegt auch der Irrglaube. Sexuell übertragbare Infektionen können auch durch Oralverkehr und Schmierkontakte übertragen werden, nicht nur durch Geschlechtsverkehr. Diese mangelhafte Aufklärung kann schlimme Folgen haben. HPV zum Beispiel, das bei jungen Frauen Gebärmutterhalskrebs auslösen kann, scheint nun vermehrt auch Karzinome in der Hals- und Rachenschleimhaut zu verursachen. Ein umgekehrtes Phänomen gibt es bei Herpes: Das Virus, das normalerweise Lippenbläschen verursacht, findet sich immer öfter in der Genitalregion von Patienten – und der Erreger des genitalen Herpes umgekehrt im Mundbereich.

Welche Präventionsstrategie würden Sie dann empfehlen?

Unser Präventions- und Behandlungsansatz, der darauf fokussiert, den Menschen als Individuum anzunehmen und die Selbstbestimmung zu stärken, ist zwar erfolgreich, weist aber strukturelle und konzeptionelle Defizite auf. Aus diesem Grund haben wir jetzt in Bochum das WIR – Walk In Ruhr, Zentrum für Sexuelle Gesundheit und Medizin geschaffen. Unser Zusammenschluss von medizinischer Ambulanz, der Bochumer Aidshilfe, dem Gesundheitsamt, pro familia, Madonna und Rosa Strippe ist ein Modellprojekt für Deutschland.

Unter einem Dach bieten wir medizinische Versorgung, Beratung rund um das Thema sexuelle Gesundheit, psychosoziale Beratung, Selbsthilfe und vieles mehr an. Aus England wissen wir, dass diese Konzepte dort gut funktionieren und auf diesem Wege Menschen erreicht werden, die sich sonst eher scheuen, mit ihren sexuellen Problemen zum Arzt zu gehen.

Was würden Sie unseren Lesern hinsichtlich sexueller Gesundheit gern raten?

Dass sie Spaß und Freude am Sex haben und dass sie darüber hinaus niemals vergessen sollten, sich zu schützen und sich auch über mögliche Krankheiten zu informieren. Welche Methode die individuell richtige und wirksame STI-Prävention ist, hängt sehr stark vom Lebensstil ab. Deswegen beraten wir entsprechend dem persönlichen Risiko, wie man sich am besten schützt. Kommt es dennoch zu einer Infektion, ist es wichtig, an eine Partnerbehandlung zu denken.

Insgesamt gilt: Sprechen Sie über Sex – mit Ihrer Partnerin oder Ihrem Partner, aber auch mit dem Arzt Ihres Vertrauens!

Weitere Informationen unter: www.dstig.de und www.wir-ruhr.de