Die existierenden Strukturen werden den Bedürfnissen von Ratsuchenden und Patienten nur teilweise oder gar nicht gerecht. An diesem Punkt setzt das für Deutschland einzigartige Modellprojekt „Walk In Ruhr (WIR) – Zentrum für sexuelle Gesundheit und Medizin“ an, dessen Eröffnung für Januar 2016 in Bochum geplant ist. Im Interview dazu: Norbert H. Brockmeyer.

Sind sexuell übertragbare Infektionen in Deutschland nach wie vor ein Thema?

STI sind sogar ein großes Thema. Die Häufigkeit von sexuell übertragbaren Infektionen – als Beispiel die Syphilis – ist um 700 Prozent gestiegen, für die anderen – Chlamydien-, Gonorrhoe- und Humane-Papillomavirus-Infektionen – haben wir nur Schätzdaten und gehen von ähnlichen Steigerungen aus. Die Inzidenz der HIV-Infektionen ist hingegen, trotz eines geringen Anstiegs, eine der niedrigsten weltweit, jedoch sind mehr als 25 Prozent der HIV-Infektionen Spätdiagnosen.

Wie diese Daten zeigen, ist unser Präventions- und Behandlungsansatz, der darauf fokussiert, den Menschen als Individuum anzunehmen und die Selbstbestimmung zu stärken, zwar erfolgreich, weist aber strukturelle und konzeptionelle Defizite auf.

Wie sehen diese Defizite genau aus?

Viele Bedürfnisse zu STI und sexueller Gesundheit werden nicht durch Versorgungsangebote abgedeckt oder diese erreichen die Zielpersonen nicht. Die Bedürfnisse von Ratsuchenden und Patienten sind sehr unterschiedlich, entsprechend ihrem Alter, der sexuellen Orientierung, dem sozialen Umfeld oder aufgrund der aktuellen Lebenssituation. Gleichzeitig haben sich diese in den vergangenen Jahren teils grundsätzlich gewandelt.

Vor diesem Hintergrund müssen neue Angebote erprobt und neue, strukturelle und interinstitutionelle Zusammenarbeiten geprüft und umgesetzt werden, um den bestehenden Bedürfnissen und Herausforderungen mit neuen Angeboten begegnen zu können. In Bochum wird zurzeit das Walk In Ruhr (WIR) etabliert, das dem Versorgungsbedarf für sexuelle Gesundheit gerecht werden soll.

Aufgebaut wird es von der Immunologischen Ambulanz – Zentrum für Sexuelle Gesundheit und Medizin der Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie der Ruhr-Universität Bochum in enger Zusammenarbeit mit der Aidshilfe Bochum e. V., dem Gesundheitsamt Bochum sowie der Rosa Strippe e. V., pro familia e. V. und Madonna e. V..

Was unterscheidet das WIR von den bisherigen Angeboten im Bereich sexueller Gesundheit?

WIR bündelt die wichtigsten Versorgungsangebote im STI-Bereich an einem Ort – von der Beratung über Testungen bis hin zu Therapie-, Impf- und Behandlungsangeboten. Dies als Voraussetzung für eine bedarfsgerechte, breite und nachhaltige, auf die spezifischen Bedürfnisse abgestimmte Versorgung. Es führt verschiedene medizinische Disziplinen und niedergelassene Ärzte zusammen. Dies vereinfacht und verbessert deutlich die Behandlungsoptionen bei STI.

Das Konzept des neuen Zentrums WIR beinhaltet auch die Einbindung von „Health Advisern“ (Gesundheitsberatern), die Ratsuchende beziehungsweise neue Patienten begleiten und führen. Gemeinsam wird eine Basisversorgung festgelegt und diese mit dem Team aus Mitarbeitern, Ärzten und den Kooperationspartnern abgestimmt. Auch das Voneinander-Lernen steht hier im Fokus – so sollen Personen mit HIV und/oder STI-Erfahrung sowie junge Erwachsene Peer-to-Peer-Unterstützung für Patienten beziehungsweise Ratsuchende sein.

Diese neue Struktur von WIR ermöglicht neue Modelle der Aufklärung, Prävention und Versorgung. Ein solches Zentrum, das die Verantwortlichen in dem Bereich Sexuelle Gesundheit zusammenführt, ist für Deutschland innovativ und ein Modellprojekt für die Versorgung von Menschen mit Aufklärungs-, Beratungs- und Versorgungsbedarf zur sexuellen Gesundheit.

An wen richtet sich das WIR im Speziellen?

WIR steht für alle Menschen offen, insbesondere richtet es sich dabei an junge Menschen, MSM sowie an Migranten, Sexarbeiter und Traumapatienten.