Herr Bock, ist Sexualität immer noch ein Tabu?

Ja, natürlich. Tabu heißt ja, dass ich keine Worte für etwas finde und nicht darüber sprechen kann oder darf. Man könnte meinen, das wäre kein Thema, weil in den Medien sehr viel über Sex gesprochen wird. Aber wenn es um die eigene Sexualität geht, gibt es noch viele Tabus. So erleben wir das jedenfalls in unserer Beratung.

Aber wir leben doch in aufgeklärten Zeiten?

Wir unterschätzen manchmal, wie schwierig es für viele Menschen ist, über Sex zu reden. Ich zum Beispiel bin nie aufgeklärt worden, das war ein Tabu-Thema. Bei manchen setzt sich ein verkrampfter Umgang mit dem Thema, den sie gelernt haben, bis ins Erwachsenenalter fort.

Über welche Themen fällt das Sprechen denn besonders schwer?

Wenn es um eher ungewöhnliche Sexpraktiken geht oder das Bedürfnis, auch mal Sex mit anderen Personen als dem festen Partner oder der Partnerin zu haben. Das ist in vielen Beziehungen überhaupt nicht ansprechbar, weil die Angst vor der Konsequenz so gewaltig ist – nämlich dass die Beziehung dann sofort zu Ende ist. Ähnlich ist es bei den Themen HIV und anderen sexuell übertragbaren Infektionen. Es fällt vielen schwer darüber zu reden, weil sie Angst vor Vorwürfen haben, sie hätten etwas Schmutziges oder Verbotenes gemacht und sich deshalb etwas eingefangen.

Haben Sie in Ihren Beratungsgesprächen das Gefühl, dass aufgrund der Tabus Dinge unausgesprochen bleiben?

Ich glaube nicht. Unsere Aufgabe ist ja, einen Raum aufzumachen, wo das Unaussprechliche sagbar wird. In der Online-oder Chat-Beratung ist das für viele einfacher, weil sie nicht direkt mit jemandem reden, sondern schreiben können. Die Leute, die anrufen, reden manchmal erst mal um den heißen Brei herum. Viele erwarten, dass wir mit dem erhobenen Zeigefinger kommen. Aber das machen wir nicht.

Sondern?

Wir versuchen zu vermitteln, dass es etwas ganz Menschliches ist, was ihnen da passiert ist. So bauen wir eine Brücke, damit die Selbstabwertung verschwindet. Viele erleben vielleicht zum ersten Mal, dass man auch wertfrei und unbefangen über Sex reden kann.

Nehmen wir mal an, jemand ruft an und sagt, er oder sie sei HIV-positiv, kann es aber dem Partner oder der Partnerin nicht sagen. Wie sähe Dein Rat aus?

Da würden wir erst mal gucken, was dieser Mensch an Unterstützung und Ermutigung braucht. Bevor ich einer anderen Person so etwas sagen kann, muss ich ja selbst erstmal einigermaßen klarkommen. Wir versuchen als erstes zu klären, was diesem Menschen am meisten Angst macht, welche Befürchtungen er hat und welche Vorstellungen vom Leben mit HIV. Manchmal sitzen die Tabus sehr tief. Wir unterstützen Menschen dabei, selbstbewusster und damit sprachfähiger werden. Und die Scham abzulegen, weil Sexualität kein Thema ist, wofür man sich schämen muss. Sondern etwas zutiefst Menschliches.

Wie geht es den Leuten nach einer Beratung bei der Aidshilfe?

In der Online-Beratung erhalten wir oft im Nachhinein noch eine Dankesmail. Am Telefon fragen wir am Schluss immer, wie es den Leuten geht und ob noch Fragen offen sind. Da nehmen wir wahr, dass die Leute sehr erleichtert sind. Sie haben sich Sachen von der Seele reden können und schleppen das nicht mehr alleine mit sich rum. Das kann schon viel verändern.