Viele Infektionen und Todesfälle wären vermeidbar. Es mangelt am Bewusstsein für Schutz- und Behandlungsmöglichkeiten der Virushepatitis. Interview mit Prof. Dr. Thomas Berg, Leiter der Sektion Hepatologie am Universitätsklinikum Leipzig.

Was genau ist Hepatitis?

Unter einer Hepatitis versteht man eine Leberentzündung. Giftstoffe und Autoimmunkrankheiten können Ursache sein, aber auch Infektionskrankheiten. Es gibt bestimmte Viren, die eine Leberentzündung auslösen. Hier gibt es zwei Arten. 

Welche?

Es lassen sich akute und chronische Verläufe unterscheiden. Während die plötzliche akute Leberentzündung innerhalb von sechs Monaten ausheilt, bleibt die chronische Hepatitis über diesen Zeitraum hinaus bestehen, ohne Behandlung meist lebenslang. 

Wie verlaufen diese Formen?

Bei der akuten Leberentzündung fühlt sich der Patient sehr krank und leidet unter einer Gelbsucht, manchmal ist der Verlauf so schwer, dass man die Leber transplantieren muss. Die Inkubationszeit beträgt rund vier Wochen. Oft bleibt die Infektion bei der Hepatitis C, B und D hingegen über lange Zeit völlig unbemerkt, der Betroffene merkt also gar nicht, dass er sich angesteckt und sich eine chronische Hepatitis entwickelt hat .

Mit welchen Folgen?

Die Leber ist dauerhaft entzündet, und da die Leber keine Schmerzen macht, treten auch keine Symptome auf. Die chronische Hepatitis ist jedoch die Hauptursache für die Entstehung von Leberkrebs und für die Entwicklung von Leberzirrhose, auch Narbenleber genannt. Das ist das Endstadium der Leberentzündung. 

Inwiefern?

Bei einer Zirrhose wird die normale Beschaffenheit der Leber zerstört und das ursprüngliche Lebergewebe durch Bindegewebe ersetzt. Dieses Ersatzgewebe kann die Aufgaben der gesunden Leber nicht übernehmen. Die Funktion der Leber ist stark eingeschränkt, was mittelfristig mit dem Leben nicht mehr vereinbar ist.

Betroffene sterben dann in der Folge an einem Leberversagen, außer man hat die Chance auf eine Lebertransplantation. Besser ist es also, rechtzeitig zu behandeln. 

Was heißt „rechtzeitig“?

Lebererkrankungen müssen entdeckt werden. Das erkennt man meist einfach daran, dass die Leberwerte erhöht sind. Ein Problem ist jedoch, dass bei Routineuntersuchungen, also bei den vom Gesetzgeber empfohlenen Gesundheitschecks, die Leber keine Rolle spielt.

Unverständlich, wenn man davon ausgeht, dass rund zehn Prozent der Deutschen erhöhte Leberwerte haben, und das kann immer ein Warnzeichen sein, lebensbedrohlich zu erkranken. Es vergehen oft Jahrzehnte, bis sich aus einer chronischen Leberentzündung eine Zirrhose entwickelt – man hätte also reichlich Zeit zu intervenieren.  

Welche Therapiemöglichkeiten gibt es?

Bei frühzeitiger Diagnose gibt es sehr gute Behandlungsoptionen. Heute kann man die Entwicklung einer Leberzirrhose zu fast 100 Prozent verhindern, wenn die Hepatitis rechtzeitig erkannt wird. Bei der Hepatitis C haben wir ganz neue Medikamente, die man auch ohne Interferon geben kann.

Bereits jetzt kommen diese interferonfreien Behandlungen für Patienten mit hoher Dringlichkeit zur Therapie zum Einsatz. Mit der Zulassung weiterer Medikamente rechnen wir im Verlauf des Jahres beziehungsweise Anfang 2015. 

Welche Vorteile haben die interferonfreien Behandlungen?

Die Patienten merken quasi gar nichts davon. Die Behandlungsdauer wird sehr kurz, acht bis zwölf Wochen, die Heilungschancen liegen bei über 90 Prozent. Hier wurde wirklich ein Quantensprung erreicht. 

Und bei der Hepatitis B?

Das ist ein anderer Virus und das bekommt man leider nicht ganz aus dem Körper raus, aber man kann die Virusvermehrung sehr effektiv hemmen. Hier kommt nur eine Langzeit-, teilweise sogar lebenslange Therapie in Betracht.

Aber auch diese Therapie, mit einer Tablette am Tag, ist beinahe ohne Nebenwirkungen. Auch hier ist das zukünftige Ziel, durch neue Behandlungsstrategien die Viren ganz aus dem Körper zu bekommen, und ich bin überzeugt, dass dies auch geschehen wird.