Mama und Papa, Sohn und Tochter und ein Schäferhund vor dem Blumenpanorama des heimischen Gartens. Dieses Familienidyll von 2006 ziert meinen Schreibtisch. Ursprünglich sollte es auch hunderte Plakatständer in einer Kleinstadt zieren. Mein Vater wäre Bürgermeister geworden. Aber. Dieses „aber“ lässt mich immer wieder zu einer Elfjährigen werden, die nicht versteht, was um sie herum passiert.

Nachdem sich der Wahlkampffotograf verabschiedet hatte, setzte sich der Sohn auf dem Foto auf sein Fahrrad. Später, ich half gerade beim Abwasch, klingelte das Telefon. Genervt trocknete ich die letzte Schüssel ab, als meine Eltern besorgt aufbrachen. „Was hat der Blödmann denn jetzt wieder ausgefressen?“, fragte ich mich. Im Kopf meines zwei Jahre älteren Bruders Torben vermutete ich nichts anderes als Flausen. Eine davon hatte er wohl wieder in die Tat umgesetzt.

Doch es war kein Dumme-Jungen-Streich. Er hatte einen Unfall. Wurde von einem Auto erfasst. Mit dem Hubschrauber ins Krankenhaus gebracht. Schädel-Hirn-Trauma. Innere Verletzungen. Maschinen hielten ihn am Leben. Hirntod.

Tröstlich finde ich die Vorstellung, dass vielleicht andere Menschen durch ihn die Chance hatten, ihr Leben zu leben.

„Er wird nie wieder zurückkommen“, sagte mein Vater und nahm mich in den Arm. Ich sah meine Eltern weinen und versuchte zu verstehen, was das zu bedeuten hat. Doch ich konnte es nicht. Sterben tut man doch nur, wenn man alt und krank ist, dachte mein elfjähriges Ich.
Trauer verändert sich. Wenn ich jetzt, über elf Jahre nach seinem Tod, an meinen Bruder denke, bin ich vor allem dankbar für unsere gemeinsame Zeit – unsere Kindheit, die besser nicht hätte sein können. Wehmut liegt in dem Gedanken daran, was mein großer Bruder in seinem Leben noch Großes hätte erreichen können. Wann wären die Flausen in seinem Kopf ausgegangen? Was für ein Mann wäre aus dem Buben geworden? Vielleicht wäre er Mechaniker oder Ingenieur geworden oder etwas ganz anderes. Hätte er jetzt vielleicht schon Frau und Kinder? Oder ein Drogenproblem?

Es ist eine komische Situation. Unser Leben ging einfach so weiter. Aber seins war zu Ende. Er hatte keine Chance, sein Leben zu leben.
Tröstlich finde ich die Vorstellung, dass vielleicht andere Menschen durch ihn die Chance hatten, ihr Leben zu leben. Meine Eltern hatten damals zugestimmt, Torbens Organe zu spenden. Einige Zeit später erhielten sie eine Benachrichtigung von der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO).

Mehrere Menschen hatten Organe von ihm erhalten. Lunge, Leber, Nieren und andere Organe wurden transplantiert. Ein Stück vom Leben meines Bruders gab den Empfängern die Chance, ihr Leben weiterzuleben. Weiter als Torben es konnte.

Ich sehe meinen Bruder dabei nicht als Lebensretter und empfinde keinen Neid, dass Andere ein Stück seines Lebens bekamen. Ich denke, er würde das genauso sehen. Seine Organe zur Spende freizugeben war die beste Entscheidung, die meine Eltern treffen konnten.
Trotzdem zerreißt es mir das Herz, wenn ich mir vorstelle, wie meine Eltern diese Entscheidung treffen mussten. Vorher hatten sie sich nie Gedanken über das Thema gemacht. Doch jetzt, am Sterbebett ihres Kindes sollten sie über seine Organe entscheiden - eine unmenschliche Zumutung.

Von der Spende erfuhr ich erst, als der Brief von der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) eintraf, denn in vielen Dingen wollten meine Eltern ihr kleines Mädchen verschonen. Ich konnte es kaum abwarten, alt genug zu sein, um selbst einen Organspendeausweis auszufüllen. Niemand soll über meine Organe entscheiden müssen – diese Entscheidung auf seine Angehörigen abzuwälzen ist egoistisch.
 

Junge Helden e. V.

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