• Trotz innovativer Techniken der Herzmedizin sterben in Deutschland immer noch weit mehr Patienten an Herzerkrankungen als an Krebs. Mittlerweile macht die Medizin es möglich, dass bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen ein hohes Alter erreicht werden kann. Woran liegt das?

Die längere Lebenserwartung ist zum Großteil durch die Fortschritte in der Herzmedizin erreicht worden. Dazu gehört im Wesentlichen, dass der Herzinfarkt mit der Herzkathetertechnik behandelt wird. Zudem gibt es viele medikamentöse Entwicklungen, die zu einer Lebensverlängerung der herzkranken Patienten beitragen. Trotzdem bleibt noch viel zu tun, damit Herzerkrankungen nicht mehr die Haupttodesursache der deutschen Bevölkerung sind.

 
Prof. Dr. Hamm, Direktor der Abteilung Kardiologie
und Ärztlicher Direktor der Kerckhoff-Klinik in Bad Nauheim

 

  • Wie wird eine Herzkatheteruntersuchung durchgeführt und was wird dabei festgestellt?

Bei der Herzkatheteruntersuchung wird mittels kleiner Plastikschläuche Kontrastmittel in die Gefäße des Herzens gespritzt, um dort Verengungen oder Verschlüsse aufzudecken und zu behandeln. Klingt sehr gefährlich und schwierig, ist in geübten Händen eingespielter Teams aber heute ein weitgehend ungefährlicher Eingriff. Zumal die Herzkatheteruntersuchung heute vom Handgelenk in örtlicher Betäubung durchgeführt wird und nach wenigen Minuten beendet ist.
 

  • Gibt es Alternativen, die weniger risikobehaftet sind?

Bei einem akuten Herzinfarkt gibt es keine Alternative, da wir direkt am Herzen mittels eines Ballons und einer Gefäßstütze – genannt Stent – die Verengung beziehungsweise Verschlüsse beseitigen und den Blutfluss wiederherstellen. Bei Patienten mit Brustbeschwerden und Verdacht auf Herzkranzgefäßverengungen oder unklaren Brustbeschwerden ermöglicht die heutige Computertomografie (CT) auch in vielen Fällen eine zuverlässige Darstellung der Herzkranzarterien. In der Kerckhoff-Klinik versuchen wir bereits seit vielen Jahren, die Möglichkeiten der nicht invasiven Bildgebung, das heißt CT oder auch MRT, zu nutzen, um Katheteruntersuchungen nur dann durchzuführen, wenn sie wirklich notwendig sind. Jetzt mehr erfahren!
 

  • Welche Rolle spielt bei der Diagnostik von Herzinfarkten die Chest-Pain-Unit?

Beim Herzinfarkt kommt es auf jede Minute an. In den ersten sechs Stunden nach Verschluss eines Herzkranzgefäßes, und damit meistens nach Schmerzbeginn, können größere Schäden abgewendet und das Überleben verbessert werden. Um die Diagnosen rasch zu stellen, wurden bundesweit die Notärzte geschult, dass sie mit hoher Sicherheit Herzinfarkte mittels eines EKGs am Wohnort des Patienten diagnostizieren und den Patienten direkt in ein Herzkatheterlabor bringen können. Für unklare Fälle wurden sogenannte Chest-Pain-Units, das heißt Brustschmerzeinheiten, etabliert, die speziell darauf trainiert sind, schnellstmöglich die richtige Diagnose zu stellen und den Patienten zu versorgen. Sichergestellt wird dies durch Teams aus erfahrenen Ärzten und speziell geschulten Pflegekräften, die Hand in Hand arbeiten. Das System der Chest-Pain-Units ist in Deutschland einmalig und ist Vorbild für andere Länder geworden. Auch an der Kerckhoff-Klinik gibt es eine entsprechende Chest-Pain-Unit, die rund um die Uhr besetzt ist.
 

  • In den letzten Jahren hat sich der Begriff „Herzteam“ etabliert. Wie sieht bei Ihnen die optimale Versorgung von herzkranken Patienten aus?

Unter dem Begriff „Herzteam“ versteht man die enge Zusammenarbeit zwischen Kardiologen und Herzchirurgen, um für den Patienten ein individuelles und optimales Behandlungskonzept zu entwickeln. War früher in vielen Fällen noch ein herzchirurgischer Eingriff notwendig, lässt sich das heute vom Kardiologen mittels Kathetertechnik vielfach genauso gut lösen.  In der Kerckhoff-Klinik wird schon seit vielen Jahren, lange bevor der Begriff „Herzteam“ geprägt wurde, diese enge Zusammenarbeit gepflegt, da beide Fachdisziplinen unter einem Dach sind und sich ständig austauschen. Nur so kann ein optimales Behandlungsergebnis erzielt und sichergestellt werden, dass der medizinische Fortschritt beim Patienten ankommt.
 

  • Seit Ende 2017 ist die Kerckhoff-Klinik Campus der Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU). Inwieweit profitiert die Kerckhoff-Klinik davon?

Als Campus der JLU Gießen ergeben sich vielfältige Möglichkeiten, die wissenschaftliche Aktivität zu verstärken und junge engagierte Ärzte für die Herzmedizin zu begeistern. Die universitäre Anbindung und die hohe Kompetenz einer spezialisierten Fachklinik machen diesen Standort für ausgewiesene Spezialisten besonders interessant, die Errungenschaften der Wissenschaft umzusetzen und eine medizinische Versorgung auf Spitzenniveau anzubieten.