Sie wurden mit einem verkürzten rechten Oberschenkel geboren, seit wann tragen Sie eine Prothese?

Ich trage die Prothese seit meinem zweiten Lebensjahr. Ich wurde mit einer Oberschenkelverkürzung geboren – mein rechter Oberschenkel ist ungefähr zehn Zentimeter kürzer. Deshalb musste ich die Prothese tragen.

Hat Sie die Prothese sehr eingeschränkt?

Bequem war sie nicht. Früher war die Entwicklung in dieser Hinsicht noch meilenweit vom Jetzt und Heute entfernt. Meine damalige Prothese war an der Hüfte fixiert, ich konnte mein Knie nicht beugen und war sehr eingeschränkt in meinen Bewegungen – schön war das nicht.

Wann hat sich das geändert?

Als ich 14 war. Ich erinnere mich noch genau. Ich habe eine Orthese bekommen – und damit ein ganz neues Körpergefühl.

Bitte erläutern Sie das näher.

Die ersten paar Tage waren ungewohnt, da die Orthese nur noch am Bein befestigt war.

Ein Mensch besteht schließlich nicht aus Beinen, sondern aus Charakter und Herz.

Doch als ich mich daran gewöhnt hatte, war es nur noch wunderbar. Ich hatte kaum noch Einschränkungen in der Bewegung und konnte plötzlich fast alles mit meinem Bein machen – rennen, Fahrrad fahren, Basketball spielen et cetera.

Kommen wir zum Thema Inklusion. Wie war das in Ihrer Kindheit? Wurden Sie integriert oder ausgegrenzt?

Ich war nie ein Außenseiter. Aufgewachsen bin ich mit meinen Cousins, und die haben mich immer so genommen, wie ich war, und damit auch deren Freundeskreis. Probleme hatte ich durch mein Handicap eigentlich nie. Ein Mensch besteht schließlich nicht aus Beinen, sondern aus Charakter und Herz.

Das hört sich wunderbar an.

„Angriff ist die beste Verteidigung“ – das war immer mein Motto, schon als Kind.

Was verbirgt sich dahinter?

Ich bin immer direkt auf Menschen zugegangen, habe klar gesagt, warum ich leicht humple und dass ich dadurch etwas gehandicapt bin. Damit war das Thema dann aber auch aus der Welt und niemand hat sich mehr darum gekümmert.

Perfekt. Wenn das immer so einfach wäre, hätten wir kein Problem mit dem Thema Inklusion.

Ich weiß, was Sie meinen. Auch ich bin befangen, wenn ich einen Rollstuhlfahrer im Bus sehe. Soll ich ihm helfen oder fühlt er sich dann benachteiligt?

Ich habe mich nie anders gefühlt.

Auch ich habe Berührungsängste bei Menschen mit Behinderungen. Dabei könnte es so einfach sein, wenn man offen zueinander wäre – ohne Angst vor Ablehnung oder dergleichen.

 

Wie haben Sie Ihr Handicap in den Alltag integriert?

Was meinen Sie?

Ein Beispiel: Wenn Kinder merken, dass sie zu spät dran sind, rennen sie schnell nach Hause.

Ich bin einfach zehn Minuten früher losgegangen – oder habe mir eben Ärger eingehandelt (lacht). So wie alle anderen Kinder auch. Ich habe mich nie anders gefühlt. Und alles, was Probleme bereiten könnte, versuche ich bereits im Vorfeld zu vermeiden.

Bitte nennen Sie ein Beispiel.

Ich war beispielsweise mal bei einer Show und merkte, dass ich durch die Orthese den Schuh nicht anbekomme. Also habe ich mir die Schere vom Tisch genommen und ein bisschen an meinem Fuß herumgeschnippelt.

Ich wurde vor zehn Jahren in einem Imbiss entdeckt.

Von da an habe ich bei jeder neuen Orthoprothese etwas vom Fuß weggefeilt, um eine kleinere Schuhgröße zu haben. Immer auf alle Situationen vorbereitet sein – das habe ich gelernt und das gibt mir Sicherheit.

Was hat Sie schließlich zum Modeln bewegt?

Mich persönlich gar nichts. Ich wurde vor zehn Jahren in einem Imbiss entdeckt. Der Typ, dem der Schnellimbiss gehörte, war ein Ex-Model-Scout. Er fragte mich für seine alte Agentur nach meiner Handynummer. Ein paar Wochen später wurde ich dann von meiner heutigen Agentur PMA angerufen. Obwohl ich immer zufrieden war mit meinem Aussehen, hätte ich nie gedacht, dass ich schön genug zum Modeln wäre.

Dass ein Auftritt in kurzen Hosen solche Wellen schlägt, hätte niemand gedacht.

Jetzt weiß ich, dass gerade kleine Makel wie eine krumme Nase oder abstehende Ohren ein Model erst interessant machen. Das Modelbusiness begann mich zu faszinieren und so habe ich mich auf dieses Abenteuer eingelassen.

Waren Sie nach Ihrem aufsehenerregenden Michalsky-Auftritt im Jahr 2010 erstaunt, dass Ihre Prothese ein so großes Thema in den Medien war?

Ich habe vor diesem Auftritt bereits vier Jahre in der Modeszene als Model existiert und verstand den ganzen Rummel überhaupt nicht. Erst nach der Show, als Hunderte Interview- und TV-Anfragen kamen, wurde mir bewusst, was dieser Auftritt für eine Außenwirkung hatte und was er vielleicht auch für die Gesellschaft bedeutet.

Um diesen Menschen etwas mit auf den Weg zu geben, habe ich mein Buch geschrieben.

Ich habe mir darüber vorher nie Gedanken gemacht. Ich bin so geboren und bin zufällig auch Model. Dass ein Auftritt in kurzen Hosen solche Wellen schlägt, hätte niemand gedacht. Privat trage ich schließlich auch kurze Hosen.

Vielen Menschen haben Sie mit diesem Auftritt sicherlich Mut gemacht.

Es macht mir manchmal ein wenig Angst, dass Menschen mit Handicap mich als Vorbild sehen. Seit ich 25 Jahre alt bin, bekomme ich täglich Hunderte Facebook-Nachrichten, in denen mich Menschen fragen, wie ich das alles geschafft habe, erwarten teilweise aber auch Lebenshilfe von mir.

Ich bin wunschlos glücklich und habe bis heute schon mehr erreicht, als ich jemals zu träumen gewagt hätte.

Dadurch habe ich realisiert, dass es da draußen sehr viele Menschen zu geben scheint, die an ihrem Handicap oder mangelndem Selbstbewusstsein zu verzweifeln scheinen. Um diesen Menschen etwas mit auf den Weg zu geben, habe ich mein Buch „Mit einem Bein im Modelbusiness“ geschrieben.

Wo sehen Sie sich in zehn Jahren? 

Ich bin wunschlos glücklich und habe bis heute schon mehr erreicht, als ich jemals zu träumen gewagt hätte. Ich wünsche mir, dass es den Menschen in meinem engeren Umfeld gut geht, dass wir gesund bleiben und dass es einfach immer so weitergeht ...