Was unterscheidet immunonkologische Therapien generell von anderen Krebstherapien?

Der Unterschied liegt im Therapieprinzip. Einfach ausgedrückt, ist eine Chemotherapie darauf ausgelegt, eine Krebszelle zu zerstören und ihr Wachstum zu behindern. Bei der immunonkologischen Therapie, kurz Immuntherapie, nutzt man das Immunsystem selbst, damit es sich gegen den Krebs zur Wehr setzt.

Das Problem beim Krebs ist ja, dass sich Tumoren sozusagen „unsichtbar“ machen können und deshalb vom Immunsystem nicht attackiert werden. Diesen Mechanismus hebelt man durch neue Medikamente aus – die Tumoren werden dann „sichtbar“. Die Medikamente stammen alle aus der Klasse der Checkpoint-Hemmer.

Wie wirkt die immunonkologische Therapie speziell gegen fortgeschrittenen Lungenkrebs?

Sie wirkt auch hier nach dem gleichen Prinzip. Und zwar bei allen Formen des nichtkleinzelligen Lungenkarzinoms mit der Ausnahme der kleinen Gruppe von Patienten, die eine besondere genetische Veränderung im Tumor tragen. Hier wirken sogenannte zielgerichtete Therapien besser.

Zur immunonkologischen Therapie wurde schon im 19. Jahrhundert geforscht. Wieso kommt jetzt erst dieser Durchbruch?

Die Forschung hat inzwischen mehr über die eben erwähnten Wirkungsmechanismen gelernt. Entscheidend sind dabei Signalwege. Diese kennt man inzwischen besser und weiß, wie sie zu manipulieren sind. Allerdings sind diese Wege auch wegen der unterschiedlichen Tumoren sehr komplex.

Wie läuft die Immuntherapie für den Patienten mit fortgeschrittenem Lungenkrebs ab?

Er bekommt alle zwei bis drei Wochen eine Infusion, und zwar so lange, wie eine Wirkung auf die Krebserkrankung zu sehen ist. Idealerweise beobachtet der Arzt natürlich einen Rückgang. Zufrieden können wir aber auch schon sein, wenn der Krebs nicht weiter wächst und man ihn sozusagen „unter Kontrolle“ hat.

Ursprünglich ist die Immuntherapie bei vorbehandelten Patienten mit einer fortgeschrittenen Krebserkrankung untersucht worden.

Wichtig ist auch zu schauen, wieweit der Patient diese Therapie verträgt. Die neuen Medikamente der Immunonkologie haben den Vorteil, dass ihre Nebenwirkungen nicht so stark sind wie bei einer Chemotherapie. Dennoch kann es bei der immunonkologischen Therapie zu einer Überreaktion des Immunsystems kommen. Dann entstehen Entzündungen zum Beispiel in Leber, Darm, Lunge. Betroffen können aber auch die Haut oder der Hormonstoffwechsel durch eine Über- oder Unterregulation des Immunsystems sein.

Nach welchen Kriterien entscheiden Sie sich für eine Chemo- beziehungsweise für eine immunonkologische Therapie?

Ursprünglich ist die Immuntherapie bei vorbehandelten Patienten mit einer fortgeschrittenen Krebserkrankung untersucht worden, bei denen der Tumor erneut gewachsen war. In fünf Studien, die eine Standard-Chemotherapie mit einer Immuntherapie verglichen haben, zeigte sich sowohl eine klare Überlegenheit der Immuntherapie in Hinsicht auf Wirksamkeit wie auch auf Verträglichkeit.

Bei der immunonkologischen Therapie war die Wirkung relevant besser und die Patienten leben länger.

Eine weitere Studie, die wir erst vor drei Wochen auf dem Europäischen Krebskongress vorgestellt haben, belegt diese positive Wirkung auch bei Patienten, die vorher noch nicht behandelt wurden. Entscheidend sind hier rund ein Drittel der Patienten, bei denen auf den Oberflächen der Krebszellen ein bestimmter Biomarker besonders stark auftritt.

Diese Oberflächenstruktur tritt mit den Immunzellen in Wechselwirkung und legt die Immunaktivität lahm. Bei diesen Betroffenen verhindert dann ein Medikament, dass die Tumorzelle an die Immunzelle andockt und dadurch die Immunaktivität ausgebremst wird. Kurz: das Immunsystem kann die Krebszellen jetzt wieder erkennen und bekämpfen.

In dieser Studiengruppe haben wir die Chemotherapie ebenfalls mit der immunonkologischen Therapie verglichen. Auch hier zeigte sich bei der immunonkologischen Therapie die Wirkung relevant besser und die Patienten leben länger.

Diese Ergebnisse werden unsere Diagnostik und Behandlung komplett umstellen und bieten Patienten mit einer hohen Biomarker-Expression eine völlig neue, gut verträgliche Behandlungsmöglichkeit. Auch das renommierte New England Journal hat die Analyse umgehend publiziert.

Ein Ausschlusskriterium ist wahrscheinlich der Faktor Kosten?

Da muss man immer genau hinschauen. Objektiv sind die Medikamente wahrscheinlich teurer als die bei einer Chemotherapie, obwohl auch die preislich stark variiert. Bei der Chemotherapie können allerdings weitere Komplikationen in der Behandlung hinzukommen, zum Beispiel eine stationäre Blutübertragung oder Stimulation des Knochenmarks.

Das muss dann auch erst mal finanziert werden. Für uns als Ärzte steht natürlich der ethische Auftrag im Vordergrund, den Patienten vor allem wirkungsvoll und verträglich zu heilen.

Wie sehr verändert die immunonkologische Therapie die künftige Krebsbehandlung?

Komplett. Es gibt damit ganz neue Möglichkeiten. Die immunonkologische Therapie hat sich in den vergangenen anderthalb Jahren mit atemberaubender Geschwindigkeit entwickelt.

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