Prof. Dittrich, bekannt ist, dass bei Frauen und Männern im reproduktionsfähigen Alter eine Chemo- oder Strahlentherapie zu Unfruchtbarkeit und Hormonmangelerscheinungen führen kann. Ist ein Kinderwunsch für Krebspatienten deshalb ausgeschlossen?

Nein, die Erfüllung des Kinderwunsches ist dank neuer Methoden möglich, mit denen wir in der Lage sind, den Kinderwunsch der Frauen nach der Krebsbehandlung zu erfüllen. Auch wenn eine Strahlentherapie zu einer Sterilität, zum Beispiel durch die Zerstörung der Eizellen im Ovarialgewebe (Anmerkung der Redaktion: Eierstockgewebe), führt.

Wie ist das möglich?

Es gibt verschiedene Möglichkeiten. Die Hauptmethoden sind die Kryokonservierung von Keimzellen.  Bei der Frau entweder in Form von Eizellen oder von Ovarialgewebe.

Was ist der Unterschied zwischen diesen beiden Methoden?

Bei der Kryokonservierung von Eizellen werden diese nach Stimulation mit Hormonen aus den Eierstöcken gewonnen und dann werden diese Eizellen mit schonenden Verfahren tiefgefroren. Dank der Kryokonservierung findet keine Alterung der Eizellen statt und diese können dann später wiederverwendet werden, um den Kinderwunsch der Patientinnen zu erfüllen. Man muss dazu sagen, dass diese Technik zwar unterdessen etabliert ist, es muss aber berücksichtigt werden, dass dieses Verfahren eine Verschiebung der geplanten Chemotherapie um circa zwei bis drei Wochen erfordert. Das geht leider nicht immer.

Und beim Einfrieren des Ovarialgewebes?

Kurz nach der Krebsdiagnose erfolgt eine Entnahme von Ovarialgewebe, das in flüssigem Stickstoff die Zeit bis zur hoffentlich baldigen Heilung überdauert. Nach der Krebstherapie wird der Patientin das Ovarialgewebe zurücktransplantiert. 

Können Männer, die an Krebs erkrankt sind, eigentlich auch etwas tun?

Ja, da sind die Methoden auch deutlich etablierter. Hierbei handelt es sich um die Kryokonservierung von Spermien. Diese Methode ist sehr erfolgreich und dadurch wurden auch schon viele Schwangerschaften ermöglicht. Für Männer ist es so relativ einfach: Nach der Diagnose Krebs und vor der Chemotherapie werden zwei oder drei Spermaproben abgegeben. Diese Spermien werden dann eingefroren und können später verwendet werden, um den Kinderwunsch zu erfüllen.

Was müssen Patienten, die einen Kinderwunsch haben, beachten?

Wird bei Patientinnen mit Kinderwunsch eine Krebserkrankung festgestellt, sollten Onkologen und ihre Kollegen, die Reproduktionsmediziner und Experten, die auf den Schutz und Erhalt der Fruchtbarkeit während einer Chemo- oder Strahlentherapie spezialisiert sind, mit einbinden. Nur gemeinsam lassen sich Tumor-therapie und Kinderwunsch in Einklang bringen.  

Weisen Ärzte ihre an Krebs erkrankte Patientin auf diese Möglichkeiten hin, werden sie informiert?

Das ist zurzeit leider noch ein Problem. Nicht alle Frauen werden von ihren Ärzten über diese noch sehr neuen Möglichkeiten informiert, was schlimm ist. Denn an Krebs zu erkranken ist ein großer Schicksalsschlag, hinzu kommt, dass die Frauen durch die Therapie steril werden können. Umso wichtiger ist es, sie zu informieren, dass sich trotz Krebserkrankung der Kinderwunsch nach Behandlung generell erfüllen lassen kann.

Es ist also sehr wichtig, dass Onkologen Patienten im reproduktiven Alter auf den Schutz und Erhalt der Fruchtbarkeit ansprechen. Und natürlich können sich Patienten auch direkt in speziellen, sogenannten Fertiprotekt-Zentren, informieren.