Professor Schuler, welche neuen Entwicklungen gibt es in der Lungenkrebstherapie?

Man muss die Therapie nach dem Tumorstadium unterscheiden. Bei örtlich begrenzter Erkrankung ist die wichtigste Behandlung die Operation. Hier gibt es neue Entwicklungen zum Einsatz lungenschonender Operationsverfahren, bei denen nicht mehr komplette Lungenlappen, sondern nur Segmente entfernt werden. Dies ist insbesondere wichtig für ältere Patienten oder Patienten mit chronischer Bronchitis, bei denen oft eine eingeschränkte Funktionsreserve der Lunge vorliegt.

Ein anderes Verfahren, das sich in den letzten Jahren mehr entwickelt hat, ist die sehr gezielte Strahlentherapie, als Schlagwort ist „Strahlenchirurgie“ zu nennen. Hiermit kann bei Patienten, die aufgrund von Begleiterkrankungen für eine Operation nicht in Frage kommen, eine sehr gute Abtötung einzelner Lungenherde erreicht werden.

Und bei einer nicht örtlich begrenzten Erkrankung?

Die Mehrzahl der Patienten haben leider bei Diagnose schon Metastasen, das heißt der Tumor hat in andere Organe gestreut. Sie brauchen eine umfassende Therapie, also eine, die im ganzen Körper wirkt. In der Regel ist das eine medikamentöse Therapie, die als Infusion oder in Tablettenform verabreicht wird. Gerade auf diesem Gebiet hat sich in den letzten Jahren sehr viel getan.

Man versteht Lungenkrebs heute besser und weiß daher, dass es nicht nur „einen Lungenkrebs“ gibt, sondern viele Unterformen. Ein großer Schritt war hierbei die Entwicklung neuer Techniken, mit denen man das Genom von nur wenigen Tumorzellen verlässlich untersuchen kann. Dabei findet man bei den verschiedenen Formen von Lungenkrebs wiederkehrende Mutationen.

Diese Genveränderungen können als sogenannte Biomarker genutzt werden und gegen deren Produkte kann man gezielte Medikamente einsetzen. Wichtig ist, dass diese Genveränderungen nur im Tumor vorliegen und nicht innerhalb einer Familie vererbt werden.

Kann man sich so personalisierte Medizin bei Lungenkrebs vorstellen?

Ja, das ist der heutige Stand der personalisierten Medizin bei Lungenkrebs. Man teilt diese Erkrankung, die früher nur aus wenigen Untergruppen bestand, heute in immer mehr kleine Segmente auf, die sich durch Biomarker und das Ansprechen auf Medikamente unterscheiden.

Das bekannteste Beispiel sind die so genannten EGFR-Mutationen. Diese finden sich bei etwa fünf bis sieben Prozent aller Lungenkarzinome in Deutschland. Mehrere Untersuchungen haben gezeigt, dass Patienten, in deren Tumor diese Veränderung vorliegt, mehr von einer Tablettenbehandlung als von einer herkömmlichen Chemotherapie profitieren. Dies ist das erste Beispiel einer zielgerichtet eingesetzten Medikamententherapie bei Lungenkrebs.

Die Forschung findet im Moment jedes Jahr weitere solcher Untergruppen von Lungenkrebs. Gerade aktuell sind Tumore mit Veränderungen des Gens ALK. Hier wirkt ein neues Medikament, das nun auch in Deutschland zugelassen wurde, sehr gut. Die derzeitige Entwicklung spricht dafür, dass noch weitere Medikamente oder Medikamentenkombinationen gefunden werden, die besonders gut bei bestimmten Unterformen von Lungenkrebs wirken, welche durch Biomarker, wie zum Beispiel Genmutationen, gekennzeichnet sind.

Diese Medikamente müssen im Rahmen von klinischen Studien erprobt werden, was einer der Schwerpunkte des Westdeutschen Tumorzentrums am Universitätsklinikum Essen ist. 

Wo sehen Sie die Zukunft der Therapie?

Da man Tumore und deren Beziehung zum Organismus immer besser versteht, ist eine realisierbare Vision, dass man für immer mehr Patienten gezieltere Medikamente auswählen kann, die eine höhere Wahrscheinlichkeit haben, eine metastasierte Erkrankung zurückzudrängen und für eine längere Zeit zu kontrollieren.

So kann Patienten mit metastasierten Tumoren ein längeres Leben ermöglicht werden und dies meistens bei sehr guter Lebensqualität. Ebenso besteht die Hoffnung, dass diese Strategie auch bei örtlich begrenzten Tumoren mit hohem Rückfallrisiko erfolgreich sein wird, um so die Heilungsraten für immer mehr Krebserkrankungen zu verbessern.