Palliativmedizin wird vor allem mit der Phase in Verbindung gebracht, in der Heilung nicht mehr möglich ist. Kann es sinnvoll sein, sie schon früher, also während der gesamten onkologischen Behandlung, einzusetzen?

Der Schwerpunkt der Palliativversorgung liegt in der Behandlung und Begleitung von schwerstkranken und sterbenden Patienten. Bei Patienten mit Krebserkrankung, aber auch bei anderen Patienten, wäre es jedoch sehr sinnvoll, wenn eine unterstützende Begleitung schon früh in der Behandlung beginnen würde.

So haben mehrere Studien gezeigt, dass eine solche frühe Integration der Palliativversorgung in die onkologische Behandlung Symptome vermeiden und Lebensqualität steigern kann. In einer großen kontrollierten Studie wurde sogar festgestellt, dass die Patienten mit einer solchen Begleitung eine signifikant längere Überlebenszeit hatten als die Vergleichsgruppe ohne eine solche Begleitung.

Wir sehen sowohl Über- wie Untertherapie am Lebensende.

In vielen Tumorzentren ist eine solche Integration schon angedacht oder sogar Teil der Behandlungsstandards. In der praktischen Umsetzung funktioniert dies aber immer noch nicht gut genug. Und allzu oft wird der Palliativdienst erst dazu gerufen, wenn die Krankheit schon sehr weit fortgeschritten ist und nur wenig Lebenszeit verbleibt.

Viele Experten monieren eine sogenannte „Übertherapie am Lebensende“ – was ist genau damit gemeint?

Wir sehen sowohl Über- wie Untertherapie am Lebensende. Zum einen werden oft noch belastende Therapien gegen das Tumorwachstum durchgeführt, obwohl die Patienten von dieser Therapie kaum noch einen Vorteil, aber massive Nachteile haben.

Eine Übertherapie am Lebensende erfolgt in aller Regel wirklich aus der Hilflosigkeit der Ärzte heraus.

In einer Auswertung von Krankenkassendaten in ganz Deutschland fanden wir heraus, dass bei zehn Prozent der Patienten, die an einer Tumorerkrankung verstorben waren, im letzten Lebensmonat eine Chemotherapie durchgeführt worden war. Dies ist ein Indikator für die Übertherapie mit belastenden Therapieverfahren in Deutschland. Andererseits finden bei Weitem noch nicht alle Patienten, die eine Palliativversorgung benötigen, den Weg zu einer solchen Versorgung.

Ist ein Grund dieser Entwicklung auch eine Sprachbarriere, also die Angst des Arztes und Patienten, über den nahenden Tod zu sprechen?

Eine Übertherapie am Lebensende erfolgt in aller Regel wirklich aus der Hilflosigkeit der Ärzte heraus. Sie haben das Gefühl, sie müssten doch noch irgendwas machen. Patienten und Angehörige verspüren Angst gegenüber dem bevorstehenden Tod. Sie greifen auch nach dem winzigsten Strohhalm – ohne die Belastungen und Einschränkungen durch die Übertherapie sehen zu können.

Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang das soziale Umfeld des Patienten bei der Behandlung?

Wir machen die Erfahrung, dass die Patienten oft schon klar sehen, wohin der Weg geht. Sie finden sich mit der plötzlich so kurzen Lebenszeit ab. Aber die Angehörigen haben das Gefühl, dass sie „nicht aufgeben“ können.

Meine Vision wäre, dass dann jeder Patient, der eine Palliativversorgung benötigt, sie auch erhält.

Die Einbindung des sozialen Umfeldes ist von sehr hoher Bedeutung, weil es das Bezugssystem des Patienten ist, das ihm helfen und ihn stützen kann, aber auch Druck ausüben und Angst auslösen kann. Gespräche mit Angehörigen, Anleitung zur häuslichen Pflege, Unterstützung bei der Organisation der Versorgung gehören zu den Grundaufgaben der Palliativversorgung.

Wie wird die Palliativmedizin in den kommenden 20 Jahren aufgestellt sein?

Meine Vision wäre, dass dann jeder Patient, der eine Palliativversorgung benötigt, sie auch erhält. Und zwar früh genug, ambulant oder stationär, vom Hausarzt oder vom Palliativteam, je nachdem was er braucht.

Ein sinnvoller Ansatz sind Projekte wie „Caring Communities“.

Ich hoffe aber auch, dass die Entwicklung der Hospizarbeit und Palliativversorgung nicht dazu führt, dass in unserer Gesellschaft das Sterben zum Palliativspezialisten ausgelagert wird.

Wichtig ist für die nächsten Jahre auch eine Rückverlagerung von Krankheit und Sterben in die Gemeinschaft als gesellschaftliche Aufgabe. Ein sinnvoller Ansatz sind Projekte wie „Caring Communities“, also sorgende Gemeinschaften, bei denen lokal und regional ein Bewusstsein für das Lebensende als Teil des Lebens geschaffen wird. Dafür muss die Bevölkerung informiert werden. Eingebunden sein in die Versorgung muss allgemein die Gemeinde, aber auch Freunde, Bekannte und die Nachbarschaft des einzelnen Patienten.

Information

Adressen und Ansprechpartner vor Ort finden Sie im Wegweiser Hospiz- und Palliativversorgung Deutschland der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin: www.wegweiser-hospiz-palliativmedizin.de.