Jedes Jahr kommen etwa 500.000 schwere Neuerkrankungsfälle hinzu. Mehr als 50 Prozent der jüngeren Erwachsenen im Alter von 35 bis 44 Jahren sind von einer moderaten oder schweren Form von Parodontitis betroffen. Mit steigendem Alter erhöht sich dieser Anteil noch einmal deutlich: Bei 75-100-Jährigen weisen neun von zehn Menschen eine moderate oder schwere Parodontitis auf. Die Zahl der Menschen mit Parodontalerkrankungen in Deutschland ist zwar in den vergangenen Jahren rückläufig, prognostiziert wird jedoch ein steigender Behandlungsbedarf in den kommenden Jahren, bedingt durch die demografische Entwicklung und die Verlagerung chronischer Munderkrankungen in ein höheres Lebensalter.

Die Parodontitis hat auch ausgeprägte sozioökonomische Folgen, da sie in der zweiten Lebenshälfte die Hauptursache für Zahnverlust ist. Eine anschließende Versorgung mit Zahnersatz bringt erhebliche Kosten für das Gesundheitswesen mit sich. Eine substanzielle Senkung der Erkrankungslast ist also nicht zuletzt unter diesem Aspekt erstrebenswert. Hinzu kommt ein Mehr an Lebensqualität für die betroffenen Patientinnen und Patienten.

Keine Bagatellerkrankung!

Die Parodontitis ist eine chronische Entzündung des Zahnhalteapparates. Gewebe und Knochen werden schubweise zerstört. Ohne Behandlung führt das zur Lockerung und zum Verlust von Zähnen. Auslöser sind bakterielle Beläge auf Zahnoberflächen und in Zahnzwischenräumen. Einer Parodontitis geht immer eine Zahnfleischentzündung voraus. Diese breitet sich unbehandelt in tiefer gelegene Regionen des Zahnhalteapparates aus und führt so zur Parodontitis.

Parodontitis ist eine „stille Erkrankung“ (silent disease) denn sie verläuft zunächst fast immer ohne Beeinträchtigungen und Schmerzen. Patienten bemerken sie meist erst im fortgeschrittenen Stadium. Auftretende Symptome sind Zahnfleischbluten, -schwellungen, -rückgang und Mundgeruch. Viele Patienten gehen von einer Bagatellerkrankung aus. Doch die Parodontitis beeinträchtigt nicht nur die Ernährung, das Sprechen und das allgemeine Wohlbefinden. Ärztlich belegt sind auch Wechselwirkungen zwischen Parodontitis und Krankheiten wie Diabetes und chronischen Atemwegserkrankungen. Parodontalerkrankungen erhöhen zudem durch freigesetzte Bakterien das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und begünstigen Herzinfarkte und Schlaganfälle.

Neues wissenschaftliches Konzept zur Parodontitisbekämpfung

Der aktuelle Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) erfüllt die Anforderungen an eine zeitgemäße, präventionsorientierte Parodontitistherapie nicht. Eine regelmäßige, gezielte Vorsorge und mundgesundes Verhalten können Parodontitis gänzlich vermeiden und die Zähne bis ins hohe Alter erhalten. Bereits durch intensive Mundhygiene kann in vielen Fällen erfolgreich der Entstehung oder dem Voranschreiten einer Parodontitis vorgebeugt werden. Ist die Krankheit jedoch erst einmal diagnostiziert, ist eine Behandlung unumgänglich. Derzeit werden etwa eine Million systematische Parodontitistherapien pro Jahr über die GKV abgerechnet. Der Vergleich dieser Zahl mit dem Umfang der Erkrankungsfälle macht deutlich, dass die Versorgungssituation in Deutschland verbesserungsbedürftig ist. Dies ist vor allem durch das praktisch nicht vorhandene Krankheitsbewusstsein der Patienten und die unzureichenden Gesundheitskenntnisse in der Bevölkerung bedingt: Viele Menschen suchen angesichts auftretender Erkrankungsanzeichen ihre Zahnärztin oder ihren Zahnarzt nicht oder erst dann auf, wenn die Krankheit bereits weit vorangeschritten ist.

Die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung (KZBV) hat vor diesem Hintergrund gemeinsam mit der Bundeszahnärztekammer (BZÄK) und der Deutschen Gesellschaft für Parodontologie (DG PARO) ein neues, wissenschaftlich abgesichertes Versorgungskonzept entwickelt, das den aktuellen medizinischen Fortschritt berücksichtigt. Es verfolgt das Ziel, die Parodontitisprävalenz zu senken und die Mundgesundheit der Bevölkerung zu verbessern. Gleichzeitig bereitet die Zahnärzteschaft geeignete Maßnahmen vor, um dem unzureichenden Wissen und Bewusstsein für die stille Volkserkrankung zu begegnen, so dass Patienten künftig schneller den Weg in die Praxis finden. Denn eine frühzeitige Aufklärung über die Krankheit ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für deren wirksame und nachhaltige Bekämpfung.

Drei Kernelemente des Konzeptes sollen die erfolgreiche Behandlung der Parodontitis sichern: Das ärztliche Gespräch ermöglicht Zahnärzten, ihre Patienten auf Basis der getroffenen Diagnose umfassend und individuell aufzuklären. Hierzu gehören Information über Befund, Diagnose, Therapiealternativen, gegebenenfalls anfallende Kosten, gesundheitsbewusstes Verhalten und Wechselwirkungen der Parodontitis mit anderen Erkrankungen. Nur durch ein solches Gespräch kann die Motivation der Patienten zur Therapie gesteigert und die Mitarbeit gefördert werden.

Aus der Aufklärung resultiert eine gemeinsame Entscheidungsfindung für die folgende Therapie. Nach den einzelnen Therapiephasen werden die Befunde im Rahmen der Reevaluation erhoben und dokumentiert. Das ermöglicht eine zielgerechte Planung der weiteren Behandlungsschritte. Die unterstützende Parodontitistherapie (UPT) ist eine strukturierte Nachsorge, die die Kontrolle der Mundhygiene, die Motivation und -instruktion der Patienten sowie vollständige Zahnreinigungen umfasst. Diese strukturierte Nachsorge beginnt etwa drei bis sechs Monate nach Abschluss einer antiinfektiösen Therapie beziehungsweise einer chirurgischen Parodontitistherapie, wenn bei der ersten und einer weiteren Reevaluation parodontal stabile Verhältnisse festgestellt wurden. Eine UPT umfasst die Kontrolle der individuellen Mundhygiene (Plaque- und Entzündungsindex), eine Mundhygienemotivation und –instruktion, die Erfassung des Parodontalstatus mindestens einmal pro Jahr, eine erneute vollständige supra- und subgingivale Reinigung aller Zähne von anhaftenden Biofilmen und Belägen sowie eine subgingivale Instrumentierung an Zähnen mit einer bestimmten Sondierungstiefe oder bei Bluten auf Sondieren (BOP).

Wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass die Mitarbeit des Patienten am häufigsten im Übergang von der systematischen Parodontitistherapie zur Nachsorge abbricht. Dem soll mit einem Anreizsystem begegnet werden. Ausgangspunkt ist das Bonusheft bei der Versorgung mit Zahnersatz. Dieses ist bereits akzeptiert und seit vielen Jahren bewährt. Vorgesehen ist, dass sich im Rahmen des Bonussystems die Zuschüsse zur UPT erhöhen, wenn Versicherte ihre Zähne regelmäßig pflegen und in den vergangenen fünf Jahren vor Beginn der Parodontitistherapie die zahnärztlichen Untersuchungen in Anspruch genommen haben. Wurden die Untersuchungen in den vergangenen zehn Jahren wahrgenommen, soll sich der Zuschuss noch einmal erhöhen. Die UPT sollte dabei zweimal jährlich von der GKV bezuschusst werden. Kosten für Härtefälle würden komplett übernommen.

Ein steiniger Weg vom Konzept in die Praxis…

Welche Behandlungen letztendlich von der GKV bezahlt werden und welche nicht, legt der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) in verbindlichen Richtlinien fest. Die KZBV ist eine von mehreren stimmberechtigten Trägerorganisationen und setzt sich im G-BA mit Nachdruck für eine Erneuerung der Parodontitistherapie ein. Um das zahnärztliche Konzept in die Praxen zu bringen, muss der G-BA die aktuelle Behandlungsrichtlinie anpassen und durch neue Therapiebausteine ergänzen. Dafür müssen nach dem Willen des Gesetzgebers zunächst die verfügbaren wissenschaftlichen Studien bewertet werden.

Im Mai dieses Jahres hat das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) im Auftrag des G-BA nach einer entsprechenden Recherche seinen Abschlussbericht vorgelegt. Der Bericht ist eine Grundlage, um in den anstehenden Beratungen im G-BA patientenorientierte Verbesserungen im Kampf gegen die Parodontitis zu erreichen. Es folgen nun zunächst weitere Beratungen und Verhandlungen zur konkreten Umsetzung der neuen Leistungen in den zahnärztlichen Richtlinien. Ein positiver Beschluss des G-BA wäre letztlich im Interesse von Millionen von Patienten. Die Anpassung der Versorgung an den aktuellen Stand der Wissenschaft im Bereich der Parodontitistherapie ist dabei versorgungspolitisch dringend geboten, um die hohe Erkrankungslast in der Bevölkerung mittelfristig zu senken.

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