Jahrelang waren Menschen im Glauben, dass Parodontitis nur eine Zahnfleischentzündung ist, die im schlimmsten Falle zum kompletten Rückgang des Zahnfleisches führt und noch schlimmer zum Verlust der Zähne führen kann. Eine neue Studie der Christian-Albrechts-Universität (CAU) zu Kiel und des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein (UKSH) zeigt jedoch noch etwas ganz anderes.

Gemeinsam mit der Freien Universität Amsterdam und der Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn wurde in einer Studie nachgewiesen, wie Produkte des Parodontis-Gens andere Gene regulieren, welche im Erbgut des Menschen liegen. Die Ergebnisse wurden vor Kurzem in der Fachzeitschrift „Human Molecular Genetics“ veröffentlicht. Unter anderem wurde das Parodontis-Gen ANRIL (antisense non-coding RNA in the INK4 locus) untersucht, welches maßgeblich zum Herzinfarktrisiko beiträgt.

„Unsere Ergebnisse bringen uns bei der Erforschung der genetischen Ursachen des Herzinfarktes einen sehr großen Schritt voran“, erklärt Arne Schäfer vom Institut für Klinische Molekularbiologie der CAU. „Sie weisen auch darauf hin, dass ein gestörter Fett- und Zuckerstoffwechsel, vermutlich durch seine Effekte auf die Bildung von Entzündungsmediatoren, eine große Rolle bei der Entstehung der Parodontitis spielt. Parodontitis und die Arteriosklerose, die häufig zu Herzinfarkten führt, scheinen einen gemeinsamen kausalen Zusammenhang zu haben, der möglicherweise auch in Prozessen des Fettstoffwechsels zu finden ist.“

Es wurde auch eine Wechselwirkung zwischen weiteren Risikovarianten der Parodontitis, wie C11ORF10/FADS (Fettsäuren-Desaturase), innerhalb des Genclusters gefunden. Diese Wechselwirkungen stehen unter anderem in direkter Verbindung mit der Entstehung des Metabolischen Syndroms (Diabetes mellitus, Insulinintoleranz, Bluthochdruck, abdominelle Fettleibigkeit und Glukoseintoleranz). Sogar chronisch entzündliche Darmerkrankungen stehen in Verbindung mit der Risikovariante. 

Ein Umdenken würde einen effekiven Mehrwert schaffen.

Die neuen Forschungsergebnisse über die erschreckenden Wechselwirkungen zwischen parodontalen und systematischen Erkrankungen haben die European Federation of Periodontology und die Deutsche Gesellschaft für Parodontologie (DGParo) dazu bewegt, eine Aufklärungskampagne zu starten, welche europaweit in Zahnarztpraxen für mehr Bewusstsein der Mundgesundheit sorgen soll. Dieses Bewusstsein soll auch an die Patienten weitergegeben werden, denn klar ist, dass die Zahnarztpraxen einen erheblichen Beitrag für die Volksgesundheit leisten.

Die EFP-Grundsatzerklärung fordert, dass medizinische Bedürfnisse der Patienten als Ganzes gesehen werden müssen und idealerweise eine Zusammenarbeit von zahnärztlicher sowie allgemeinärztlicher Seite stattfinden muss, um den nächsten Schritt zu machen. Spezialisten von der Kardiologie, der Gynäkologie und Diabetologie könnten enger zusammenarbeiten, um entsprechend auf Herz-Kreislauf-Beschwerden, Schwangerschaftskomplikationen oder Zuckerkrankheit zu verweisen und später auftretende Komplikationen frühzeitig zu erkennen.

Erschreckend hierbei sind die sta-gnierende Unterstützung beziehungsweise die immer weiter sinkenden Zuschüsse der Krankenkassen.  Der Gesamtetat der gesetzlichen Krankenversicherungen für die Zahnmedizin beträgt etwa elf Milliarden Euro pro Jahr (11,4 Milliarden in 2010, 11,6 Milliarden in 2011). Davon werden noch nicht einmal 400 Millionen Euro für die Parodontitistherapie ausgegeben (363 Millionen Euro in 2010, 371 Millionen in 2011).

Ab dem Alter von 43 Jahren ist die Parodontitis Ursache Nummer eins für Zahnverluste!

Parodontitis als offenes Tor für Krankheiten

Man kann sich die Parodontitis wie ein offenes Tor für Bakterien, Krankheitserreger und Viren vorstellen. Erschreckend hierbei ist, dass sie nie richtig verheilt, wenn man sie nicht behandelt. Sie ist anders als andere Wunden an unserem Körper. Die neuen Erkenntnisse unterstreichen, dass sich der regelmäßige Besuch beim Zahnarzt auszahlt.