Er war schon immer etwas moppelig, und seine Eltern waren froh, als er in den letzten Wochen fünf Kilogramm an Gewicht abgenommen hatte. Auch seine Klassenlehrerin hatte sich nichts dabei gedacht, dass er sich letzthin immer wieder mal während der Stunde meldete, weil er dringend auf die Toilette musste. Hugos großer Durst fiel keinem auf, schließlich war es Sommer. Hugo wurde immer schwächer, konnte am Montag nicht mehr zur Schule.

Der herbeigerufene Notarzt dachte an eine Lungenentzündung, weil Hugo schnell und tief atmete. Auf dem Weg in die Kinderklinik verlor er das Bewusstsein. In der Notaufnahme im Kinder- und Jugendkrankenhaus „Auf der Bult“ in Hannover erfuhren die Eltern die Diagnose: „Ketoazidose bei Typ 1 Diabetes.“

„Ketoazidose ist eine lebensgefährliche Übersäuerung.“

Die diabetische Ketoazidose ist eine lebensgefährliche Übersäuerung des Bluts, die durch einen Mangel des Hormons Insulin entsteht. Während bei undiagnostiziertem Diabetes mellitus des Typ 1 die Bauchspeicheldrüse als Folge einer Attacke des eigenen Immunsystems aufhört, den blutzuckersenkenden Botenstoff zu produzieren, ist bei Kindern mit bekanntem Diabetes mellitus ein Insulinmangel durch unzureichende Gabe die Ursache der Ketoazidose.

Mindestens 75 Prozent der Ketoazidose-Episoden nach Diagnose des Diabetes hängen mit einer Therapieverweigerung (zum Beispiel Weglassen von Insulininjektionen) oder anderen schweren Behandlungsfehlern zusammen. Während eine nicht rechzeitig behandelte Ketoazidose zu bleibenden Schäden oder sogar zum Tod führen kann, lässt sich nach guter Schulung die Stoffwechselentgleisung durch Bestimmung von Zucker und sogenannten Ketonkörpern im Blut oder im Urin rechtzeitig erkennen.

In Deutschland zeigte eine kürzlich veröffentlichte Analyse der Daten von 14.664 Kindern und Jugendlichen in der letzten Dekade, trotz aller Aufklärungsmaßnahmen, eine im zeitlichen Verlauf unveränderte Häufigkeit der diabetischen Ketoazidose von 21 Prozent der neu erkrankten Patienten.

Frühzeitiges Erkennen der typischen Diabetessymtome wie häufiges Wasserlassen, Gewichtsabnahme und großer Durst kann bei rechtzeitig erfolgter Insulinbehandlung die Entstehung einer Ketoazidose mit Austrocknung, vertiefter Atmung, Erbrechen und Bewusstlosigkeit verhindern. Daher sollten alle, auch Betreuer wie Erzieher und Lehrer, bei Kindern mit diesen Symptomen an einen Diabetes denken, beziehungsweise einen Kinderarzt konsultieren und unverzüglich eine Behandlung in einem Kinderkrankenhaus veranlassen.

Da sich die Diabeteserkrankung bereits vor Ausbruch durch eine Blutuntersuchung zuverlässig vorhersagen lässt, wird gegenwärtig über ein Screening im Kindesalter nachgedacht. So könnte Typ 1 Diabetes bereits bei ersten Zeichen und nicht erst bei aufgetretener Ketoazidose behandelt werden. Rechtzeitig und richtig behandelt, muss kein Kind an einer Ketoazidose sterben.

So ging es auch Hugo nach Infusionsbehandlung und Insulingabe am nächsten Tag schon viel besser. Obwohl weder ihn noch seine Familie eine Schuld trifft, bleibt der Diabetes aber von nun an sein ständiger Begleiter. Tägliche Insulingaben und Zuckerkontrollen gehören von nun an für ihn und seine Familie, wie bei 25.000 anderen Kindern und Jugendlichen in Deutschland, zum Leben dazu.