Frau Karasek, mit 13 Jahren hat man genug mit sich zu tun. Sie erhielten zudem die Diagnose „Diabetes“. Wie sind Sie damals damit umgegangen?

Verleugnen und Ignorieren! (lacht) Ich hab’s nicht wahrhaben wollen, nicht wissen wollen, nicht akzeptieren wollen. Man will nicht stigmatisiert werden, erst recht nicht in der Pubertät.  Ich hab aber nicht geschmollt, im Gegenteil - ich wurde nur noch trotziger als vorher. Nach dem Motto „Jetzt erst Recht!“ Ich hab nicht drüber gesprochen,  aber angefangen zu rauchen und so weiter. Die Diagnose hat insofern erstmal alles „verschlimmert“, was die Pubertät so ausmacht.

Sprechen drüber muss man nicht, spritzen muss man schon. Wie hat sich Ihr Umgang mit der Krankheit dann verändert?

Irgendwann hab ich’s dann thematisiert, war ja eh nicht zu übersehen. Und auf einmal hatte das in dem Alter sogar auch was „Cooles“ mit den Spritzen. Andere fangen an zu kiffen? Ich hab meine Ausrüstung dabei, ich muss aufpassen, ich bin verwundbar. Ich war was Besonderes, dadurch bin ich dann auch offensiver mit der Krankheit umgegangen.  Im Prinzip hab ich genauso gelebt wie alle anderen – nur immer noch ein bisschen doller. Ich wollte mir von der Krankheit „nichts sagen lassen“. Wahrscheinlich wollte ich sie letztlich besiegen, was natürlich nicht möglich ist und darum keine gute Idee. Aber diesen starken Willen, nichts zu verpassen, mir das Leben nicht „versauen“ zu lassen, den verdanke ich zu einem Großteil dem Diabetes.

Man „wächst mit seinen Aufgaben“?

Ja, absolut. Diese frühe und ziemlich deutliche Konfrontation mit meiner Sterblichkeit hat mir einen zusätzlichen Antrieb gegeben: „Ich will intensiv leben, exzessiv leben – weil ich nicht weiß, wie lange es gut geht.“ Im Nachhinein auf jeden Fall eher ein positiver Einfluss.

Heute sind Sie Mutter von Zwillingen. Eine Schwangerschaft ist bei Diabetes mit Risiken für Mutter und Kind verbunden. Waren Sie darauf vorbereitet?

Nein. Ich wusste nicht, wie schwer es wird - und welche Komplikationen es geben kann. Die Schwangerschaft war in vielerlei Hinsicht schrecklich, unter anderem wegen dem Diabetes. Wenn ich jetzt das „Produkt“ sehe, bin ich natürlich froh, dass ich das gemacht hab; andererseits war es die schwerste Zeit meines Lebens. Erst die Schwangerschaft, dann mit den Kindern so lange im Krankenhaus…

Welche Komplikationen gab es denn?

Naja, die Babys kriegen eben die schwankenden Zuckerwerte mit, das kann verschiedene, auch sehr ernste Folgen haben. Manche werden zu früh geboren, manche produzieren zu viel Insulin, quasi um die Mama zu „retten“ -  das war schon dramatisch. Heute sind meine Kinder kerngesund und extrem fröhlich, es gibt keinerlei „Nachwirkungen“. Aber damals wusste man das ja nicht. Diese Angst war immer da, das war das Schlimmste, als sie da so verkabelt in ihren piepsenden Glaskästen lagen.

Gab es da auch Vorwürfe von Freunden - oder Kopfschütteln der Krankenschwestern? Nach dem Motto „Wie konntest du nur… du hättest doch wissen müssen…“

Nein, das wäre ja auch fürchterlich! Im Gegenteil, ich bin ein riesengroßer Fan der Schwestern und Ärzte der Frühchenstation im Bürgerhospital in Frankfurt, die sind wirklich ganz, ganz toll. Wir haben uns da auch schon ehrenamtlich und über Spenden engagiert. Unser Sohn wurde dann nochmal in die Uniklinik Mainz verlegt, auch da war die Betreuung wirklich super.

Hat sich Ihre Einstellung zum Diabetes seit der Schwangerschaft und dem Muttersein nochmal verändert?  

Mutter zu werden ist ja sowieso schon so eine große Veränderung, da kann der Diabetes sich erstmal hinten anstellen (lacht). Aber natürlich ist man vielleicht noch etwas demütiger und dankbarer dem Leben gegenüber. Ich hab ja, wie gesagt, auch vorher schon nichts für selbstverständlich gehalten – aber mit der Verantwortung für so winzige, schutzlose Wesen kommt auf jeden Fall nochmal eine ganz neue Dimension dazu.

Haben Sie Tipps für Diabetiker? Vielleicht vor allem für junge Leute, die mit der Diagnose klarkommen müssen?

Lasst euch nicht einschränken! Erstmal ganz praktisch gemeint - ich klebe mir so einen Knopf an den Arm und hab eine App auf dem Smartphone, das ist alles nicht mehr so krass wie früher. Hoffentlich geht’s bald ganz automatisch! Aber vor allem kommt es drauf an, wie man im Kopf damit umgeht. Man kann sich da reinsteigern und immerzu denken „Nein, da kann ich nicht mit, dort kann ich nicht hin, das darf ich nicht essen - ich hab ja Diabetes.“  Das Meiste davon ist Quatsch, man kann eigentlich ziemlich normal leben! Man kann in den Urlaub fahren, man kann Kinder kriegen, man kann Aperol Spritz trinken, man kann auch Schokolade essen. Dass man das alles wegen dem Diabetes etwas bewusster machen muss, ist doch viel eher eine Chance als ein Problem.