Aus Ihrer Sicht: Welche Tabus existieren in unserer heutigen Gesellschaft?

Alles, was heutzutage nicht meinungskonform ist in der heutigen Gesellschaft wird zu einem verdächtigen Indiz erklärt. Man muss sich davor hüten, etwas zu sagen, was als Slogan dienen könnte, um sich einer politischen Gruppe zuzuordnen. Ich liebe zum Beispiel Deutschland. Ich mag die Menschen, ich mag die Kultur, vor allem die Subkultur. Soll ich das jetzt nicht laut sagen, weil ich dann in den Verdacht gerate Nationalist oder rechts zu sein? Ich bin überhaupt kein politischer Mensch. Ich bin im Geiste Anarchist, Freidenker. Also für wen gelten eigentlich welche Tabus? Wäre ich praktizierender Christ, und bewegte mich unter Gleichgesinnten, dann würde die Aussage „Es gibt keinen allmächtigen Gott“ sicher einen Tabubruch darstellen. Ich glaube nicht an die Existenz Gottes - ich bin praktizierender Buddhist, allerdings zugegebenermaßen wohl ein ziemlich miserabler Zen-Schüler. Unter Meinesgleichen breche ich also gar kein Tabu, weil Buddhisten in der Regel nicht an Gott glauben.

Es geht immer um den Respekt mit dem man der anderen Seite gegenübertritt, vielleicht die einzig relevante Religion an sich.

In einer nach außen hin integer scheinenden Gesellschaft gelten Randgruppen als fragwürdiger Umgang. Gilt mir persönlich dieser Umgang als Tabu? Ich habe durch meine doch mehr als schräge Entwicklung in meiner Kindheit und Jugend, die bizarrsten Erfahrungen und Bekanntschaften gemacht. Es gibt Kriminelle, oder sagen wir mal ehemals Kriminelle, die uns in moralisch-ethischer Hinsicht charakterlich durchaus überlegen sind (andererseits Menschen, die sich selbst zum Kulturbürger erklären und sich sozial und menschlich vollkommen inakzeptabel verhalten). Ich kenne keine Berührungsängste, weder mit der Klofrau, oder der Kunstlehrerin, noch mit dem Dorfpfarrer, oder einem ehemaligen Gangsterboss. Ich lasse mein Herz entscheiden, für mich der manifestierend entscheidende Faktor schlechthin. Wir tun uns schwer mit öffentlichen Bekenntnissen und unsere privaten Marotten gehen ja auch niemanden etwas an. Andererseits aktivieren wir ja automatisch ein okkultes Tribunal, wenn wir zu sehr aus der Art schlagen und jene gesellschaftlichen Reaktionen sind von vorneherein festgelegt. Eheliche Untreue beispielsweise, gilt als Tabubruch.

Man glaubt das solange nicht, bis es Dich schließlich selbst trifft!

Oft regen sich die darüber auf, die selbst untreu (oder auch betroffen) waren und andererseits: beeinträchtigt die Untreue anderer die Lebensqualität der Treuen? Wenn überhaupt sollte man sich doch Gedanken darübermachen, was vielleicht in dieser Ehe zu so etwas geführt haben könnte. Letztendlich sollte jeder erstmal mit sich selbst klarkommen, bevor er sich aufschwingt andere zu maßregeln. Ich bin niemandem Rechenschaft über mein Verhalten schuldig, sofern es anderen nicht schadet. Ich lebe so, wie ICH es will und nicht so wie man von mir erwartet zu leben. Nur als unmaßgebliches Beispiel: die öffentlich-medialen Geißelungen über das Thema Promiskuität sind festgelegt: Hat, oder hatte ein Mann viele Frauen, bleibt dass zwar ein delikates Thema, aber in bestimmten Kreisen kann er wiederum als Held gelten. Hat, oder hatte eine Frau viele Männer wird sie per se gebrandmarkt, büßt automatisch ihr zivilisiertes Ansehen ein. Ist das nicht in höchstem Maße ungerecht? Ich würde mir eher über die Gesellschaft Gedanken machen, die solche Formen der Stigmatisierung ermöglicht!

Solange ich niemand anderen verletze ( ! ), mache ich wirklich etwas falsch? und wer bitteschön hat welche Regeln eigentlich erfunden, und meint sie seien das Non-Plus-Ultra natürlichen Verhaltens? Andererseits darf man nicht außer Acht lassen, was ich der anderen Seite zumute, und was ich selbst imstande bin zu ertragen. Auch wenn es hier „nur“ um das Thema Tabu geht: Die seelischen Verletzungen die man zufügen könnte, auch wenn man das gar nicht will, darf man nie unterschätzen und sie kommen mit präziser Zielsicherheit zu Dir zurück. Man glaubt das solange nicht, bis es Dich schließlich selbst trifft! Karma is a bi***!

Gibt es Tabuthemen, die für Sie persönlich beziehungsweise auch in Ihrem Umfeld gelten?

Nein, ich bin Künstler, und in dieser Berufsgruppe gibt es zu einem großen Anteil fast einen unausgesprochenen Ehrenkodex einer natürlichen Akzeptanz (ich sage bewusst nicht Toleranz, weil diesem Begriff stets etwas verkrampft duldendes anhaftet ) meinen Mitmenschen gegenüber, gleichgültig welcher Nation, Religion, sexueller Neigung, oder was für einem sozialen Status sie angehören. Ich breche also kein Tabu, wenn ich mich außerhalb einer oktroyierten Norm bewege. Wir Schauspieler sind von Natur aus bizarre widersprüchliche Charaktere, gelten seit jeher als verhältnismäßig verrückt und sind geradezu gezwungen die Andersartigkeiten unserer Kollegen zu akzeptieren. Dahingehend einen Tabukomplex zu finden erweist sich demnach als schwierig.

Ich trete jedem mit Respekt gegenüber, auch wenn ich eine Neigung zu unverschämten Scherzen habe.

Als Schauspieler ist es für mich ein absolutes Tabu mich unkollegial zu verhalten. Das Studio mit der Intention zu betreten, den Kollegen überlegen sein zu wollen ist schon im Ansatz falsch und der Tabubruch schlechthin. Es gibt solche Kollegen sicher, aber sicher nicht bei uns, nicht bei AWZ. Ich trete nicht an mit der Motivation besser als andere zu sein. Meine Motivation ist Spaß zu haben mit meinen Kollegen und gute Arbeit abzuliefern. Das funktioniert über wechselseitige Wirkung. Ich bin nicht daran interessiert mich mit den anderen zu messen, sie einzuschüchtern, oder ihnen durch arrogantes Kauderwelsch Demut abzunötigen.

Je freier sich mein Partner, oder meine Partnerin mir gegenüber fühlt, desto größer ist die Möglichkeit in seiner Darstellung zu brillieren und umgekehrt. Je besser der oder die andere ist, desto besser kann ich selbst wirken. Man kann das mit Komplementärfarben vergleichen: rot strahlt am besten auf grünem Untergrund und umgekehrt. Wer das versteht, kommt niemals in die Verlegenheit eines diesbezüglichen Tabubruchs. Natürlich gibt es Missverständnisse in der Kommunikation, aber die lassen sich korrigieren indem man sein Anliegen formuliert. Ich trete jedem mit Respekt gegenüber, auch wenn ich eine Neigung zu unverschämten Scherzen habe.

Was muss passieren, um Tabus in der Gesellschaft zu brechen?

Das kollektive Bewusstsein (sofern es ein solches überhaupt gibt) müsste sich grundlegend ändern! Das Paradoxe ist doch, dass sich der Status des Tabus in dem Moment aufhebt, indem gesellschaftlich mit Verständnis und Nachsicht zu rechnen ist. ich halte es zum Beispiel für sinnvoll Cannabis zu legalisieren, lehne für mich mittlerweile aber jeglichen Drogenkonsum ab! Heute ist die öffentliche Diskussion darüber ja längst im Gange. Stellen Sie sich vor, Anfang der Sechziger Jahre hätte jemand offen für die Freigabe von Cannabis plädiert. In den Siebzigern ist genau das passiert und es war wohl so etwas wie ein Tabubruch.

Ich halte nichts von Drogenkonsum, insbesondere was harte und chemische Drogen betrifft. Andererseits bringt das Betäubungsmittelgesetz rein gar nichts. Ich würde daher auf Legalisierung setzen, jedoch immer in Verbindung mit Aufklärung und sozialer Veränderung - wer Drogen konsumieren will wird Möglichkeiten finden dies zu tun und sich nicht von irgendwelchen Gesetzen davon abhalten lassen. Das ist ein weites Feld. Es gibt Menschen, die Drogenkonsumenten sind, um zum Beispiel ihre Kreativität anzuregen.

Stellen Sie sich vor jemand würde über seine Liberalität zur Materie an sich hinausgehen und offen bekunden: „Sag‘ ja zu Drogen!“ Das wäre ein Tabubruch. Kann unsere Gesellschaft mit sowas umgehen? Wie schon erwähnt, ich habe den Drogen abgeschworen - ich habe mir die Fähigkeit erworben den richtigen Schalter in meinem Hirn einfach umzulegen, um mich in einen Zustand der Weite zu versetzen, wo Kreativität und pure Freude am Dasein eher möglich ist, und ganz nebenbei bemerkt: gesünder ist das auch noch!

Hinsehen, hinhören aber nicht darüber sprechen: Was denken Sie sind Beweggründe für das Verschweigen von Tabu-Themen?

Tabuthemen sind unbequem. Wer ist schon geübt im Umgang damit? Mache ich Kinofilme zum Diskussionsgegenstand, laufe ich nicht Gefahr anzuecken. Äußere ich meine Meinung über das Flüchtlingsproblem kann es schwierig für mich werden. Viele Menschen haben Angst das falsche zu sagen und schließen sich lieber einer allgemein gängigen Meinung an, die sie unangreifbar macht, oder man strebt in eine extreme Richtung und fühlt sich in der rechten Rotte geborgen.

Frieden und soziale Gerechtigkeit sollten keine Tabuthemen sein.

Extremismus hat noch nie zu einer Bewältigung eines Problemkomplexes beigetragen. Man sollte aber stets den Mut haben seinen Mund aufzumachen, ganz gleich “wes Geistes Kind” man ist, und gleichzeitig bereit sein, die Argumente, die eine offene Diskussion bieten abwägen, bevor man einer andersartigen Meinung die Kompetenz abspricht. Starrsinn rührt auch von geistiger Unbeweglichkeit, die wiederum auf Des - beziehungsweise Fehlinformation zurückzuführen ist. Mangelndes Mitgefühl ist vielleicht auch ein erwähnenswerter Aspekt, jedoch sollte man das intelligent einsetzen. Bin ich ein schlechter Mensch, wenn ich sage, alle Flüchtlinge irgendwie reinzulassen ist keine Lösung? - also wem tue ich eigentlich einen Gefallen damit, wenn weniger oder gänzlich unqualifizierte Flüchtlinge hier keine Zukunftsperspektive haben?

Darüber hinaus halte ich die bornierte Haltung einzelner Staaten, die sich rigoros weigern überhaupt jemanden aufzunehmen, für unerträglich und kleinkariert. So etwas wird sich rächen. Es geht hier um ein Problem der Weltgemeinschaft. Wir sind alle Bürger dieses einen Planeten, also sollten wir alle zusammenhalten. Vernunft der Mitte ist gefragt! Weder lautstarker übertriebener Idealismus, noch ignorantes Angstschüren tragen zu einer Lösung bei. Es ist sicher ein Trugschluss zu glauben, die Flüchtlinge bedrohen unseren Reichtum, andererseits ist oft der Anspruch der hier eintreffenden Flüchtlinge unrealistisch. Ich tue mich grundsätzlich schwer damit, Politikern zu vertrauen; letztendlich sind viele von ihnen nicht an einer problemlösenden Orientierung interessiert, sondern versuchen es ihren und ihren potenziellen Wählern recht zu machen. Angstmacherei war schon immer ein Mittel die Bürger aufzuwiegeln. Frieden und soziale Gerechtigkeit sollten keine Tabuthemen sein. Puh, ich bin froh, kein Politiker zu sein! Hier haben Sie Ihr Tabu: Keith Richards for President!