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Innere-Organe

Mehr Vielfalt in den Darm!

Foto: Antonina Vlasova via Shutterstock

Dr. med. Ralf Heinrich von der Berliner Thera Praxisklinik für Integrative Medizin im Gespräch über die optimale Darmgesundheit.

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Dr. med. Ralf Heinrich

Thera Praxisklinik für Integrative Medizin

Warum ist unser Darm so wichtig für die Gesundheit?

Der Darm ist deutlich mehr als nur der Ort, wo unsere Nahrung aufgenommen und verdaut wird. Er ist zentraler Sitz unseres Immunsystems. 80 Prozent aller Immunzellen befinden sich hier genauso wie das so genannte enterische Nervensystem, das Bauchgehirn mit seinen 100 Millionen Nervenzellen. Im Darm ist auch das Mikrobiom angesiedelt. Es agiert wie eine Art eigenständiges Organ und besteht aus einer Gesamtheit von Mikroorganismen wie Bakterien, Viren und Pilzen. Dieses Mikrobiom ist bei jedem Menschen individuell unterschiedlich.

Welche Rolle spielt das Mikrobiom in der menschlichen Biologie?

Ich vergleiche es immer immer mit einem Humusboden im Urwald. Sind  die Mikroorganismen mit ihren verschiedenen Stämmen im Mikrobiom in ausreichender Zahl und Struktur fest angesiedelt, erhält das Immunsystem auch die richtigen Impulse. Nur mit einem gesunden Mikrobiom können wir selbst gesund bleiben oder gesund werden.

Was kann einen Darm denn aus der Balance bringen?

Ein wichtiger Faktor für einen gesunden Darm ist natürlich erstmal die richtige Ernährung. Der moderne westliche Lebensstil ist deshalb der größte Feind einer gesunden und vielfältigen Darmflora. Damit meine ich ungesunde Ernährung mit zu viel Zucker und Fetten beziehungsweise zu wenig Ballaststoffen. Schädlich sind ebenfalls Schadstoffe und Schwermetalle aus der Umwelt, aber auch Genussgifte wie Nikotin und Alkohol. Die mikrobielle Vielfalt der Menschen in westlichen Ländern nimmt daher leider nachweislich ab.

Zu welcher Therapie raten Sie Ihren Patienten?

Neben einem gesunden Lebensstil empfehle ich zusätzlich Präbiotika und Probiotika, um diese mikrobielle Vielfalt gezielt zu fördern. Ich habe heute Morgen selbst beides eingenommen. Um im Bild zu bleiben: Ich pflege mit diesen Nahrungsergänzungen meinen Humusboden im Urwald. Ich sehe das als Investition in meine gute Darmflora und für mehr Gesundheit.

Welche Vorteile haben diese Präbiotika und Probiotika?

Probiotika sind Präparate, mit denen man dem Körper lebensfähige, nützliche Darmbakterien zusätzlich zuführt. Sie siedeln sich im Darm an und vermehren sich. Sie brauchen jedoch ein entsprechendes Darmmilieu um zu überleben. Dafür nimmt man Präbiotika. Das sind lösliche Ballaststoffe, die wir selbst nicht verdauen können, die jedoch die Hauptnahrung der guten Darmbakterien sind. Sie bilden daraus spezielle Fettsäuren, die wiederum wir für einen gesunden Darm und eine gesunde Immunabwehr brauchen.

Können Sie auf Einsatz und Wirkungsweise der Präparate noch näher eingehen?

Präbiotika und Probiotika haben allgemein gesundheitsfördernde Wirkung. Deshalb empfehle ich eine regelmäßige Einnahme. Wertvoll sind sie aber zum Beispiel auch konkret nach einer Antibiotika-Therapie oder bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen. Ein Mikrobiom regeneriert sich nach einer Antibiotika-Therapie nämlich nicht immer vollständig. Einige empfindliche Stämme verschwinden sogar ganz.

Wichtig ist aber immer der Blick auf den individuellen Patienten und das konkrete Präparat. Es gibt Multi-Spezies-Produkte mit Stämmen verschiedener probiotischer Arten, die sich in ihren einzelnen gesundheitsfördernden Eigenschaften ergänzen und verstärken können. Möglich ist beispielsweise eine Wirksamkeit in speziellen Darmbereichen. Verschiedene Arten und Unterarten siedeln in unterschiedlichen Darmabschnitten. Sie schaffen unter anderem über den ph-Wert ökologische Nischen in speziellen Bereichen des Darmtrakts. In denen schaffen sie so bessere Bedingungen, damit andere nützliche Stämme überleben. Die Wirkungsweise von Präbiotika und Probiotika ist also hochkomplex.

Sie sprachen die entzündlichen Darmerkrankungen an. Welche Krankheiten können denn aus einem Ungleichgewicht im Darm entstehen und welche Prozesse laufen in ihm ab?

Wir wissen heute, dass die Zusammensetzung und Funktion des Mikrobioms einen entscheidenden Einfluss auf die Gesundheit beziehungsweise auf Entstehung von Krankheiten sowie Übergewicht haben. Die Darmflora befindet sich aber nur im Gleichgewicht, wenn die gesundheitsförderlichen, probiotischen Bakterien in der Überzahl sind. Sie regulieren die Aufnahme von Nährstoffen aus Nahrung sowie die Synthese lebenswichtiger Vitamine, Hormone und Enzyme. Sie beeinflussen sogar die Psyche. Im schlimmsten Fall kann bei einem Patienten die Darmflora durchlässig werden. Dann kommt es zu den erwähnten Entzündungsreaktionen. Die stehen häufig in direktem Zusammenhang mit schweren Krankheiten wie zum Beispiel Allergien, Asthma, Morbus Crohn oder Arthritis.

 

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