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Männer, bleibt gesund!

Zwischen Kopf und Körper: Männliche Sexualität verstehen

Fotos: Mehran Djojan

Sexuelle Themen sind für viele Männer immer noch ein Tabu. Dabei sind Lustlosigkeit, Erektionsprobleme oder Fruchtbarkeitsfragen weit verbreitet. Psychotherapeut und Sexualtherapeut Umut Özdemir spricht darüber, wie Männer lernen können, offener mit diesen Herausforderungen umzugehen – und warum das oft der erste Schritt zur Besserung ist.

Wie können Männer, wenn das sexuelle Verlangen plötzlich schwindet, erkennen, was hinter der fehlenden Lust steckt oder ob ein tieferliegendes Problem besteht?

 Zunächst kann man prüfen, ob es äußere Umstände gibt, die zeitlich mit dem Nachlassen des Verlangens zusammenfallen – etwa beruflicher Stress, private Belastungen oder ein Trauerfall. Wenn solche Faktoren nicht vorliegen, kann es sinnvoll sein, nach tieferliegenden Ursachen zu suchen. Dabei lohnt sich der Blick darauf, ob man etwas an diesen inneren Themen verändern kann oder ob man parallel auch am sexuellen Verlangen selbst arbeitet. Oft beeinflusst beides einander positiv: Wenn man durch bewusste Auseinandersetzung oder kleine Veränderungen wieder mehr Entspannung und Wohlbefinden erfährt, entsteht auch wieder mehr Nähe zum Partner oder zur Partnerin. Das wiederum kann helfen, auch das eigentliche Problem leichter anzugehen.

Erektionsprobleme gelten immer noch als Tabuthema – wie häufig kommen sie tatsächlich vor und ab wann sollte man sich therapeutische oder medizinische Hilfe holen?

Erektionsprobleme – also wenn die Erektion nicht zustande kommt oder wieder verloren geht, obwohl man sie haben möchte – sind sehr häufig. Ein einmaliges Vorkommen ist völlig normal und zunächst kein Grund zur Sorge. Problematisch wird es dann, wenn solche Schwierigkeiten regelmäßig auftreten und der Betroffene darunter leidet, weil Sexualität nicht mehr so möglich ist, wie er sie sich wünscht. Wenn das über mindestens 6 Monate anhält, spricht man von einer Erektionsstörung.

Eine repräsentative Studie aus Deutschland aus dem Jahr 2020 zeigt, dass etwa 8 % der Männer innerhalb der letzten zwölf Monate von einer Erektionsstörung betroffen waren, und 11 % im Laufe ihres Lebens. Mit zunehmendem Alter steigt die Wahrscheinlichkeit, solche Probleme zu erleben – der Körper verändert sich einfach, und manche Funktionen laufen nicht mehr so wie früher. In manchen Fällen kann eine Erektionsstörung auch ein Hinweis auf eine andere körperliche Erkrankung sein, weshalb eine ärztliche Abklärung wichtig ist. Wenn körperlich alles unauffällig ist, kann es sehr hilfreich sein, auch psychologische Unterstützung in Anspruch zu nehmen.

Niemand sollte aus Scham über Jahre mit diesem Thema allein bleiben.

Wie stark beeinflusst der Testosteronspiegel tatsächlich das sexuelle Verlangen und die Potenz und welche Möglichkeiten gibt es ihn zu regulieren?

Eine Erektion ist in erster Linie ein mechanischer Vorgang, der mit der Durchblutung zusammenhängt – viel Blut fließt in die Schwellkörper, wenig fließt ab. Testosteron bildet dabei die Basis, ist aber nicht der direkte Auslöser. Es hat allerdings einen wesentlichen Einfluss auf sexuelles Verlangen und Lust. Ein Mangel kann sich also in einer verringerten Libido äußern. Deshalb lasse ich bei Patienten mit vermindertem sexuellem Verlangen grundsätzlich den Testosteronwert im Blut kontrollieren – ebenso bei Erektionsstörungen, einfach zur Sicherheit. Wenn das sexuelle Verlangen unverändert ist, aber trotzdem eine Erektionsstörung besteht, spricht das meist dafür, dass genügend Testosteron vorhanden ist. Häufig ist der Hormonspiegel ohnehin im Normbereich, und andere Faktoren – etwa psychische Belastungen oder Beziehungsprobleme – spielen eine größere Rolle. Es ist auch ein Mythos, dass sich durch den Verzicht auf Selbstbefriedigung „Testosteronspeicher“ wieder auffüllen ließen. Solche Speicher gibt es gar nicht. Testosteron wird kontinuierlich, in einem etwa 24-stündigen Rhythmus, produziert und ausgeschüttet. Am höchsten ist die Konzentration meist morgens – daher verspüren viele Männer zu dieser Zeit besonders viel Lust.

Fruchtbarkeit ist meist ein Thema, das eher Frauen zugeschrieben wird – mit welchen Herausforderungen sehen sich Männer in diesem Bereich konfrontiert und wie offen wird darüber gesprochen?

Auch Männer können von Fruchtbarkeitsproblemen betroffen sein – hier geht es um die Zeugungsfähigkeit. Die Ursachen können vielfältig sein: eine zu geringe Anzahl, eingeschränkte Beweglichkeit oder verminderte Qualität der Spermien. Einfluss haben genetische Faktoren, Ernährung, Fitness, aber auch Lebensstil und Konsumgewohnheiten. Wie offen darüber gesprochen wird, hängt stark vom Einzelnen ab. Mein Eindruck ist, dass das Thema nach wie vor mit Scham behaftet ist. Viele Männer empfinden es als unangenehm, darüber zu sprechen, weil sie es mit Unzulänglichkeit oder Versagen verbinden – als würde der Körper nicht so funktionieren, wie er sollte. Dabei könnten viele davon profitieren, wenn offener damit umgegangen würde. Durch Austausch entstehen Vergleichswerte und man merkt, dass man nicht allein ist. Außerdem können Betroffene Tipps und Anlaufstellen kennenlernen. Diese anfängliche Überwindung der Scham kann letztlich viele positive Effekte haben.

Wer spricht, schafft die Chance, gemeinsam Neues zu entdecken und erfülltere Intimität zu erleben.

Was sind aus Ihrer Sicht die häufigsten Missverständnisse rund um männliche Sexualität und wie kann man als Betroffener einen gesunden Umgang mit Problemen finden?

Es gibt eine ganze Reihe weit verbreiteter Mythen über männliche Sexualität. Einer davon ist, dass Sex immer aus spontaner Lust heraus entstehen müsse. In der Realität können wir Lust sehr wohl steuern und zu einem späteren Zeitpunkt ausleben. Ein anderer Irrglaube ist, dass Sex zwangsläufig mit Penetration gleichgesetzt wird. Dabei gehören selbstverständlich auch andere Formen wie Oralsex oder Selbstbefriedigung dazu.

Ein weiteres Missverständnis ist, dass Sex immer im Orgasmus enden müsse. Wird er als Pflicht verstanden, verliert Sexualität schnell ihre Leichtigkeit. Ebenso verbreitet ist die Vorstellung, der Mann sei für den Orgasmus des Partners oder der Partnerin verantwortlich. Dabei kann jeder Mensch aktiv dazu beitragen, den eigenen Höhepunkt zu erreichen – vorausgesetzt, man weiß, was einem gefällt.
Und schließlich glauben viele, dass man über Sex nicht sprechen müsse. Dahinter steckt oft die Angst, sich verletzlich zu zeigen, ausgelacht zu werden oder den anderen zu verletzen. Doch Schweigen führt dazu, dass man womöglich ein Leben lang mit „halbwegs okayem“ Sex auskommt. Wer sich traut, darüber zu sprechen, mag den Partner zunächst irritieren, hat aber die Chance, gemeinsam Neues auszuprobieren – und das kann die Sexualität über viele Jahre hinweg bereichern. Das erscheint mir eine sehr erstrebenswerte Perspektive.

Dipl.-Psychologe Umut Özdemir

Psychotherapeut und Sexualtherapeut

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