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Frauengesundheit

„Ich will zeigen: Man kann trotz einer Brustkrebserkrankung ein lebenswertes Leben haben.“

Fotos: annette _mueck_Fotografie

Nadja Seipel ist 49 Jahre alt, Mutter einer 15-jährigen Tochter, Ehefrau, Hundemama und Camperin. Seit mehr als fünf Jahren lebt sie mit metastasiertem Brustkrebs. Ihr Leben zu genießen und dankbar dafür zu sein, als metastasierte Patientin jeden Tag aufs Neue aufstehen zu dürfen: Das gibt ihr Kraft und Zuversicht, immer weiter zu machen. Im Interview erzählt sie, wie die Erkrankung sie verändert hat, wie sie immer wieder neuen Mut schöpft und warum sie ihren Weg mit anderen Betroffenen teilt.

Nadja Seipel

Krebspatientin mit Lebensfreude

Weitere Einblicke auf Instagram!

Awareness Deutschland: Du wirkst wahnsinnig lebensfroh und mitreißend. Warst du schon immer so?

Nadja: Ich hatte schon immer viel Energie. Diese bewusste positive Einstellung zum Leben hat sich aber schon verstärkt; erstmals durch die Diagnose und durch die Metastasen noch viel mehr.

Ich will jeden Moment genießen.

AD: Was ist heute wichtiger als früher?

Nadja: Früher war ich mehr auf materielle Dinge aus: schön shoppen, schönes Auto, Haus – diese ganzen Dinge. Mit der Erkrankung hat sich das total gewandelt. Ich bin demütiger. Dankbarer, dass ich überhaupt noch hier sein darf. Ich genieße einfach jede Minute mit meiner Familie und meinen Freunden.

AD: Du bist als @gewinnerbraut ein aktiver Teil der Brustkrebs-Community. Wie wichtig ist dieser Austausch für dich?

Nadja: Das gibt mir sehr viel. Als ich 2015 das erste Mal erkrankt bin, hatte ich schon einen Blog – aus Bequemlichkeit, damit Familie und Freunde up to date sind. Mit der Zweiterkrankung habe ich Instagram entdeckt. Das Schreiben tut mir gut. Wenn ich was rauslasse, geht es mir danach besser. Und wenn dann Rückmeldungen kommen – von Patientinnen, aber auch von Gesunden – gibt mir das neue Kraft.

AD: Welche Inhalte zeigst du auf Social Media?

Nadja: Ich will zeigen: Man kann trotz dieser Erkrankung ein lebenswertes Leben haben. Spaß haben. Gute Dinge mitnehmen. Aber ich zeige auch die negativen Seiten. Authentisch. Auch mal: „Heute geht’s mir nicht gut. Ich habe Angst.“ Man darf nicht so tun, als wäre alles heile Welt.

Krebs ist eine schlimme Diagnose, das will ich nicht verharmlosen. Diese Ehrlichkeit wird sehr respektiert.

AD: Du hörst sicher oft, wie stark zu bist. Was bedeutet Stärke für dich?

Nadja: Ja, viele Menschen spiegeln mir das. Aber ganz ehrlich: Es bleibt mir nichtsanderes übrig. Um weiterzuleben, musst du da durch. Therapien. Untersuchungen. OPs. Nebenwirkungen. Ob es dir passt oder nicht. Und das ist auch ein psychischer Kraftakt: Befund schlecht, nächste Therapie, hoffentlich wirkt sie. Dieses Auf und Ab. Stärke heißt für mich: aus den Tiefs wieder hochkommen. Weitermachen. Dranbleiben. Nicht aufgeben. Und auch zu merken: Jetzt brauche ich eine Pause.

AD: Da sprichst du etwas Wichtiges an – die psychische Gesundheit. Wie schaffst du es, stabil und positiv zu bleiben?

Nadja: Auch ich stehe nicht immer mit guter Laune auf. Aber ich habe einen sehr bewussten Umgang mit Selfcare entwickelt und verarbeite über das Schreiben, den Austausch in der Community. Auch über den Input, den ich dort bekomme. Ich habe einen guten Blick für Mutmachgeschichten, also zum Beispiel eine Patientin, die seit 12 Jahren mit metastasiertem Krebs lebt – das gibt mir Hoffnung und es spornt mich an, das will ich auch schaffen.

AD: Was gibt dir konkret Kraft?

Nadja: Meine Familie. Ganz klar. Und meine Selbsthilfegruppe speziell für metastasierte Patientinnen. Wir treffen uns einmal im Monat in Heidelberg in einem schönen Restaurant. Wir haben alle „das Gleiche an der Backe“: ähnliche Ängste, Sorgen, Nebenwirkungen. Da musst du nichts erklären. Wir lachen zusammen, wir weinen auch mal. Es ist ein Miteinander.

AD: Die Gruppe für metastasierte Patientinnen hast du 2025 ins Leben gerufen. Warum war dir diese eigene Gruppe so wichtig?

Nadja: Ich habe in Rehas gemerkt: Es ist ein Unterschied zwischen Ersterkrankung und Metastasierung. In Gruppentherapien saß ich mit Erstbetroffenen und wenn ich erzählt habe, habe ich in Gesichter geschaut und da waren Angst, Betroffenheit, Mitleid. Das wollte ich nicht. Nicht für die anderen und nicht für mich. Die einen starten in ein „Leben 2.0“. Ich kann den Krebs nicht mehr besiegen, der bleibt Teil meines Lebens. Ein dezidiertes Angebot und ein Bewusstsein für diese besonderer Situation fehlt bisher, also hab ich es selbst in die Hand genommen.

AD: Du lebst jetzt bereits fünf Jahre mit dem metastasierten Krebs. Wie geht es dir momentan?

Nadja: Es geht mir gerade relativ gut. Vor einigen Wochen hatte ich diesen Termin in der Klinik in Heidelberg, der mir viel Hoffnung gegeben hat: Bei einer Befundbesprechung kam der Oberarzt dazu und hat mir drei mögliche Therapien vorgestellt. Und dann hat er gesagt: „Unser Ziel ist es, Sie von palliativ auf chronisch zu bringen.“ Da kamen mir sofort die Tränen. Das war wie: „Sie dürfen alt werden.“ Dieser eine Satz hat so viel in mir ausgelöst. Ich schöpfe daraus bis heute Kraft. Auch wenn man nie weiß, wie es kommt: Diese Perspektive macht Hoffnung. Und ich tue alles dafür, da hinzukommen.

AD: Was ist deine Botschaft an andere – Gesunde und Erkrankte?

Nadja: Für alle Menschen gilt: Verschiebt nichts auf später, was euch Freude macht. Verliert euch nicht aus den Augen. Und den Gesunden sage ich: Geht zur Vorsorge, tastet euch ab. Je früher, desto besser die Chancen. Angst ist normal, aber Wegschauen hilft nicht. Und den Erkrankten: Holt euch Rat. Sucht euch Gruppen, in denen ihr euch wohlfühlt. Und geht – so gut es geht – mit offenem, dankbarem Blick durchs Leben.

Wir dürfen noch da sein. Und die Forschung wird besser. Zum Glück.

die.pink.Charity ist eine Initiative der gemeinnützigen Organisation Awareness
Deutschland.

Sie setzt sich dafür ein, dass Brustkrebs früh erkannt wird – und dass
Menschen in der Erkrankungsphase nicht allein durch diese Zeit gehen müssen. Ziel ist
es, Aufmerksamkeit zu schaffen, Wissen zu teilen und Mut zu machen.

Illustration: Lea Hartmann

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