Millionen Menschen in Deutschland kennen das Gefühl: ein pochender Kopfschmerz, der komplett lahmlegen kann – oft begleitet von Übelkeit, Licht- und Lärmempfindlichkeit. Trotzdem wird Migräne noch immer häufig unterschätzt oder falsch behandelt. Dr. med. Sebastian Strauß erklärt, warum Migräne eine ernstzunehmende neurologische Erkrankung ist – und warum die richtige Therapie einen entscheidenden Unterschied machen kann.

Dr. med. Sebastian Strauß
Facharzt für Neurologie an der Universitätsmedizin
Greifswald und den LUP-Kliniken, DMKG-Kopfschmerzexperte
Viele Menschen denken bei Migräne zunächst an einen besonders starken Kopfschmerz und greifen zu gängigen Schmerzmitteln. Warum ist das oft der falsche Ansatz – und was unterscheidet Migräne grundlegend vom klassischen Spannungskopfschmerz?
Bei der Migräne liegt eine andere Ursache als bei Spannungskopfschmerzen vor. Migränepatienten haben eine gewisse Veranlagung für eine Reizverarbeitungsstörung: Reize werden vom Gehirn intensiver wahrgenommen, was zusammen mit inneren und äußeren Umständen zu einer maximalen Überreizung führt. Das zeigt sich dann an der klinischen Symptomatik wie z. B. Licht- und Lärmempfindlichkeit, Übelkeit und dem Drang, sich komplett zurückziehen zu müssen. Über diese Kaskade kommt es dann auch zu einer Überreizung der Hirnhäute, was den starken Kopfschmerz auslöst. Bei der Migräne findet also durch eine Überreizung eine Art Kettenreaktion statt, die dann nacheinander die verschiedenen Symptome auslöst.
Wenn man dem therapeutisch begegnen will, müssen wir diese Kettenreaktion so früh wie möglich stoppen. Daher ist Zeit ein großer Faktor, da es extrem schnell geht, bis der maximale Überreizungszustand erreicht ist. Daher reichen gängige Schmerzmittel in ihrer Anwendungsform als Tablette häufig nicht aus, da wir etwas brauchen, was zum einen schnell wirkt und zum anderen gezielt und spezifisch den Überreizungsmechanismus im Hirn adressiert.
Welche Behandlungsoptionen stehen Migräne-Betroffenen heute zur Verfügung?
Zunächst muss man sich mit den nicht-medikamentösen Prophylaxe-Möglichkeiten befassen: Man sollte regelmäßig Sport treiben, Entspannungstechniken in den Alltag integrieren, eine gesunde Schlafhygiene betreiben und sich gesund und ausgewogen ernähren. Das kann dazu beitragen, die Reizverarbeitung zu normalisieren.
Medikamentös gibt es zur Prophylaxe zum einen unspezifische Medikamente, die für einen anderen Zweck entwickelt wurden, aber auch zur Migränetherapie zugelassen sind. Dazu gehören etwa Beta-Blocker oder bestimmte Antidepressiva oder Epilepsiemedikamente. Zudem gibt es inzwischen auch spezifische Medikamente zur Migräne-Prophylaxe, wie z. B. CGRP-Antikörper. Aber auch Botox kann zum Einsatz kommen.
In der Akuttherapie ist es ähnlich: Auch hier gibt es unspezifische Medikamente wie Ibuprofen oder Aspirin, die durchaus eingesetzt werden, aber nicht allen Betroffenen helfen. Wenn wir Migräne-Attacken behandeln wollen, die schnell an Fahrt aufnehmen oder unzureichend auf diese Wirkstoffe reagieren, kommen Triptane zum Einsatz, die spezifisch am Angriffspunkt der Schmerzverarbeitung im Kopf-Hals-Bereich wirken. Hier stehen uns verschiedene Darreichungsformen zur Verfügung, die eine unterschiedliche Dauer der Wirksamkeit haben und sich auch im Wirkungseintritt unterscheiden. Erzielt man auch mit den Triptanen keine zufriedenstellende Wirkung, kommt im nächsten Schritt eine Kombinationstherapie in Betracht, bei der verschiedene Wirkstoffe gleichzeitig eingesetzt werden.
In der aktuellen Leitlinie zur Migränetherapie geht es auch um die Attacken-individuelle Akuttherapie. Was bedeutet das konkret, welche Vorteile hat sie für Betroffene und haben wir hier ggf. noch Nachholbedarf?
Die Migräne ist so komplex, dass sich die Behandlung nicht auf ein einziges Medikament reduzieren lässt. Auch bei den hochwirksamen Triptanen geht man davon aus, dass es wirksam ist, wenn es in drei von vier Attackenfällen wirkt. Aber was machen wir mit den 25% der Fälle, wo keine Wirkung eintritt? Mit einem starren Behandlungskonzept kommen wir also nicht weiter und müssen zusätzliche Möglichkeiten haben, die wir mit den Patienten besprechen und testen können. Hier spielen die Situationen, in denen die Migräne auftritt, und die verschiedenen Attackenformen eine große Rolle. Wenn man das als Behandler und Patient versteht, kann man in unterschiedlichen Situationen auch verschiedene Medikamente ausprobieren, um dann festzustellen, was hilft oder eben nicht. Der Patient lernt so, seine Attackentypen und -ausprägungen zu unterscheiden und spielt eine große Rolle bei der Wahl des passenden Medikaments. Denn wir Behandler sind nun mal meist nicht dabei, wenn die Migräne anrollt. Wir Behandler müssen dazu stets im engen Austausch mit unseren Patienten bleiben, um die jeweils passende Attacken-individuelle Akuttherapie zu finden.
Nicht jeder Migräneanfall ist gleich – und nicht jeder Patient kann z. B. eine Tablette schlucken. Welche alternativen Darreichungsformen gibt es, und für wen sind sie geeignet?
Das stimmt. Gerade die Übelkeit kann hier zum Problem werden, weil man aufgrund des Brechreizes nichts schlucken kann. Hier gibt es z. B. Schmelztabletten, die sich im Mund langsam auflösen, wobei wir auch hier sicher gehen müssen, dass das Medikament im Magen-Darm-Trakt ankommt. Denn was bei einer Attacke auch auftreten kann, ist eine sogenannte Gastroparese: Der Magen arbeitet quasi in Zeitlupe, das orale Medikament kommt nicht oder verspätet im Darm an, wo es erst seine Wirkung entfalten kann, und dann ist die Attacke bereits in vollem Gange. Medikamentenformen, die das umgehen, sind z. B. Nasensprays oder subkutane Applikationsformen der Triptane. Diese zeigen dann auch eine deutlich schnellere Wirksamkeit, weil sie nicht erst den Magen passieren müssen.
Seit einiger Zeit gibt es auch einen Migräne-Pen, der zunehmend bekannter wird – wie funktioniert er und in welchen Fällen ist er eine sinnvolle Alternative für Migränebetroffene?
Der Pen gehört zu den subkutanen Triptanen. Er hat aber den entscheidenden Vorteil, dass Betroffene ihn selbst handhaben können. Die Anwendung ist sehr einfach, auch wenn es den einen oder anderen erst einmal Überwindung kostet, sich selbst eine Spritze zu setzen. Hat man es einmal gemacht, ist aber schnell die Übung da. Wenn eine Attacke sehr schnell und plötzlich startet oder man morgens bereits mit einer laufenden Attacke aufwacht, hat ein Pen die schnellste Wirksamkeit und kann Beschwerden rasch lindern. Auch beim sogenannten Status migraenosus, also einer Migräneattacke, die länger als 72 Stunden anhält, ist der Pen eine wirksame Option, um die Attacke zu brechen. Viele Betroffene, die den Pen kennen und bereits genutzt haben, sind sehr froh, ihn als zuverlässige Option in der Hinterhand zu haben und im Ernstfall schnell reagieren zu können.




