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Neurologie

„ICH DACHTE, ICH WÄRE FAUL – DABEI WAR ES ADHS“

Foto: Tim Liss

Fünfzehn Jahre lang suchte Lisa Vogel nach Antworten – und fand sie erst mit 27, als endlich ADHS diagnostiziert wurde. Was folgte, war zunächst aber kein Befreiungsschlag, sondern der Beginn einer ganz eigenen Reise: mit sich selbst, mit ihrem Gehirn und mit einer Community, die sie auf Instagram unter the.unnormal.brain aufgebaut hat. Heute klärt sie dort über ADHS auf, schreibt gerade an ihrem zweiten Buch und plant einen Podcast. Im Interview erzählt sie, warum die Diagnose allein oft noch nichts verändert – und was wirklich hilft.

Welche Anzeichen für ADHS hast du bei dir selbst schon vor deiner Diagnose festgestellt?

Ich war schon immer ein chaotischer Mensch – im Kopf wie auch in meiner Umgebung. Das habe ich aber nie auf ADHS zurückgeführt, weil ich die typischen Vorurteile hatte: „Das haben doch nur kleine Jungs“, „Ich kann das nicht haben, ich habe doch Abitur“ etc. Deswegen dachte ich bei den meisten Symptomen, sie seien einfach Teil meiner Persönlichkeit und ich sei einfach faul und öfter vergesslich, oder habe es auf andere psychische Erkrankungen geschoben.

Da mein Hirn sich durch Neues, Aufregendes oder Dringendes motivieren lässt, ist es auch wichtig, immer mal zu rotieren – immer gleiche Routinen funktionieren für mich gar nicht.

Foto links: Privat

Wie und wann kam die Diagnose zustande?

Ich wurde 2019 mit 27 Jahren diagnostiziert, nachdem ich 15 Jahre lang wegen Depressionen und einer Angststörung behandelt wurde. Eine sehr aufmerksame Therapeutin hat mal den Verdacht ADHS in den Raum gestellt, das war schon 2017 – den habe ich aber nicht weiterverfolgt, weil ich quasi nichts über ADHS wusste. Erst zwei Jahre später hatte ich das Gefühl, dass ich mit meinen anderen Diagnosen nicht weiterkomme und ich mich jetzt um diesen Verdacht kümmern muss.

Wie hat die Diagnose dich beeinflusst?

Ehrlich gesagt – die Diagnose an sich war nicht, wie man es häufig hört, eine Erleichterung oder ein Befreiungsschlag. In meinem Fall habe ich die Diagnose zusammen mit einem Flyer erhalten, auf dem stand: „Mit ADHS leben lernen“, und als erster Punkt war darin aufgeführt, dass man gesunde Routinen etablieren sollte. Das war eine Sache, die ich sowieso schon mein ganzes Leben erfolglos versuchte, und deshalb war ich zuerst ein wenig enttäuscht: Jetzt hatte ich diese Diagnose, und die Lösung dafür sollte etwas sein, was ich nicht konnte. Was für mich dann wirklich etwas verändert hat, war, als ich anfing, mich mit anderen ADHSlern im Internet auszutauschen. So begann ich nicht nur zu verstehen, wie mein Gehirn funktioniert, sondern entdeckte auch nützliche Dinge, die mir im Alltag helfen.

Am allermeisten hat mir das aber das Gefühl von Normalität gegeben, nach dem ich so lange gestrebt hatte. Und eben auch die Sicherheit, nicht alles an mir ändern zu müssen, um ein gutes Leben zu führen.

Was für mich wirklich etwas verändert hat, war, als ich anfing, mich mit anderen ADHSlern im Internet auszutauschen. So begann ich nicht nur zu verstehen, wie mein Gehirn funktioniert, sondern entdeckte auch nützliche Dinge, die mir im Alltag helfen.

Foto rechts: Tim Liss

Gibt es Strategien, Routinen oder Hilfsmittel, die dir helfen, besser mit ADHS umzugehen?

Wahrscheinlich hunderte! Da mein Hirn sich durch Neues, Aufregendes oder Dringendes motivieren lässt, ist es auch wichtig, immer mal zu rotieren – immer gleiche Routinen funktionieren für mich gar nicht.

Eine Zeit lang habe ich jeden Samstag meine Wohnung in einem Online-Livestream mit Zuschauenden aufgeräumt, um eine Aufräum-Routine durchzuziehen. Als das nicht mehr funktionierte, habe ich angefangen, mir kleine Aufräum-Challenges mit Deadline zu setzen. Und wenn gar nichts geht, dann verkleide ich mich sogar beim Aufräumen als Putzkraft und schimpfe darüber, wie unordentlich es bei meinem Kunden mal wieder ist. Was bei mir nie fehlen darf, sind visuelle Timer für alle möglichen Aufgaben, damit ich mich nicht verzettle. Aber wie gesagt, es gibt so viele Tipps und Strategien, dass ich sogar gerade an meinem zweiten Buch darüber schreibe.

Wie hat dein Umfeld auf die ADHS-Diagnose reagiert?

Durchweg positiv. Es war auch für die meisten letztendlich nicht besonders überraschend.

Welche positiven Seiten oder Stärken hat ADHS bei dir?

Ich bin eine extrem kreative Problemlöserin – vor allem für andere. Außerdem habe ich als Selbstständige gemerkt, dass ich gut darin bin, vieles selbst zu machen – ich eigne mir Dinge, die mich interessieren, gern und schnell an, kann aber auch direkt spüren, wenn mich etwas nicht interessiert. Was ich bei vielen ADHSlern wahrnehme, ist, dass sie wahnsinnig emphatisch sind und ein großes Gerechtigkeitsbedürfnis haben. Das hat wahrscheinlich weniger mit ADHS an sich zu tun, sondern damit, dass man in seinem Leben selber ständig das Gefühl hatte, ungerecht behandelt worden zu sein und nie wirklich irgendwo reinzupassen. So ging es mir zumindest oft, und deswegen bin ich hilfsbereit und positioniere mich auf der Seite der Schwächeren.

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