Kathrin ist dreifache Mutter, Sozialpädagogin und Content-Creatorin und bekam erst mit 40 Jahren die Diagnose ADHS – ein Thema, das Aufklärung und Aufmerksamkeit braucht. Deswegen teilt Kathrin offen ihre persönlichen Erfahrungen, um Bewusstsein zu schaffen und Stigmata abzubauen.
Liebe Kathrin, deine ADHS-Diagnose hast du erst recht spät erhalten. Kannst du uns mehr dazu erzählen?
Ich habe schon in meiner Jugend bemerkt, dass ich anders bin und anders fühle. Oft habe ich mich nicht zugehörig gefühlt, obwohl ich mittendrin war. Ich musste mich stets mehr anstrengen und mehr kämpfen ans andere Gleichaltrige. Ich konnte das aber nie so recht einordnen.
Dann wurde ich später selbst Sozialpädagogin und begegnete in meiner Ausbildung genau diesen Besonderheiten in Zusammenhang mit ADHS. Da erkannte ich mich bereits in einigen Punkten wieder. Dann wurde ich Mama und begann auch, Verhaltensweisen meiner Kinder mit typischen ADHS-Mustern abzugleichen. Aber so richtig bin ich diesem Bauchgefühl nicht nachgegangen.
Als ich zum dritten Mal Mama wurde, war ich 33, und plötzlich veränderte sich etwas. Klar, der Stress wird mit dem dritten Kind automatisch größer, ich arbeitete Vollzeit und zu allem Überfluss kam noch Corona dazu. Aber es begannen zusätzlich hormonelle Umstellungsprozesse in meinem Körper, und plötzlich ging gar nichts mehr. Ich konnte nicht mal mehr an den Briefkasten gehen, weil ich solche Angst hatte, dass ich Briefe heraushole, die mit irgendwelchen Aufgaben für mich verbunden sein könnten. Auf einmal funktionierten die ganzen Strategien und Routinen nicht mehr, die ich mir antrainiert hatte.
Also klapperte ich erst einmal verschiedene Ärzte ab, um herauszufinden, ob körperlich etwas nicht stimmt. Zum Glück fand man nichts, aber mein Fragezeichen blieb. Zu dieser Zeit begannen immer mehr erwachsene ADHS-Betroffene, auch über Social Media über ihre Probleme zu sprechen, und ich dachte immer öfter: Das bin doch ich, ich fühle mich ganz genauso!
Also ging ich dem endlich nach: Ich fand nach einigem Suchen eine Ärztin, die sich auch auf ADHS-Diagnostik spezialisiert hatte, und bekam dort recht schnell meine Diagnose.

Ich glaube, dass viele Mädchen und Frauen gelernt haben, ihre ADHS-Symptome zu maskieren und weiter zu funktionieren.
Besonders erwachsene Frauen werden häufig erst sehr spät diagnostiziert. Woran liegt das und welche Gefahren kann eine verspätete Diagnose mit sich bringen?
Das stimmt. Die Ärztin, bei der ich meine Diagnose bekam, hatte sich auf die ADHS-Diagnostik bei Frauen spezialisiert, weil sie dieses Problem erkannt hat.
Häufig zeigt sich ADHS bei Mädchen und Frauen anders als bei Jungen bzw. Männern. Besonders die Hyperaktivität zeigt sich bei Mädchen und Frauen oft eher innerlich, anstatt äußerlich. Das war auch bei mir so: Ich wachte eigentlich schon unter Stress auf und hatte den ganzen Tag über Druck auf der Brust, weil ich das Gefühl hatte, immer etwas tun zu müssen. Nach außen habe ich mir das aber nicht anmerken lassen. Ich glaube, dass viele Mädchen und Frauen gelernt haben, ihre ADHS-Symptome zu maskieren und weiter zu funktionieren. Das kostet aber so viel Energie, dass man abends in sich zusammensackt und zu nichts mehr imstande ist. Der Moment am Briefkasten, von dem ich vorher erzählte, war mein ADHS-Burnout: Es ging einfach nichts mehr.
Was sind für dich im Alltag die größten Herausforderungen aufgrund von ADHS und was hilft dir, damit umzugehen?
Vor der Diagnose habe ich mir immer sehr viel vorgenommen und bin dann in Selbstvorwürfe verfallen, wenn es eben nicht so geklappt hat, wie ich es mir vorgestellt habe. Ich habe ständig mit Scham- und Schuldgefühlen gelebt und dachte, ich müsse mich einfach noch mehr anstrengen. Manchmal dachte ich auch, dass ich schlicht zu doof für manche Dinge sei.
Das hat sich seit meiner Diagnose total verändert. Ich lebe nun mit viel mehr Akzeptanz und Verständnis für mich selbst. Ich habe viel zum Thema recherchiert, habe mich tief eingelesen: Das war mein neuer Hyperfokus. Duch dieses Wissen konnte ich im Alltag neue Strukturen und Strategien entwickeln, die mir halfen, bestimmte Dinger leichter umzusetzen.
Ich habe zum Beispiel keine Tages-To-Do-Listen mehr, weil mich das einfach zu sehr unter Druck setzt. Ich arbeite lieber mich Wochenlisten, das funktioniert für mich wesentlich besser. Außerdem verknüpfe ich zu erledigende Dinge mit bereits fest etablierten Routinen. Wenn ich z. B. weiß, dass ich immer dienstags einkaufen gehe, verbinde ich das mit einer Aufgabe, die mir sonst schwerfallen würde. Und manchmal nehme ich mir auch einfach bewusst Pausen und akzeptiere, wenn etwas gerade nicht geht.
Gab es einen Moment, in dem du dich entschlossen hast, offen über deine Diagnose zu sprechen? Was ist dein Antrieb?
Ich war schon immer ein offener Mensch. Aber nach der Diagnose merkte ich, dass es vielen Frauen wie mir geht, und das mit dem Thema so viel Scham verbunden ist. Es gibt so viel Angst vor Verurteilung. Diese Scham muss aber unbedingt weichen, denn ADHS ist nichts, wofür man sich schämen muss. Im Gegenteil, mittlerweile sehe ich viele Anteile meines ADHS, die ich positiv sehe: Ich bin sehr kreativ und lebensfroh, und diese positiven Teile bereichern mein Leben!
Was würdest du Menschen raten, die gerade ihre Diagnose erhalten haben oder vermuten, betroffen zu sein?
Man sollte sich erst einmal Zeit nehmen, die Diagnose zu verarbeiten. Denn bei mir war es so, dass mit der Diagnose auch eine gewisse Trauer einherging, und das habe ich auch von vielen anderen so gehört: Man fragt sich, was gewesen wäre, wenn die Diagnose schon viel früher gestellt worden wäre, ob das Leben anders verlaufen wäre und ob man dann nicht so hart hätte kämpfen müssen. Das braucht Zeit, das anzunehmen, zu verarbeiten und zu verkraften.
Dann erst kann man sich damit auseinandersetzen, wie sich ADHS bei einem ganz persönlich äußert, welche Facetten es zeigt und wie man damit umgehen kann. Denn ADHS zeigt sich bei jedem anders und hat ein sehr breites Spektrum. Man sollte sich hier auch nicht mit anderen vergleichen, denn man muss selbst herausfinden, welche Strategien einem im Alltag tatsächlich helfen. Dieses Wissen um die eigene Erkrankung macht stark! Umso mehr kann man dann auch die positiven Facetten von ADHS schätzen lernen.
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Weitere Informationen Zu Kathrins Weg mit ADHS gibt’s auf Instagram:




