Prof. Jessica Rademacher, Prof. Kathrin Kahnert und Dr. Christiane Mölgen (von links nach rechts auf dem Foto) sind Pneumologinnen und Gründerinnen der PneumoPearls. Unter @pneumopearls vermitteln sie auf Social Media evidenzbasiertes und verständlich aufbereitetes Wissen zu Asthma und anderen Lungenerkrankungen.
Vier von fünf Menschen schätzen ihr Asthma als gut kontrolliert ein, obwohl sie noch Beschwerden haben. Drei Pneumologinnen erklären, warum möglichst wenig Beschwerden kein Extra ist und sich ein zweiter Blick auf den eigenen Alltag mit Asthma lohnt.
Die meisten Menschen mit Asthma führen heute dank moderner Therapien ein aktives Leben. Sie müssen sich im Alltag kaum Gedanken um ihre Erkrankung machen. Aber bedeutet das automatisch, dass ihr Asthma im Alltag wirklich keine Rolle mehr spielt? Offenbar nicht: Studien zeigen, dass vier von fünf Menschen ihr Asthma als gut kontrolliert einschätzen, obwohl sie noch Beschwerden haben.1
Sie merken erst auf den zweiten Blick, dass sie ihr Verhalten längst an ihr Asthma angepasst haben und diese Anpassungen nicht mehr hinterfragen. Gerade saisonale Verschlechterungen durch Pollen im Frühjahr und Sommer oder Hausstaub im Winter werden oft als „normal“ akzeptiert und nicht angegangen.
Jetzt könnten Sie sich fragen: „Wenn es mich nicht weiter stört, warum sollte ich mich damit beschäftigen?“ Die entscheidende Frage ist aber nicht, ob die Beschwerden noch stören. Entscheidend ist: Möglichst wenige Beschwerden und eine gute Asthmakontrolle sind wichtige Therapieziele – auch, um die Atemwege langfristig möglichst gesund zu halten.2
GERADE SAISONALE VERSCHLECHTERUNGEN DURCH POLLEN IM FRÜHJAHR UND SOMMER ODER HAUSSTAUB IM WINTER WERDEN OFT ALS „NORMAL“ AKZEPTIERT – SO SOLLTE ES ABER NICHT SEIN.
Woran Sie erkennen, ob Asthma Ihren Alltag doch noch mehr mitbestimmt, als Sie denken, warum Beschwerdefreiheit wichtig ist und was Sie selbst tun können, erklären die Pneumologinnen von Pneumo-Pearls: Dr. Christiane Mölgen, Prof. Dr. Jessica Rademacher und Prof. Dr. Kathrin Kahnert.
Wie kann ich erkennen, ob mein Asthma im Alltag doch noch eine Rolle spielt?
Prof. Dr. Jessica Rademacher: Ein guter erster Schritt ist eine einfache Frage: Beeinträchtigt mein Asthma meinen Alltag vielleicht mehr, als mir bewusst ist? Viele Betroffene würden diese Frage zunächst verneinen. Wenn man jedoch genauer nachhakt, fallen oft doch Situationen auf, in denen sie ihren Alltag bereits an ihre eingeschränkte Atmung angepasst haben und das längst als selbstverständlich akzeptieren.
Sie gehen bei Treppen oder Steigungen automatisch langsamer, verzichten auf bestimmte sportliche Aktivitäten oder überlegen vor einer Wanderung, ob die Luft reichen wird. Auch nächtlicher Husten, langandauernde Beschwerden bei Erkältungen oder die wiederholte Nutzung des Bedarfssprays werden oft als „normal“ akzeptiert. Genau solche kleinen Anpassungen oder vermeintlichen Selbstverständlichkeiten können Hinweise darauf sein, dass das Asthma den Alltag noch stärker beeinflusst, als man zunächst denkt.
Warum ist es wichtig, dass ich mich damit nicht zufriedengebe?
Dr. Christiane Mölgen: Hinter Asthma steckt mehr als die beschriebenen Beschwerden. Asthma ist eine chronische Entzündung der Atemwege. In bestimmten Situationen können sich die Atemwege zusätzlich verengen, etwa bei Belastung, Infekten oder Allergien.
Bleiben trotz Therapie Beschwerden bestehen, ist das oft ein Hinweis darauf, dass diese Entzündung nicht vollständig gehemmt oder auch „kontrolliert“ ist.
Bleibt das über längere Zeit so, können die dauerhafte Entzündung und wiederholte Verengungen die Atemwege nach und nach verändern. Dadurch können sich das Asthma und auch die Lungenfunktion langfristig verschlechtern.
In den meisten Fällen muss das heute aber nicht mehr sein: Das Ziel der modernen Asthmatherapie ist es, die Entzündung möglichst gut zu kontrollieren und die Erkrankung zur Ruhe zu bringen, sodass man das Asthma im Alltag möglichst wenig spürt.2 Gelingt es, kann das auch dazu beitragen, langfristige Veränderungen der Atemwege zu vermeiden.
Die gute Nachricht: Für viele Menschen mit Asthma, die sich hier wiedererkennen, lässt sich mit der richtigen Behandlung eine gute Asthmakontrolle erreichen, bis hin zu weitgehender Beschwerdefreiheit im Alltag. Das gilt auch bei allergischem oder saisonalem Asthma.
Deshalb lohnt es sich, früh darauf zu achten, ob noch Beschwerden bestehen.
DAS ZIEL SOLLTE NICHT SEIN, MIT ASTHMA ZURECHTZUKOMMEN. DAS ZIEL SOLLTE SEIN, MÖGLICHST NICHTS MEHR VON SEINEM ASTHMA ZU MERKEN.
Wenn ich mich hier wiedererkenne: Was kann ich jetzt tun, um mehr Beschwerdefreiheit zu erreichen?
Prof. Dr. Kathrin Kahnert: Betroffene können selbst eine wichtige Rolle in der Therapie spielen. Der wichtigste Schritt ist, den eigenen Alltag bewusst zu hinterfragen: Muss ich wegen meines Asthmas auf etwas verzichten oder mein Verhalten anpassen? Bin ich wegen meines Asthmas im Alltag nicht so leistungsfähig, wie ich es gerne wäre? Solche Beobachtungen sollten im Arztgespräch angesprochen werden.
Gemeinsam können Sie das Behandlungsziel festlegen und prüfen, ob die Therapie weiter optimiert werden kann.

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Referenzen:
1 Price D. et al. NPJ Prim Care Respir Med. 2014 Jun 12;24:14009.
2 Nationale VersorgungsLeitlinie Asthma, 2024. https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/nvl-002