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Anaphylaxie: Schnelles Eingreifen kann Leben retten

Foto: Oksana Kuzmina via Shutterstock.com

Rund 30 Millionen Menschen in Deutschland gelten als Allergiker – das ist im Schnitt rund jeder Dritte. Aktuelle Studien gehen davon aus, dass ca. 0,45 Prozent der Gesamtbevölkerung von anaphylaktischen Reaktionen betroffen sind, von denen etwa zehn Prozent in Schule und Kindergarten stattfinden.1 Wie kann geholfen werden und wann dürfen Außenstehende aus rechtlicher Sicht helfen?

Markus Ambrosius

Sträter Rechtsanwälte PartmbB, Bonn

Ein Schultag wie jeder andere: In der Pause wird getobt und gespielt und manchmal auch das mitgebrachte Essen von zu Hause geteilt. Für viele Kinder ganz normal, für andere kann Essenteilen lebensbedrohlich sein. Mitunter reichen Spuren eines Allergens, um schwere allergische Reaktionen auszulösen, bis hin zum anaphylaktischen Schock. Sieht man dem Pausenbrot an, ob ein Sesamkorn darin ist? Und was, außer Kakao und Zucker, ist eigentlich in der Schokocreme? 

Kinder, bei denen bereits eine Allergie mit einer Neigung zu Anaphylaxie diagnostiziert wurde, haben oft ein Notfallset mit einem Adrenalin-Autoinjektor (AAI) bei sich. Damit kann die Behandlung einer anaphylaktischen Reaktion in der Regel gut und zeitnah bereits vor dem Eintreffen medizinischer Hilfe eingeleitet werden. Betroffene benötigen hier aber meist Hilfe von Außenstehenden, denn selbst wenn man die Adrenalingabe mit dem AAI geübt hat, ist ein Notfall ungewohnt und auch beängstigend. Dem Bedürfnis nach Unterstützung steht jedoch vielfach die Furcht von Lehrern, Erziehern oder Passanten gegenüber, rechtlich für die Medikamentengabe belangt zu werden.

Die rechtliche Lage

Angst vor juristischen Konsequenzen ist meist unbegründet. Es gibt eine Reihe gesetzlicher Regelungen, die Ersthelfer rechtlich absichern, sodass sehr wohl die Möglichkeit besteht, Notfallmedikamente zu verabreichen. Im Falle eines Schadens träte die gesetzliche Unfallversicherung ein. „Darüber hinaus können Lehrerinnen und Lehrer sowie Betreuerinnen und Betreuer sogar verpflichtet sein, Erste Hilfe zu leisten“, so Rechtsanwalt Markus Ambrosius, Partner bei Sträter Rechtsanwälte. 

Das gilt auch für den Einsatz von AAI. Der Umstand, dass ein Kind einen AAI bei sich trägt, lässt den Rückschluss zu, dass bereits ein Anaphylaxierisiko festgestellt wurde. Der AAI wurde dann als Notfallmedikament verordnet, damit sich kostbare Zeit, zum Beispiel bis zum Eintreffen eines Notarztes, überbrücken lässt. Beherztes Eingreifen, mit der Anwendung des AAI, kann dann lebensrettend sein. Allerdings, so Ambrosius, sollten Ersthelfer sich vorab mit dessen Funktionsweise und auch mit dem Notfallplan vertraut machen, um eine schwere Reaktion erkennen zu können.

Was löst Anaphylaxien aus?

Die häufigsten Auslöser von Anaphylaxien in Europa sind Insektengifte, Nahrungsmittel und auch Medikamente. Die jeweilige Häufigkeit ist altersbedingt. So überwiegen Wespen- und Bienengift bei Erwachsenen, Nüsse bei Schul- und tierisches Eiweiß aus Milch und Hühnereiern bei Kleinkindern. 

Studien kommen zu dem Ergebnis, dass etwa acht bis zehn von 100.000 Menschen jedes Jahr eine lebensbedrohliche Anaphylaxie erleiden.4 Das bedeutet für eine Stadt wie Berlin mehr als 300 Fälle pro Jahr. Und die Verbreitung solcher Unverträglichkeitsreaktionen nimmt zu.

Adrenalin-Autoinjektor (AAI) in öffentlichen Einrichtungen?

Besonders tückisch daran ist, dass nicht alle Betroffenen wissen, dass sie eine Neigung zur Anaphylaxie haben. Nur zu oft wird dies erst beim Auftreten einer akuten Reaktion geklärt. Auch wird, selbst bei vorliegender Indikation für die Verordnung eines AAIs, nicht immer ein AAI verschrieben. Die Hürden sind hoch. Wie kann man also den Kindern – und auch Erwachsenen – helfen, die noch keine Notfallmedikation bei sich haben? 

Die Behandlungsmöglichkeit ist klar und denkbar simpel. Adrenalin kann mittels AAI rasch intramuskulär appliziert werden. Es ist möglich, einen anaphylaktischen Schock durch zeitnahe Gabe von Adrenalin mittels eines Adrenalin-Autoinjektors abzuwenden. Läge es da nicht nahe, AAIs in Schulen, Kindergärten, Restaurants und öffentlichen Einrichtungen zu hinterlegen? Auch am Arbeitsplatz oder in Betriebskantinen könnte dies sehr sinnvoll sein, ähnlich wie es für Defibrillatoren bereits seit Langem gang und gäbe ist.

Relativer Anteil der häufigsten Auslösergruppen in Bezug auf das Alter der gemeldeten Patienten im Anaphylaxie-Register.5
Laut einer weiteren Erhebung von Lee et al. aus dem Jahr 2014 waren im Zeitraum 2001 bis 2010 42 von 100.000 Personen von Anaphylaxie betroffen. Der jährliche Zuwachs beträgt 4,3 Prozent – bei nahrungsmittelinduzierter Anaphylaxie sogar 9,8 Prozent. Insbesondere bei Kindern sind hohe Anstiege zu verzeichnen. In dieser Gruppe ist die Rate zwischen 2001 und 2012 von 41 Notfallaufnahmen je 100.000 auf 72 je 100.000 gestiegen.6

Deutschland im europäischen Vergleich

Was hierzulande noch nicht ist, kann werden. Tragische Ereignisse mit Todesfällen von jungen Menschen haben in anderen europäischen Staaten bereits weitergehende Schritte zur Prävention ausgelöst. So gibt es etwa in Irland schon seit 2015 die „Emergency Medicines Legislation“. Sie ermöglicht Einrichtungen wie Schulen oder Unternehmen, bestimmte verschreibungspflichtige Notfallmedikamente zu beschaffen, bereitzuhalten und in Notfällen zu verabreichen. Voraussetzungen hierfür sind eine entsprechende Meldung gegenüber der Arzneimittelbehörde und die Benennung einer geschulten, verantwortlichen Person. Zahlreiche bekannte Unternehmen haben bereits von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht, so zum Beispiel die Dublin City University oder Facebook Ireland Ltd.7

Ist also die Lösung schon in Sicht? Letztlich wird es darauf ankommen, viele Beteiligte zum Helfen zu motivieren. Das sind zum Beispiel Lehrer und Erzieher in Schulen und Kindergärten, die sich informieren sollten, welche Vorerkrankungen und einhergehende Risiken es bei ihren betreuten Kindern gibt. Gut wäre, sie entsprechend in Erster Hilfe zu schulen. 

Was ist eine Anaphylaxie?

Eine Anaphylaxie ist die Maximalvariante der allergischen Sofortreaktion, die als akute systemische Reaktion den gesamten Organismus erfassen kann und je nach Schweregrad mit unterschiedlichen Symptomen einhergeht. Die Erscheinungen setzen rasch ein und können sich bis zum (allergischen) Schock entwickeln. Damit ist eine Anaphylaxie eine potenziell lebensbedrohliche Erkrankung.2,3


Quellen:
[1] European Centre for Allergy Research Foundation (Stiftung ECARF). Anaphylaxie: https://www.ecarf.org/info-portal/erkrankungen/anaphylaxie [letzter Zugriff: 15.03.2022].
[2] Ring J, Brockow K. Anaphylaxie und anaphylaktischer Schock. Notfall Rettungsmedizin. 2006;9:529-534.
[3] Ring J, Brockow K. Anaphylaxie-Leitlinie: Update 2021. Allergo Journal. 2021;30:3.
[4] Ring J, Klimek L, Worm M. Adrenalin in der Akutbehandlung der Anaphylaxie. Deutsches Ärzteblatt International. 2018;115: 528-34.
[5] Worm M, Francuzik W, Renaudin JM, Bilò MB, Cardona V, Scherer Hofmeier K et al. Factors increasing the risk for a severe reaction in anaphylaxis: An analysis of data from The European Anaphylaxis Registry. Allergy 2018;73:1322–30.
[6] Lee S, Hess PE, Lohse C et al. Trends, characteristics, and incidence of anaphylaxis in 2001-2010: A population-based study. Journal of Allergy and Clinical Immunology. 2017;139(1):182-88.
[7] Health Products Regulatory Authority (HPRA). About the Emergency Medicines Legislation: https://www.hpra.ie/homepage/medicines/emergency-medicines/about-emergency-medicines [letzter Zugriff: 15.03.2022].

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Aus der Puste

Die COPD (chronic obstructive pulmonary disease) ist eine chronisch fortschreitende Erkrankung der Lunge. Sie ist durch entzündete und dauerhaft verengte Atemwege gekennzeichnet. Typische COPD-Symptome sind Husten mit Auswurf und Atemnot bei Belastung, später auch in Ruhe. Das größte Risiko für COPD haben Raucher und Passivraucher. Alles Wichtige über Ursachen, Symptome, Diagnose und Therapie der COPD-Krankheit erfahren Sie hier.

Eine Hauptursache für die Entstehung und das Fortschreiten der COPD ist Zigarettenrauch. Zu den weiteren Risikofaktoren gehören die Belastung der Lunge mit Schadstoffen aus der Luft, daheim oder am Arbeitsplatz, sowie Infektionen der Atemwege. Auch erbliche Faktoren können eine Rolle spielen. Oft wird eine COPD mit Alpha-1, einer seltenen Erberkrankung, deren Ursache ein Gendefekt ist, verwechselt. 

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Symptome einer COPD

Bei der COPD gibt es eine AHA-Symptomkombination: Hat der Betroffene Atemnot, Husten und Auswurf, ist das ein erstes Indiz. Allerdings könnte das auch für Asthma sprechen. Eine Lungenfunktionsmessung gibt dann weitere Klarheit. Mögliche Begleiterkrankungen der COPD sind Herz-Kreislauf-Beschwerden.

Diagnostik der COPD

Eine COPD wird durch die Bewertung der Symptome und eine Spirometrieuntersuchung diagnostiziert. Damit wird die Lungenfunktion gemessen, auch wie tief eine Person einatmen kann und wie schnell die Luft in und aus der Lunge strömt.

Therapiemöglichkeiten bei COPD

Die erste entscheidende Maßnahme ist ein Rauchstopp. Entscheidend ist außerdem Bewegungstraining. Jeder trainierte Muskel verbraucht weniger Sauerstoff, und folglich muss weniger Atemluft durch die Lunge gezogen werden. Es gibt deshalb längst den sogenannten „Lungensport“. Der wird natürlich gern vernachlässigt, weil der Patient aktiv werden muss. Medikamentös sind ein Beta-2-Sympathomimetikum (LABA) und ein Muskarinrezeptor-Antagonist (LAMA) einsetzbar. Beide öffnen die Bronchien. LABA simuliert den Prozess ähnlich wie bei Adrenalin, das die Bronchien weitet, wenn etwa ein Tier unter Angriff plötzlich flüchten muss. LAMA wiederum bremst den Vagus, der im natürlichen Zustand eigentlich die Bronchien verengt. Oft verordnet der Arzt eine Kombination aus beidem. Bei Schüben kann der Arzt zudem Entzündungshemmer verschreiben, die sonst nur bei Asthma eingenommen werden. Es handelt sich hier um dem Kortison ähnliche Substanzen, die in geringer Menge inhaliert werden. Hinzu kommt ein weiteres Medikament, das nicht auf Kortison basiert.

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