Beim Grauen Star entscheidet die richtige Linsenwahl über echte Lebensqualität. Dr. Anna-Katharina Müller und Dr. Laura Lux erklären im Interview, welche Linsentypen es gibt – und was eine neue, KI-gestützte Spiraloptik-Linse heute leisten kann.

Dr. med. Anna-Katharina Müller
Fachärztin für Augenheilkunde
am Augenzentrum Cottbus

Dr. med. Laura Lux
Fachärztin für Augenheilkunde
am Augenzentrum Cottbus
Der Graue Star betrifft irgendwann fast jeden, und eine Option ist eine Kataraktoperation, bei der eine künstliche Linse eingesetzt wird. Wie findet man heraus, welche Linse zum Patienten passt?
Dr. Anna-Katharina Müller: Das stimmt, nur das Alter, in dem er auftritt, ist unterschiedlich. Im Gespräch mit dem Patienten erfragen wir, was ihm wichtig ist: ist es für den Patienten in Ordnung, weiter eine Brille zu tragen, oder wünscht er ein höheres Maß an Brillenunabhängigkeit? Letzteres nimmt immer stärker zu.
Zudem muss man das Auge ganz genau vermessen, um herauszufinden, was überhaupt umsetzbar ist.
Dr. Laura Lux: Im Patientengespräch informieren wir natürlich auch über die Erkrankung und händigen eine Informationsbroschüre aus, damit der Patient sich selbst zu dem Thema Gedanken machen kann. Danach vereinbaren wir einen Termin für die Refraktivsprechstunde zur Vorbereitung der Kataraktoperation, bei dem eine Refraktivmanagerin die Vorstellungen und Wünsche des Patienten noch einmal ausführlich abfragt. Hier geht es dann vor allem um die Alltagstätigkeiten, die der Patient noch bewältigen muss, z. B., ob er noch arbeitet und im Beruf auf eine besonders scharfe Sicht angewiesen ist.
Wenn wir dann die Daten der Augenvermessung auswerten, können wir im nächsten Schritt besprechen, welche Optionen der Patient hat.

Welche verschiedenen Linsentypen gibt es, und was können sie heute leisten?
Dr. Laura Lux: Man unterteilt die Linsen grob in die Bereiche, in denen sie das Sehen ermöglichen können: Nähe, Ferne und Zwischenbereich.
Die klassische Linse ist eine Monofokal-Einstärken-Linse, bei der sich das Licht auf einem Brennpunkt bündelt. Das kann man so einstellen, dass der Patient in der Ferne scharf sehen kann, aber für den Zwischen- und Nahbereich noch eine Brille nutzt.
Dann gibt es sogenannte EDoF-Linsen (Extended Depth of Focus), die ein erweitertes Tiefenschärfe-Sehen ermöglichen. Diese ziehen das Licht aus der Ferne in den Zwischenbereich, strecken den Brennpunkt und ermöglichen ein kontinuierliches Sehen im Zwischen- und Fernbereich. Das ist im Alltag beispielweise beim Autofahren wichtig. Im Nahbereich ist aber auch hier noch eine Sehunterstützung nötig.
Als dritte Option gibt es die Multifokallinsen, die das Licht auf alle Sehbereiche zerstreuen können und das Sehen in allen Distanzen ermöglichen. Sie nutzen unterschiedliche, ringförmige Brechungszonen auf der Linsenoberfläche. Kompromisse muss man hier aber trotzdem machen, und man muss dem Patienten erklären, dass er trotzdem nicht mehr so sehfähig sein wird wie mit 18 Jahren. Durch die Ringstruktur können sich z. B. bei entgegenkommenden Fahrzeugen Lichthöfe und -kreise bilden, die als störend empfunden werden können.

Lange musste man sich bei bestimmten Linsenkonzepten zwischen einem größeren Sehbereich und möglichen optischen Begleiterscheinungen entscheiden. Was hat sich technologisch verändert?
Dr. Laura Lux: Hier sprechen wir hauptsächlich über die Multifokallinsen. Lange Zeit gab es nur Linsen mit einem diffraktiven Optiksystem (d.h. das Licht wird gebeugt), die diese eben beschriebenen Lichtstörungen und Blendphänomene verursachen können. Außerdem ist die Sehschärfe bei diesen Linsen insgesamt etwas vermindert, sodass das Bild nicht ganz so gestochen scharf ist wie mit einer Einstärkenlinse und das Kontrastsehen ist nicht ganz so gut ausgebildet.
Jetzt gibt es zunehmend Linsen mit neueren Optik-Designs, die mir refraktiven Optiken arbeiten (d. h. das Licht wird gebrochen). Das führt dazu, das nicht so viele unerwünschte Nebeneffekte auftreten. Der Visus ist insgesamt besser: das Bild ist schärfer, man hat nicht mehr so viel Lichtverlust, und auch die Lichtstörungen und Blendeffekte treten deutlich seltener auf.
Sie arbeiten unter anderem mit einer neuen Spiral-IOL (Intraokularlinse). Was ist daran neu und welche Vorteile kann sie für Patienten haben?
Dr. Laura Lux: Richtig, das ist die RayOne Galaxy von Rayner, die zu den neueren Linsen gehört, die mit refraktiven Optiken arbeiten: Sie wurde erstmals mit Hilfe von KI entwickelt. Neu an dieser Linse ist das Spiraldesign, d. h. die Brennpunkte sind nicht wie bei klassischen refraktiven Multifokallinsen in Ringen angeordnet, sondern spiralförmig. Dadurch hat die Linse keine abrupten Kanten oder Ringe, wodurch sie deutlich weniger störende Nebeneffekte hat und wesentlich alltagstauglicher für viele Patienten ist. Dabei arbeitet sie im Gegensatz zu diffraktiven Multifokallinsen ohne Lichtverlust.
Dr. Anna-Katharina Müller: Diese Linse setzen wir inzwischen sehr gerne und regelmäßig ein, da wir von unseren Patienten durchweg sehr positives Feedback erhalten und sie sich auch intraoperativ durch ihre unkomplizierte und sichere Handhabung auszeichnet.
Was bedeutet „erweiterter Sehbereich“ im echten Leben? Welche Situationen nennen Ihnen Ihre Patienten, bei denen Sie den Unterschied besonders bemerken?
Dr. Anna-Katharina Müller: Für viele Patienten ist es ein deutlicher Gewinn an Lebensqualität, wenn sie nicht immer für den Nahbereich an die Brille denken müssen. Sie können einkaufen gehen und das Kleingedruckte lesen, während sie trotzdem die winkende Nachbarin in der Entfernung erkennen. Auch Freizeittätigkeiten wie Sport oder Schwimmen ohne Brille oder Kontaktlinsen sind dann möglich, das macht den Alltag deutlich leichter.
Wenn Sie zehn Jahre nach vorne schauen: Wird die klassische Lesebrille nach einer Kataraktoperation irgendwann eher die Ausnahme als die Regel sein?
Dr. Laura Lux: Da die neuen Technologien deutlich kompromissfreier sind, gehen wir davon aus, dass der Einsatz der neuen Linsentechnologien weiter zunehmen wird. Sie sind wesentlich alltagstauglicher in der Anwendung. Es ist aber natürlich bei jedem Patienten nach wie vor von der Anatomie des Auges und dem Vorliegen anderer Augenerkrankungen abhängig, ob diese neuen Linsentechnologien zum Einsatz kommen können. Aber der Trend wird in diese Richtung gehen, davon sind wir überzeugt.


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