
Prof. Dr. med. Andreas Wiedemann
Chefarzt, 1. Vorsitzender der Deutschen Kontinenz
Gesellschaft, Professor für Urogeriatrie
Über kaum ein Leiden wird so wenig gesprochen wie über Inkontinenz – dabei betrifft ungewollter Urin oder Stuhlabgang in Deutschland rund zehn Millionen Menschen. Erste Anzeichen einer Harninkontinenz sind ein auffällig häufiges Wasserlassen am Tag, mehr als achtmal täglich, häufiges nächtliches Aufstehen zur Blasenentleerung, plötzlich einsetzender
starker Harndrang, bei dem die Toilette kaum rechtzeitig erreicht wird, oder unwillkürlicher
Urinverlust bei alltäglichen Belastungen wie Husten, Niesen, Lachen, Heben oder körperlicher
Aktivität.
Stuhlinkontinenz zeigt sich etwa durch unkontrollierten Abgang von Winden, Stuhlschmieren oder den Verlust der Kontrolle über den Stuhlgang. Treten solche Symptome auf, sollte ärztlicher Rat eingeholt werden, auch bei kleinen Mengen oder einzelnen Tröpfchen.
Inkontinenz kann in jedem Lebensalter auftreten, nimmt jedoch ab dem 50. Lebensjahr deutlich zu. Rund jede zehnte Person zwischen 40 und 60 Jahren ist betroffen, bei den über 80 Jährigen liegt der Anteil sogar bei 30-40 %. Zudem zählt Inkontinenz zu den häufigsten Gründen für den Einzug in ein Pflegeheim. Trotzdem suchen viele Betroffene erst spät medizinische Hilfe.
Inkontinenz raubt Lebensqualität und bleibt selten ein rein körperliches Problem.
Das Schweigen hat Gründe. Inkontinenz betrifft einen intimen Lebensbereich, Scham und Angst vor Stigmatisierung sind groß. Viele Betroffene ziehen sich zurück, planen ihren Alltag um verfügbare Toiletten oder verzichten auf Reisen, Kultur, Sport und soziale Kontakte. Inkontinenz raubt Lebensqualität und bleibt selten ein rein körperliches Problem: Selbstwertgefühl und psychische Gesundheit leiden, Einsamkeit und Depressionen sind keine Seltenheit. Hinzu kommen Folgeerkrankungen wie Hautreizungen, Infektionen oder ein erhöhtes Sturzrisiko.
Dabei ist Inkontinenz kein unabwendbares Schicksal. Medizinisch besteht eine 80-90 prozentige Chance auf deutliche Besserung, häufig sogar auf Beschwerdefreiheit, wenn die Erkrankung behandelt wird.
Es gibt nicht „die eine“ Inkontinenz. Verschiedene Formen haben unterschiedliche Ursachen, weshalb eine sorgfältige ärztliche Abklärung entscheidend ist. Häufig ist die Belastungsinkontinenz, bei der Urin beim Husten oder Heben abgeht, vor allem bei Frauen
nach Schwangerschaften oder in den Wechseljahren.
Ebenso verbreitet ist die überaktive Blase mit plötzlich einsetzendem Harndrang oder die Dranginkontinenz, bei der Urin ungewollt abgeht. Daneben existieren Mischformen. Allen gemeinsam ist: Inkontinenz ist gut behandelbar.
Die Therapieformen sind vielfältig. Sie reichen von Verhaltensänderungen, die heute z. B. auch durch medizinische „Apps“ auf Rezept erreicht werden können, Blasen- und Beckenbodentraining, Ernährungsberatung und Medikamenten bis hin zu minimalinvasiven
Verfahren. Operative Eingriffe werden erst erwogen, wenn konservative Maßnahmen nicht ausreichen.
Ein wichtiger Teil der Therapie beginnt im Alltag. Ausreichend zu trinken ist entscheidend, da zu wenig Flüssigkeit die Blase reizt. Eine ausgewogene Ernährung unterstützt Blase und Darm. Besonders wirksam ist die Physiotherapie bei spezialisierten Physiotherapeuten mit gezielter Beckenbodengymnastik für Frauen und Männer, ergänzt durch Trainings-Apps oder Biofeedback-Geräte.
Der wichtigste Schritt zur Besserung ist es, ärztlichen Rat einzuholen und offen über Inkontinenz zu sprechen. Erste Ansprechpartner sind Hausärztinnen und Hausärzte, spezialisierte Hilfe bieten Urologen, Gynäkologen sowie bei Stuhlinkontinenz die Proktologen. Orientierung gibt die Expertensuche der Deutschen Kontinenz Gesellschaft unter www.kontinenz-gesellschaft.de mit spezialisierten Praxen sowie zertifizierten Kontinenz und Beckenbodenzentren. Nicht die Inkontinenz ist das Problem, sondern das Schweigen darüber. Wer spricht, gewinnt seine Lebensqualität zurück.
Finden Sie jetzt Hilfe in Ihrer Nähe!
Hier gelangen Sie direkt zur Expertensuche für spezialisierte Ärzte:




