Blasenschwäche, häufiger Harndrang, unkontrollierter Urinverlust: Millionen Menschen kennen das Problem – und schweigen lieber darüber. Dabei gibt es heute wirksame Behandlungsmöglichkeiten für Männer und Frauen gleichermaßen. Der Urologe Prof. Dr. Sebastian Wille erklärt, was helfen kann und warum falscher Scham keine Chance gegeben werden sollte.

Prof. Dr. Sebastian Wille
Leiter des Fachbereiches Urologie, medikamentöse
Tumortherapie, Andrologie und medizinische Genetik
in der Beta Klinik Bonn
Ab etwa 50 klagen viele Menschen plötzlich über Blasenprobleme. Was passiert da eigentlich im Körper?
Hier muss man differenzieren zwischen den Problemen der Frauen und Männer. Bei Frauen unterscheiden wir zwischen Drang/Dranginkontinenz mit häufigem Druck Wasserlassen zu müssen (sog. überaktive Blase) und Belastungsinkontinenz. Eine überaktive Blase kann aber durchaus schon bei jungen Frauen ab ca. 20 Jahren auftreten.
Grundsätzlich ist ein Zusammenhang zwischen fortschreitendem Alter und Blasenproblemen zu beobachten, auch hormonelle Prozesse spielen hier eine Rolle. Die genauen Gründe wissen wir allerdings nur teilweise. Besonders bezüglich der Drangproblematik wird viel geforscht, aber bisher wissen wir noch viel zu wenig.
Bei den Männern stehen Blasenprobleme häufig mit einer vergrößerten Prostata in Zusammenhang. Aber auch Männer mit einer kleinen Prostata können Blasenprobleme haben.
Beim Niesen, Husten, Lachen oder plötzlich unterwegs: Wie unterscheiden sich die verschiedenen Formen der Inkontinenz?
Fangen wir mit der Dranginkontinenz an: Hier kommt es bei Frauen besonders im Rahmen der Menopause im Zuge hormoneller Schwankungen zu Veränderungen an der Harnröhre und dem Schließapparat. Es kommt zu häufigem und übermäßigem Harndrang, sodass man sehr häufig auf Toilette muss, teilweise zwei- bis dreimal pro Stunde. Das belastet betroffene Frauen sehr, weil es den Alltag enorm einschränkt. Wird der Drang zu stark, dann kommt es zum Austritt von Urin, was natürlich sehr peinliche Situationen nach sich ziehen kann.
Die Belastungsinkontinenz tritt auf, wenn über die Bauchmuskulatur Druck auf die Blase ausgeübt wird: z. B. beim Husten, Lachen, Bücken, Heben von Lasten. Diesem Druck muss der Schließmuskel standhalten. Wenn er das nicht kann, wird zeitgleich mit dem entstehenden Druck Urin ausgeschieden. Das kann verschiedene Gründe haben. Der Zustand des Bindegewebes, das Körpergewicht, die Anzahl der Geburten spielen hier eine wesentliche Rolle. Zwar kann man den Schließmuskel trainieren, aber oftmals sind auch die Sehnenstrukturen gelockert, an denen der Schließmuskel aufgehängt ist.
Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es heute, und was hat sich in den letzten Jahren getan?
Ich beginne wieder mit der Dranginkontinenz: Wir können z. B. Tabletten (sog. Anticholinergika) einsetzen, die den Harndrang reduzieren. Allerdings haben diese Präparate oft eine Mundtrockenheit zur Folge, was die Therapietreue einschränken kann.
Es gibt mittlerweile auch modernere Präparate, sogenannte Betamimetika, die den Harndrang ebenfalls reduzieren können und weniger Nebenwirkungen haben. Zudem kann Botox in die Blase injiziert werden: Eine sehr effektive Methode, die wir auch an unserer Klinik häufig nutzen. Das bewirkt eine gezielte dosierte Lähmung des Blasenmuskels, was die Dranginkontinenz sehr gut kontrollieren kann, keine Nebenwirkungen hat und die Lebensqualität betroffener Frauen enorm verbessert. Eine weitere Option wäre ein Blasenschrittmacher, also eine Art der Neuromodulation.
Dabei werden Elektroden in den „Sicherungskasten“ der Blase eingebracht, die mit einem Stimulator verbunden und mit Strom versorgt werden. Das Verfahren zeigt bei etwa 70% der Betroffenen Erfolg. Zudem kann man mit Hormonsalben oder einem sogenannten Suppositorium den Hormonspiegel lokal wieder aufbauen.
Die Belastungsinkontinenz kann man zunächst mit einer gezielten Beckenbodengymnastik gut behandeln. Wenn das nicht ausreicht, kann man eine sogenannte Schlingenoperation durchführen: Ein sehr probates Mittel, um das Problem mit einem kleinen Eingriff zu beseitigen. Hier wird eine kleine Schlinge unter die Harnröhre gelegt, um die fehlende Elastizität der Bänder wieder herzustellen, an denen der Schließmuskel aufgehängt ist. So kann die Blase dem Druck wieder standhalten.
Wie verträglich sind operative Eingriffe gerade für ältere Patientinnen?
Diese Eingriffe verlaufen in der Regel absolut problem- und komplikationslos und können in jedem Alter durchgeführt werden. Ich habe bereits Frauen jenseits der 80 operiert: Die Techniken sind heute so perfektioniert, dass man hier keine Sorge haben muss.
Blasenprobleme gelten oft als Frauenthema. Dabei betrifft Inkontinenz ab 50 auch viele Männer. Welche Rolle spielt dabei die Prostata?
Bei jedem Mann wächst die Prostata ab dem 30. Lebensjahr, auch das hat mit hormonellen Veränderungen zu tun. Bei dem einen wächst sie schneller, bei dem anderen langsamer. Zudem wächst sie bei manchen Männern mehr nach außen und bei anderen eher nach innen. Wenn ein Mann eine reine Drangproblematik hat, ist diese oftmals dadurch bedingt, dass die Prostata in die Harnröhre einwächst und diese einengt. Dann drückt, piekt und brennt es beim Wasserlassen, und es kommen trotz Harndrang nur Tropfen heraus.
Man versucht daher meist erst, die Harnröhre mit Alphablockern medikamentös zu weiten. Zudem können auch Männer ein Anticholinergikum oder ein für diesen Zweck zugelassenes Potenzmittel zur Verbesserung desWasserlassens einnehmen. Letzteres hat dann natürlich noch den positiven Nebeneffekt einer Potenzsteigerung. Im letzten Schritt können auch operative Verfahren zum Einsatz kommen, um die Prostata zu verkleinern und der Harnröhre wieder mehr Raum zu verschaffen.
Viele warten jahrelang, bevor sie zum Arzt gehen. Ab wann sollte man wirklich handeln?
Ich arbeite seit 30 Jahren in der Urologie und predige seit 30 Jahren, dass man bei Blasenproblemen einfach direkt zum Arzt gehen sollte, wie bei anderen gesundheitlichen Leiden auch. Studien zeigen, dass Betroffene aus falschem Schamgefühl oft viel zu lange warten, bevor sie sich ärztliche Unterstützung holen. Das ist bei den Männern noch deutlich schlimmer als bei den Frauen. Viele denken, dass Blasenprobleme zum Alterungsprozess dazu gehören und man eh nichts machen könne. Das ist aber schlichtweg falsch. Man kann vielleicht nicht jeden Patienten heilen, aber man kann bei jedem eine Besserung erzielen.
Daher gibt es kein festes Alter, ab dem man mit solchen Problemen zum Arzt gehen sollte. Hat man über mehrere Wochen ein Inkontinenzproblem und es liegt keine Blasen- oder Prostataentzündung o. Ä. vor, dann sollte man zum Hausarzt oder Urologen gehen und sich behandeln lassen.




