Geburt und Wochenbett zählen zu den prägendsten Phasen im Leben einer Frau. Hebamme Sissi Rasche begleitet Frauen seit 17 Jahren durch genau diese Zeit – und spricht im Interview darüber, was Frauen wirklich brauchen, um sich sicher und gut unterstützt zu fühlen.

Welche Erfahrung aus deiner Arbeit hat deinen Blick auf Schwangerschaft und Geburt nachhaltig verändert?
Ich bin seit 17 Jahren Hebamme – und tatsächlich liegt diese vielleicht prägendste Erfahrung genauso lange zurück: die erste außerklinische Geburt, die ich während meiner Ausbildung in der Externatszeit miterleben durfte. Bis dahin kannte ich nur Klinikgeburten im Schichtsystem, mit oft viel zu wenig Zeit für die einzelnen Frauen. Alles war streng durchgetaktet und die Frauen oft zwischendurch allein.
Bei dieser ersten Hausgeburt habe ich zum ersten Mal erlebt, was es bedeutet, wenn eine Hebamme die ganze Zeit an der Seite einer Frau ist und diese in ihrem eigenen Zuhause aus eigener Kraft ihr Kind gebären kann. Das hat meinen Blick auf Geburt und meine Arbeit nachhaltig verändert. Ich habe gesehen, welchen Unterschied kontinuierliche, ganzheitliche Betreuung macht – und wusste: Genau so möchte ich arbeiten. Frauen individuell begleiten, eins zu eins, auf ihrem eigenen Weg. Ich glaube zutiefst, dass das einen enormen Unterschied macht.
Welche Faktoren tragen aus deiner Sicht am stärksten dazu bei, dass Frauen sich während der Geburt sicher und ernst genommen fühlen?
Ganz klar: wenn sie wirklich begleitet werden, und zwar so, wie sie es in diesem Moment brauchen. Das bedeutet gar nicht immer, viel zu tun. Entscheidend ist, dass die Frau das Gefühl hat, gesehen zu werden und dass ihre Bedürfnisse wahrgenommen werden. Ganz egal, wie diese nach außen wirken. Wenn sie sich sicher fühlt, kann sie unter der Geburt einfach sie selbst sein. Und unter diesen Bedingungen kann sie ihr Kind gut bekommen.
Das kann im Krankenhaus, im Geburtshaus oder zu Hause sein – wichtig ist nicht der Ort, sondern die Qualität der Begleitung.
Welche emotionalen Veränderungen beobachtest du bei Frauen in den ersten Wochen nach der Geburt am häufigsten?
Nach der Geburt erlebt der Körper in den ersten 24 bis 72 Stunden den größten Hormonabfall von Östrogen und Progesteron überhaupt. Das versetzt viele Frauen in einen emotionalen Ausnahmezustand – und der zeigt sich bei jeder Frau anders.
Was ich immer wieder beobachte, ist vor allem diese enorme Intensität der Gefühle und eine große Verletzlichkeit, besonders beim ersten Kind. Auf einmal trägt man Verantwortung für ein so kleines Wesen – und oft kommt damit eine Angst, die man vorher so nicht kannte.
Mutterwerden ist ein Prozess.
Nicht immer ist sofort diese überwältigende Liebe da, wie man es aus Filmen kennt. Oft muss man erst in diese neue Rolle hineinwachsen und sich mit all diesen neuen Gefühlen sortieren. Das ist vollkommen normal und gehört einfach dazu.
Ich glaube, das Größte in dieser Zeit ist wirklich diese tiefe Verletzlichkeit: Man ist auf einmal so verwundbar, wie man es vorher noch nie war, weil man nicht mehr nur für sich selbst verantwortlich ist. Man möchte einfach, dass es diesem Kind hundertprozentig gut geht und steckt dabei noch selbst mitten in der Heilung – und manchmal hat man für diese Gefühle kaum Worte. Das macht diese Phase so intensiv.
Mit welchen körperlichen Faktoren haben die meisten Frauen nach der Geburt Probleme?
Geburtsverletzungen können sehr unterschiedlich aussehen und müssen nach der Geburt erst einmal heilen – von Dammrissen verschiedenen Grades bis hin zu einer Narbe nach einer Sectio, die eine ernstzunehmende Bauchoperation ist. Und neben diesen äußerlichen Verletzungen hinterlässt auch die Plazenta eine wirklich große, innere Wunde, die erst einmal heilen muss. All das braucht Zeit, Ruhe und gute Versorgung.
Dazu kommt, dass auch das Stillen erst gelernt werden muss. Es ist zwar natürlich, aber trotzdem eine körperliche Herausforderung für Mutter und Kind. Heilung, Anpassung und Regeneration sind für viele Frauen die zentralen körperlichen Themen in dieser Zeit. Und dafür braucht es vor allem eines: Zeit und gute Begleitung.
Welche Rolle spielt gezielte Rückbildung für langfristige körperliche Gesundheit und warum reicht Abwarten oft nicht aus?
Gezielte Rückbildung ist entscheidend für die langfristige Gesundheit von Frauen. Eine Frau trägt fast 40 Wochen – manchmal auch mehrfach – ein Kind. Das ist eine enorme Belastung für den Beckenboden, egal ob die Geburt vaginal oder per Sectio war.
Der Beckenboden trägt unsere inneren Organe. Weil man ihn nicht sieht, wird seine Bedeutung oft unterschätzt – mit teils gravierenden Folgen wie Inkontinenz oder Senkungsbeschwerden. Jede Frau bringt auch andere Voraussetzungen mit, aber solche Probleme haben hier ihren Ursprung.
Deshalb braucht es gezielte Rückbildung durch Fachpersonen und echte Regeneration im Wochenbett.
Abwarten allein reicht oft nicht aus, weil der Körper an dieser Stelle bewusst unterstützt werden muss.

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Illustration: Lea Hartmann




