Es gab Zeiten, in denen Frauen nicht einmal direkt mit Ärzten sprachen, sondern ihre Ehemänner über sie hinweg. Der Mann galt als rational, die Frau als zu emotional, um ihre Beschwerden korrekt zu schildern. Medizinische Kommunikation lief über ihn. Was als wichtig galt, wurde weitergegeben, was als übertrieben empfunden wurde, nicht.
Das ist paradox. Denn welche Frau kennt es nicht, als Mutter, Tochter oder Ehefrau den eigenen Vater, Ehemann oder Partner überhaupt erst zum Arztbesuch drängen zu müssen? Männer, die ihre Beschwerden kleinreden. Und Frauen, deren Beschwerden kleingeredet wurden. So hat fast jede Frau gelernt, ihren Schmerz zu relativieren.
So schlimm ist es nicht.
Das gehört halt dazu.
Was wie Selbstdisziplin klingt, ist in Wahrheit kulturelles Training.
Diese Haltung wirkt bis heute nach
Noch immer fehlen vielen Frauen die Worte für ihren eigenen Körper. Begriffe wie „Schamlippen“ tragen Scham im Namen, andere werden verniedlicht. Wer Beschwerden nicht benennen kann, wird selten behandelt. Tabus sind kein kulturelles Detail: sie wirken direkt auf Gesundheit. Medizin beginnt mit Sprache. Frauengesundheit braucht ein Vokabular ohne Scham.
Das zeigt sich besonders dort, wo Frauen Schmerzen schildern und ihnen nicht geglaubt wird, etwa bei der Spirale. Dass lange kaum über Schmerzen aufgeklärt wurde, lag nicht daran, dass es sie nicht gab, sondern daran, dass die Erfahrungen vieler Frauen nicht als relevant galten.
Wenn Frauen mit PCOS vorschnell gesagt wird, sie seien unfruchtbar, wirkt das oft wie ein Urteil statt wie eine medizinische Einschätzung. Studien zeigen, dass viele trotz PCOS schwanger werden können. Nicht der Körper setzt die Grenze, sondern die Worte.
Und PCOS zeigt noch etwas: Wir müssen aufhören, solche Erkrankungen als reine Frauenprobleme zu betrachten. Die Ursachen liegen oft in Genen und Stoffwechselprozessen, die eine Familie teilt. Deshalb finden sich bei Eltern oder Geschwistern häufig verwandte Probleme wie Bluthochdruck oder Diabetes. Was bei einer Frau als PCOS sichtbar wird, ist kein isoliertes Problem, sondern Teil eines größeren gesundheitlichen Zusammenhangs.
Über Jahrhunderte wurden weibliche Beschwerden nicht nur medizinisch beurteilt, sondern moralisch
Bei Fehlgeburten wurde fast ausschließlich die Frau verantwortlich gemacht. Heute wissen wir: Auch der Mann spielt biologisch eine Rolle. Wenn wir Schuld durch Wissen ersetzen, verschiebt sich der Fokus von Anklage zu Lösung.
Menstruationsblut galt lange als Abfall. Erst jetzt beginnen wir zu begreifen, dass wir Wissen weggespült haben. Erst seit etwa 2007 wissen Forschende, dass es Stammzellen enthält, die in der Lage sind, sich zu verschiedenen Zelltypen zu entwickeln und entzündungshemmende Eigenschaften zeigen. Heute wird untersucht, ob diese Zellen Gewebe regenerieren und Hinweise auf Erkrankungen wie Endometriose oder neurodegenerative Krankheiten liefern. In Tierversuchen konnten menstruationsblut-abgeleitete Stammzellen etwa Alzheimer-ähnliche Veränderungen reduzieren.

Diese Forschung steht noch am Anfang, doch sie zeigt, wie groß die Wissenslücke war und wie viel wir zu gewinnen hätten, wenn wir weibliche Biologie von Anfang an ernst genommen hätten.
Wir hätten vieles früher verstanden, wenn wir die Lebensrealität von 50 Prozent der Menschheit nicht aus der Medizin gestrichen hätten. Wenn wir weibliche Körper ernst nehmen, gewinnen am Ende alle.
Deshalb sind Aufklärung und Vorsorge entscheidend. Und deshalb ist es wichtig, dass Frauen ihre Geschichten teilen. Nicht aus Mut, sondern aus Notwendigkeit. Weil Sichtbarkeit verändert, was ernst genommen wird. Weil andere Frauen sich darin wiederfinden und merken: Ich bilde mir das nicht ein. Und weil es ein Schritt hin zu einer Medizin ist, die Frauen ernst nimmt. Diese Fortschritte müssen wir nicht schönreden. Aber wir dürfen sie feiern. Denn jedes geteilte Erlebnis kann Forschung anstoßen und einer anderen Frau irgendwo Hoffnung schenken.

Mit „Die unerforschte Frau“ zeigt Sriusdiga Manivannan, wie sehr der weibliche Körper in Medizin und Forschung lange übersehen wurde, und übersetzt aktuelle Studien verständlich in neues Wissen.
Das Buch erscheint im Mai diesen Jahres und steht für mehr Aufklärung, Selbstbestimmung und Gesundheit von Frauen.





