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Frauengesundheit

„Über Menstruation zu sprechen bedeutet, Gesundheit ernst zu nehmen.“

Fotos: Leoni Wartenberg

Offene Gespräche über Menstruation sind noch immer keine Selbstverständlichkeit. Die Journalistin und Autorin Franka Frei erläutert im Interview, warum Aufklärung wichtig, richtig und politisch ist.

Franka Frei

Journalistin und Autorin

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Liebe Franka, du beschäftigst dich seit Jahren intensiv mit dem Thema Menstruation. Welche Wissenslücken begegnen dir dabei am häufigsten selbst bei menstruierenden Personen und warum halten sich diese Irrtümer so hartnäckig?

Das Spannende ist: Ich spreche hier nicht nur aus einer analytischen oder journalistischen Perspektive, sondern auch aus ganz persönlicher Erfahrung. Ich bin selbst menstruierende Person, sehr liberal erzogen, und war lange überzeugt davon, dass ich über meinen Körper gut Bescheid weiß. Erst als ich mich intensiver mit dem Thema auseinandergesetzt habe, fiel mir auf, wie groß mein eigenes Wissensdefizit tatsächlich war. Mir wurde klar, dass ich über zentrale Zusammenhänge kaum etwas wusste – und dass viele Irrtümer, von denen ich dachte, sie längst hinter mir gelassen zu haben, tief verankert waren.

Ein Beispiel, das mich rückblickend besonders schockiert hat: Ich habe mit 14 Jahren die Pille verschrieben bekommen und ging jahrelang davon aus, dass die Blutung während der Pillenpause meine Menstruation sei. Tatsächlich handelt es sich dabei aber nur um eine künstlich herbeigeführte Abbruchblutung, die quasi nichts mit der Menstruation zu tun hat. Ich wusste auch nicht, dass ich unter der Einnahme der Pille keinen natürlichen Zyklus habe. Die Pille wirkt, indem sie den Eisprung unterdrückt – und ohne Eisprung gibt es keine Menstruation.

Ein weiterer hartnäckiger Irrtum betrifft Schmerzen. Sehr viele Menstruierende leiden regelmäßig unter starken Beschwerden – vor oder während der Periode. Gesellschaftlich herrscht jedoch immer noch häufig die Fehlannahme vor, starke Periodenschmerzen seien „normal“. Dabei wissen wir doch: Schmerzen sind ein Warnsignal des Körpers. Sie sollten ernst genommen werden. Gerade im Zusammenhang mit Menstruation ist das fatal. Studien zeigen, dass Frauen mit Schmerzen häufiger nicht ernst genommen werden – das hängt auch mit massiven Forschungslücken zusammen, etwa im Bereich Endometriose. Schätzungen zufolge leiden etwa 5-10 % aller menstruierenden Personen an dieser chronischen Schmerzerkrankung.

Ein weiterer Bereich, zu dem ich viel recherchiert habe, ist das Gefühl von Unreinheit. Die altbiblische Vorstellung, während der Menstruation unrein oder sonst wie fehlerhaft zu sein, hält sich auch in vermeintlich säkularen Kulturkreisen hartnäckig. Das macht die politischen Dimensionen der Periode sehr deutlich, denn wo ein Tabu ist, sind Scham, Stigmatisierung und gesellschaftlicher Ausschluss nicht weit.

Nur Wissen kann diesen Teufelskreis durchbrechen, deshalb ist Aufklärung hier so zentral.

Inwiefern beeinflusst die Art, wie wir über Menstruation sprechen oder sie verschweigen, das Körperbild und die Selbstwahrnehmung insbesondere junger Menschen?

Wenn wir lernen, dass Menstruation etwas Fehlerhaftes, Unreines oder Störendes ist, dann prägt das zwangsläufig das Selbstbild. Auch wenn heute kaum noch jemand offen von „Unreinheit“ spricht, bleibt die Botschaft subtil dieselbe: nicht frisch, nicht leistungsfähig, nicht ganz verlässlich. Wenn man jeden Monat wiederholt das Gefühl vermittelt bekommt, der eigene Körper sei ein Problem, dann hinterlässt das Spuren. Weltweit hat rund ein Drittel der menstruierenden Personen schon einmal wegen der Periode schon mal die Schule oder Arbeit verpasst. Der häufigste Grund sind körperliche Beschwerden, der zweithäufigste ist soziales Stigma. Die panische Angst davor, öffentlich auszulaufen oder zu bluten, ist nicht biologisch erklärbar. Sie ist anerzogen. Diese Scham führt dazu, dass sich Menschen aus gesellschaftlichen Räumen zurückziehen – oder sich zumindest innerlich klein machen.

Selbst wenn man anwesend ist, ist man oft nicht präsent: weniger selbstbewusst, zurückhaltender, unsicherer. Das wirkt sich auf mentale Gesundheit und Leistungsfähigkeit aus. Studien zeigen klar, dass Menstruation häufig mit Scham, Ekel und Kontrollverlust assoziiert wird – und das ist ein Ergebnis unserer Sozialisation. Deshalb ist eine offene, sachliche und inklusive Kommunikation so wichtig. Menstruation ist ein Zeichen von Gesundheit und Fruchtbarkeit. Trotzdem wird sie im Vergleich zur männlichen Reproduktionsfähigkeit systematisch negativ bewertet. Das ist kein Zufall, sondern Ausdruck patriarchaler Strukturen, die immer noch tief in unserer Gesellschaft verankert sind – oft unbewusst, aber wirksam.

Warum fällt es unserer Gesellschaft so schwer, Menstruation als gesundheitliches Thema ernst zu nehmen etwa wenn es um Schmerzen, Zyklusstörungen oder Endometriose geht?

Ein zentraler Grund ist die Stigmatisierung, die Menstruation mit Sexualität und Weiblichkeit verknüpft. Historisch wurde der menstruierende Körper abgewertet – von antiken Vorstellungen der Frau als „minderwertiger Mann“ bis hin zu religiösen Narrativen, die Menstruation als Teil der Erbsünde oder Zeichen von Unreinheit  interpretierten. Diese Denkweisen haben auch die Medizin geprägt. Forschung und Lehre sind historisch auf dem männlichen Körper aufgebaut. Bis heute werden Zyklusphasen in Medikamentenstudien oft ausgeschlossen, Probanden sind überwiegend männlich. Selbst bei Tierversuchen werden häufig ausschließlich männliche Tiere verwendet, weil es heißt, der Zyklus sei zu kompliziert.

Die Folge: Medikamente wirken bei menstruierenden Menschen oft anders, Nebenwirkungen treten fast doppelt so häufig auf. Wir müssen uns vor Augen führen: Das ist kein Nischenthema, sondern betrifft die Hälfte der Weltbevölkerung. Was es braucht, ist umfassende Forschung, politische Priorisierung, Aufklärung und Sichtbarkeit. Denn diese anhaltende Unsichtbarkeit der Menstruation auf gesellschaftlicher Ebene wird auch zur Lücke Medizin, Bildung, Politik und Arbeitswelt.

Verhütung gilt immer noch als Frauensache. Woran denkst du liegst das, und wie kann man Männer mehr in die Verantwortung nehmen?

Die Gründe dafür sind historisch, kulturell, medizinisch und wirtschaftlich. Seit der Entwicklung der Antibabypille wurde Verhütung sowohl medizinisch und technologisch als auch gesellschaftlich immer mehr zum alleinigen „Frauenthema“ gemacht.

Mädchen lernen früh: Du bist verantwortlich, eine Schwangerschaft zu verhindern. Frauen bekommen die Pille bei der Gynäkologin. Für Männer gibt es kaum vergleichbare Strukturen oder Erwartungen. Dabei ist Verhütung immer Arbeit – körperlich, finanziell, emotional – und zu einer Schwangerschaft gehören immer noch mindestens zwei. Verantwortung zu teilen bedeutet auch, Nebenwirkungen zu teilen. Das erfordert ein Umdenken, gesellschaftlich wie medizinisch.

Tatsächlich beruht ihre Entwicklungsgeschichte aber zu einem großen Teil auf eugenischen und rassistischen Motiven. Bis heute ist wenigen bewusst, dass es eine lange Tradition hat, besonders Menschen aus dem Globalen Süden, indigene oder behinderte Menschen zur Verhütung zu drängen oder zu zwingen. Nicht alle haben den gleichen Zugang zu Verhütung. Dabei ist der das seit 1994 Teil der Menschenrechte.

Mir ist wichtig zu betonen, dass es bei Verhütung nicht darum geht, Leid umzudrehen oder neue Zwänge zu schaffen. Es geht um reproduktive Gerechtigkeit – darum, dass alle Menschen unabhängig von Geschlecht gleiche Möglichkeiten haben, über ihre Familienplanung zu entscheiden. Das bedeutet mehr Wissen, mehr Forschung, mehr Optionen. Nicht eine „Pflichtpille“ für Männer, sondern echte Wahlfreiheit für alle. Beziehungen, Lebensentwürfe und Bedürfnisse sind unterschiedlich – und genau das muss sich in Verhütung widerspiegeln.

Viele Männer sind durchaus bereit, Verantwortung zu übernehmen, wenn sie informiert werden. Der Weg dahin führt über gesellschaftliches Engagement, über Aufklärung und über politischen Druck.

Es geht nicht um Zwang, sondern um Gerechtigkeit, Gesundheit und Selbstbestimmung.

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Illustration: Lea Hartmann

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