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Frauengesundheit

Wechseljahre verstehen statt aushalten

Fotos: Johannes Huesch/ HUESCH.CO

Schwindel, Panikattacken, emotionale Überforderung – und keine Erklärung. Dorota Retterath beschreibt im Interview, wie sie lernte, die Signale ihres Körpers neu zu lesen, und warum die (Post-)Menopause für sie zu einem Wendepunkt wurde.

Dorota Retterath

Influencerin und Bloggerin

Die Postmenopause bringt oft tiefgreifende körperliche und emotionale Veränderungen mit sich. Welche davon haben dein Leben am stärksten beeinflusst?

Ich kam mit 40, ohne es zu merken, in die Postmenopause. Ich hatte zwar Symptome, diese aber nicht mit den Wechseljahren in Verbindung gebracht, da ich durch die Hormonspirale keine Periode hatte. Die Symptome wurden so massiv, dass ich meinen Bürojob kündigte, weil Arbeiten unter diesen Bedingungen nicht möglich war. Auch meine Ehe litt, mein Mann und ich trennten uns sogar für eine Zeit.

Als ich verstand, dass ich in der Postmenopause war, begann ich eine bioidentische Hormontherapie. Langsam kamen mein Leben und mein Körper zur Ruhe und mir wurde klar, dass ich darüber sprechen möchte. Das tue ich seit fast zehn Jahren auf meinem Blog und Instagram.

Die Rückmeldungen von Frauen sind überwältigend. Viele schrieben mir, dass sie sich zum ersten Mal gesehen fühlen. Aus meiner Krise ist etwas Größeres entstanden. Meine Arbeit bekam einen Sinn, der über mich hinausgeht.

Indem wir heute offen über die Wechseljahre sprechen, ebnen wir einen neuen Weg.

Viele Frauen funktionieren lange weiter, obwohl ihr Körper klare Signale sendet. Gab es bei dir einen Moment, in dem dieses Funktionieren nicht mehr möglich war?

Ja, ich hatte Schwindelanfälle und Panikattacken, meist beim Autofahren auf der Autobahn, dabei musste ich jeden Tag 30 Kilometer zur Arbeit fahren. Mein Kopf fühlte sich an wie Watte, ich suchte nach Worten, machte Fehler im Job und war entweder traurig oder wütend.

Ich war bei vielen Ärzt:innen, medizinisch schien alles in Ordnung. Irgendwann wusste ich, so kann es nicht weitergehen. Mein Körper forderte offensichtlich etwas ein. Ich entschied, die Zügel fest in die Hand zu nehmen und wieder die Herrscherin über mein Leben zu werden.

Ich wollte wieder über den Dingen stehen, statt unter den Symptomen zu leben.

Du stehst seit vielen Jahren im Austausch mit Frauen aus deiner Community. Welche Sorgen oder Fragen begegnen dir im Zusammenhang mit den Wechseljahren besonders häufig?

Viele Frauen haben Angst, ernsthaft krank zu sein. Sie spüren, dass etwas nicht stimmt, und finden keine Erklärung. Besonders häufig höre ich, dass Symptome nicht mit den Wechseljahren in Verbindung gebracht werden, solange noch eine Periode da ist. Stattdessen werden sie schnell der Psyche zugeschrieben, als wäre der weibliche Körper grundsätzlich anfällig für Einbildung.

Ein großes Thema ist auch die Unsicherheit rund um die Hormontherapie: Viele Frauen haben Sorge, dass ihr Brustkrebsrisiko steigen könnte, obwohl die Datenlage heute deutlich differenzierter ist als noch vor Jahren. Was hier fehlt, ist sachliche Aufklärung. Die Wechseljahre sind kein kompliziertes Spezialthema, sondern ein natürlicher Übergang. Viele Sorgen könnten entschärft werden, wenn Symptome früher eingeordnet und ernst genommen würden.

In öffentlichen Debatten über Wechseljahre geht es oft um Symptome und Lösungen. Was wird aus deiner Sicht dabei noch immer zu selten ehrlich benannt?

Ich finde, was fehlt, ist der ganzheitliche Zusammenhang. Wir leben heute länger als frühere Generationen, sind aber oft kränker und erschöpfter. Das betrifft nicht nur Frauen, sondern Menschen insgesamt.

Die Wechseljahre zwingen einen dazu, Zusammenhänge zwischen verschiedenen Lebensbereichen herzustellen. Dauerstress, wenig Schlaf, schlechte Ernährung, zu wenig Bewegung. Solange Hormone vieles abfedern, funktioniert das noch. Wenn sich das hormonelle Gleichgewicht verschiebt, wird der Körper weniger tolerant.

Zu selten wird gesagt, dass diese Phase auch eine Chance ist, um gesünder zu altern.

Wenn du einer jüngeren Version von dir selbst kurz vor dieser Phase etwas mitgeben könntest, was wäre das?

Ich würde ihr die besten Bücher, Podcasts und Instagram-Accounts empfehlen, damit sie vorbereitet in diese Phase geht und weiß, dass wiederkehrende Blasenentzündungen, Gelenkschmerzen, Herzrasen, erhöhter Blutdruck oder Brennen im Mund häufig hormonelle Ursachen haben können.

Ich würde ihr auch sagen, dass sie ihr Leben als Ganzes betrachten soll. Schlaf, Ernährung, Bewegung, Stress: viele Symptome tauchen gar nicht erst auf oder bleiben milder, wenn man gut für sich sorgt. Eine Gym-Mitgliedschaft bekommt eine völlig neue Bedeutung.

Viele Veränderungen des Lifestyles sind eine Investition in langfristige Gesundheit und ein gutes Älterwerden.

Weitere Einblicke finden Sie auf Instagram:

Illustration: Lea Hartmann

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