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Luft und Lunge

EINE SCHWERE DIAGNOSE UND EIN WERTVOLLES LEBEN KÖNNEN GLEICHZEITIG EXISTIEREN

Fotos: Privat

Als Marie die Diagnose Lungenkrebs erhielt, veränderte sich ihr Blick auf Zeit, Kontrolle und Dankbarkeit. Im Interview spricht sie über Kraftquellen in der Krankheit, die Bedeutung von Aufklärung und molekularer Diagnostik – und warum eine schwere Diagnose und ein wertvolles Leben kein Widerspruch sein müssen.

Marie Wiederschein

Ausgebildete Heilpraktikerin

Mit deiner Geschichte machst du vielen Menschen Mut. Was hat dir in der Zeit deiner Erkrankung am meisten Kraft gegeben?

Da kommt vieles zusammen. Ein wichtiger Weg war für mich die Spiritualität. Sie hat mir geholfen, mein Bedürfnis nach Kontrolle zu hinterfragen und mehr zu vertrauen. Eine schwere Erkrankung konfrontiert einen sehr unmittelbar damit, dass wir nicht alles kontrollieren können. Wir können uns aber entscheiden, wie wir der Erkrankung begegnen.

Daneben sind es die kleinen Momente, mit Menschen, die ich liebe. Das Draußen-sein, Spaziergänge und das Reisen, was ich erst nach meiner Diagnose wieder ganz neu entdecken durfte. Auch meine Community auf krisenheld.innen gibt mir viel Kraft. Wir erleben Krisen individuell, müssen sie aber nicht allein tragen.

Eine Krebsdiagnose verändert den Blick aufs Leben. Was hat sich für dich seitdem am stärksten verändert?

Vor allem mein Verhältnis zu Zeit und Sicherheit. Wir verschieben Wünsche auf irgendwann und gehen davon aus, dass noch genug Zeit bleibt. Meine Diagnose hat mir gezeigt, wie wenig selbstverständlich dieses „Irgendwann“ ist. Ich bin dadurch mutiger und risikobereiter geworden, aber auch konsequenter mit meinen Grenzen. Gleichzeitig empfinde ich eine andere Dankbarkeit für mein Leben. Nicht für die Diagnose – auf die hätte ich gerne verzichtet. Aber für das, was heute da ist.

ICH BIN DADURCH MUTIGER UND RISIKOBEREITER GEWORDEN, ABER AUCH KONSEQUENTER MIT MEINEN GRENZEN. GLEICHZEITIG EMPFINDE ICH EINE ANDERE DANKBARKEIT FÜR MEIN LEBEN.

Welche Bedeutung haben aus deiner Sicht Früherkennung, Aufklärung und der offene Umgang mit Lungenkrebs?

Eine essenzielle Rolle. Lungenkrebs ist noch immer stark mit dem Thema Rauchen und damit schnell auch mit der Frage nach persönlicher Schuld verbunden. Dabei betrifft die Erkrankung auch jüngere Menschen. Dieses Bewusstsein fehlt aber teilweise noch – auch dort, wo jüngere Menschen mit ersten Beschwerden Hilfe suchen. Bei mir waren es Schmerzen durch eine Knochenbeteiligung, mit denen ich zunächst in der Orthopädie gelandet bin. Umso wichtiger sind Aufklärung, Aufmerksamkeit für mögliche Symptome und eine gute Diagnostik.

Auch das Bild vom Lungenkrebs als Todesurteil entspricht so pauschal nicht mehr der medizinischen Realität. Molekulare Diagnostik zeigt heute genauer, welche Eigenschaften eine Krebserkrankung hat und welche Behandlung dazu passen könnte. Zielgerichtete Medikamente und Immuntherapien ermöglichen einem Teil der Betroffenen, auch mit fortgeschrittener Erkrankung, länger und mit guter Lebensqualität zu leben.

Was möchtest du Menschen mitgeben, die selbst gerade die Diagnose Lungenkrebs erhalten haben oder einen Angehörigen auf diesem Weg begleiten?

Vor allem, dass sie nicht sofort wissen müssen, wie sie mit dieser Diagnose leben sollen. Außerdem würde ich empfehlen, sich ein gutes medizinisches Team zu suchen, Fragen zu stellen und auf eine umfassende molekularpathologische Diagnostik zu achten. Auch eine zweite Meinung kann sinnvoll sein. Und etwas, das ich selbst erst lernen musste: Eine schwere Diagnose und ein wertvolles Leben können gleichzeitig existieren. Eine Krebsdiagnose verändert das Leben fundamental. Sie bedeutet aber nicht, dass darin keine Lebendigkeit stattfinden kann.

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