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Männer, lasst uns reden!

Handeln heißt nicht gleich behandeln…

Photo: Nenad Cavoski via shutterstock

Prof. Dr. med. Dr. h.c. Arnulf Stenzl

Ärztlicher Direktor Klinik für Urologie

Präsident der Deutschen Gesellschaft für Urologie Secretary General Adjunct – European Association of Urology
European CanCer Organisation (ECCO) Board of Directors

Der Prostatakrebs ist der häufigste bösartige Tumor des Mannes. Etwa 12.000 Männer versterben jährlich daran in Deutschland, damit ist Prostatakrebs bei Männern die zweithäufigste krebsbedingte Todesursache. Noch vor 30 Jahren, waren bei Entdeckung eines Prostatakrebs mehr als die Hälfte der Patienten bereits metastasiert. Heute sind es weniger als 20% der jährlich 60.000 neudiagnostizierten Prostatakrebsfälle. Woran liegt das?

Der vor mehr als 40 Jahren entdeckte Blutwert PSA (Prostata-spezifisches Antigen) ist eigentlich das für die Fortpflanzung wichtige Produkt der Prostatadrüsen, welches dem Samenerguß beigemengt wird. Kleine Mengen davon gelangen ins Blut. Erhöhte Blutwerte weisen auf ein mögliches Problem in der Drüse hin, wie Entzündung der Prostata, Prostatavergrößerung, mechanische Ursachen wie Fahrradfahren oder Geschlechtsverkehr, eine individuelles (konstitutionelles) vermehrtes Durchsickern von PSA in die Blutgefäße, und eben auch bösartige Tumore. 

Eine jahrzehntelange Erfahrung mit dem PSA-Wert hat gezeigt, dass ein einziger Wert selten für die Entscheidung weiterer Untersuchungen ausreichend ist.

Eine jahrzehntelange Erfahrung mit dem PSA-Wert hat gezeigt, dass ein einziger Wert selten für die Entscheidung weiterer Untersuchungen ausreichend ist. Ein erhöhter Wert sollte kontrolliert und mit der Vorgeschichte, der Größe der Prostata und allfälligen Beschwerden eines Mannes in Beziehung gesetzt werden. Neuentwicklungen in der Bildgebung, wie das „multiparametrische“ Magnetresonanz-Tomogramm (MRT) und der Mikroultraschall, können eine PSA-Erhöhung bezüglich der Möglichkeit eines Tumors entkräften oder bestärken. Bei unklaren oder widersprüchlichen Befunden besteht die Möglichkeit von Harnuntersuchungen auf Basis von Genveränderungen. Dadurch werden Gewebeproben in ihrer Zahl reduziert und durch fusionierte Bildgebung deutlich präziser.

Wenn es aber zu einer Tumordiagnose kommt, ist es wichtig, diejenigen Patienten herauszufiltern, die keine Therapie benötigen und nur in regelmäßigen Abständen kontrolliert werden sollen. Das schließt Patienten aus, die einen aggressiven Tumor haben, der lebensverkürzend sein oder zu schwer beherrschbaren Problemen führen könnte. Durch einen reichen Erfahrungsschatz über viele Jahrzehnte, sich neu abzeichnende Erkenntnisse aus angeborenen oder tumorbedingten genetischen Veränderungen sowie einer neu entwickelten Bildgebung wird bei einer steigenden Anzahl von Patienten mit einem nicht aggressiven Tumor die aktive Überwachung (Active Surveillance“) eingesetzt. Watchfull Waiting ist darüber hinaus eine Strategie bei Patienten mit begrenzter Lebenserwartung mit einem nicht Leben verkürzenden Tumor, lediglich die Tumorsymptome bei deren Auftreten zu behandeln. 

Die Folgen eines zu spät erkannten Prostatakarzinoms sind nicht nur für den Patienten verheerend, sondern erzeugen auch enorme Kosten. Ein zu spät erkanntes Prostatakarzinom, welches lokale und später medikamentöse und zuletzt palliative Maßnahmen benötigt, kostet laut Berechnungen der Europäischen Gesellschaft für Urologie bzw. der Europäischen Krebsgesellschaft (Sitz in Brüssel) über 300.000 Euro pro Patient. Bei fortgeschrittenen metastasierten Männern mit Prostatakarzinom liegen die Kosten in den letzten vier Lebensjahren bei über 240.000 Euro. 

Wir haben gerade in der heutigen Zeit gelernt, dass Vorsorgemaßnahmen nicht nur in der Onkologie Leben retten können. Ein unauffälliger Test kann unheimlich beruhigend sein. Beim Vorhandensein eines Prostatakrebs aber wird eine Blutabnahme, eventuell mit zusätzlicher Bildgebung und anderen Tests, sowie der anschließenden Gewebeprobe darüber entscheiden, ob ein dann entdeckter Tumor zu Problemen führen könnte. Früherkennung heißt also nicht, dass alle diagnostizierten Tumoren behandlungsbedürftig sein müssen, denn mit der heutigen Erfahrung lässt sich eine Überbehandlung bzw. ein zu spätes handeln gut steuern. 

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