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Magen-Darm-Erkrankungen – Neues im Zeitalter von Corona

Foto: sdecoret via Shutterstock

Mitten in der mittlerweile vierten Welle der COVID-19-Pandemie macht sich allmählich Überdruss bei uns allen im Umgang mit dem Virus, seinen Varianten, seinen Auswirkungen auf unsere Gesundheit und unsere Gesellschaft breit. Glücklicherweise hat sich unser Wissen zur Verbreitung des Corona-Virus, zu den möglichen Schutzmaßnahmen, zu den glücklicherweise zumindest bei uns in ausreichendem Umfang zur Verfügung stehenden Impfungen deutlich vermehrt und wird nur von einer kleinen unbelehrbaren oder politisch motivierten Minderheit der Bevölkerung negiert. Leider wurden diese wissenschaftlichen Erkenntnisse nicht zeitgerecht in politisches Handeln umgesetzt, so dass wir wieder mit hohen Infektionszahlen und Todesfällen konfrontiert sind.

Prof. Dr. med. Wolfgang Fischbach

Vorsitzender der Gastro-Liga e. V.

Prof. Dr. med. Franz Hartman

Stellvertretender Vorsitzender der Gastro-Liga e. V.

Apropos Impfungen: Auch Patienten mit CED sollten sich unbedingt impfen lassen und können auch ohne erhöhtes Risiko mit mRNA Vakzinen geimpft werden.  Eine zeitgleiche Behandlung mit Immunsuppressiva kann allerdings die Immunantwort abschwächen. Ein Register, die SECURE-IBD-Studie, legte kürzlich nahe, dass Thiopurine entweder allein oder auch in Kombination mit einer anti-TNF-Behandlung das Risiko für eine schwere Covid-19-Erkrankung erhöhen könnten. Dies wurde in einer jüngsten Publikation aus Frankreich, bei der der klinische Verlauf von 600 wegen Covid-19 hospitalisierten CED Patienten untersucht wurde, allerdings nicht bestätigt.

Auch die neuesten Therapeutika im Bereich der CED wie Januskinase-Inhibitoren oder Interleukin-Blocker können die Krankheit nicht heilen, wohl aber oft kontrollieren, indem sie die überschießende Immunantwort auf Bakterien, die in die Darmschleimhaut eindringen, dämpfen. Die primären Krankheitsursachen, genetische Risikofaktoren und eine gestörte Darmbarriere, werden mit den z.Z. verfügbaren Medikamenten im Wesentlichen nicht beeinflusst. Moderne Forschungsansätze richten sich deshalb vermehrt auf die Korrektur des Barrieredefekts der Darmschleimhaut. Insgesamt handelt es sich bei der Entstehung der CED um ein sehr komplexes multifaktorielles Geschehen. Die Blockade einzelner Botenstoffe kann deshalb kaum zu langfristigen und endgültigen Therapieerfolgen führen, weshalb zunehmend Kombinationstherapien aus unterschiedlichen Biologika bzw. auch Biologika und Januskinase-Inhibitoren klinisch untersucht werden. Darüber hinaus ist die Rolle des Mikrobioms und sein Einfluss auf das Entzündungsgeschehen allenfalls andeutungsweise erforscht. Der Schlagzeilen trächtige Stuhltransfer, auch „Stuhltransplantation“ genannt, sollte deshalb unverändert nur im Rahmen klinischer Studien bei CED durchgeführt werden.

Neben gastrointestinalen Erkrankungen wie Infektionen, Tumorerkrankungen, CED, Leber- und Pankreaserkrankungen belästigen funktionelle Erkrankungen des Magen-Darm-Traktes Patienten mit am meisten und belasten so unser Gesundheitssystem. 

Neben gastrointestinalen Erkrankungen wie Infektionen, Tumorerkrankungen, CED, Leber- und Pankreaserkrankungen belästigen funktionelle Erkrankungen des Magen-Darm-Traktes Patienten mit am meisten und belasten so unser Gesundheitssystem. Krampfartige Bauchschmerzen, Blähungen, Durchfall oder Verstopfung charakterisieren das Reizdarmsyndrom, an dem laut der neuen S3 Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselerkrankungen (DGVS) 4-10% der Deutschen leiden. Ihre Lebensqualität ist deutlich beeinträchtigt, mehr als bei vielen anderen chronischen Erkrankungen. Die Krankheitsentstehung bei Reizdarm- und Reizmagensyndrom ist vielfältig, Aus­löser können vorausgegangene gastrointestinale Infektionen oder auch psychische Faktoren sein. Eine therapeutische Einflussnahme jenseits von Diäten (z.B. low FODMAP), Nahrungsmittelzusätzen und Verhaltenstherapien ist nur eingeschränkt möglich. Neue Entwicklungen in der Therapie beschäftigen sich mit der Schmerzentstehung, bei der Capsaicin, Bestandteil einiger Lebensmittel wie z.B. Chili, eine Rolle spielt, ebenso wie mit Serotonin, das bei Motilitätsstörungen im gesamten Magen-Darm-Trakt, von Bedeutung ist. Weil es beim Reizdarmsyndrom nicht selten zu übertriebener und irreführender Diagnostik kommt, gehen die Autoren der Leitlinie auch auf wissenschaftlich nicht-fundierte diagnostische Verfahren ( z.B. kommerziell erhältliche Stuhltests zur Analyse der Darmflora) ein und bewerten diese. Wichtig ist bei der Diagnose eines Reizdarmsyndroms organpathologische Erkrankungen mit ähnlicher Symptomatik (Darmkrebs, CED oder Nahrungsmittelintoleranzen) auszuschließen.

Gastrointestinale Tumore gehören unverändert zu den häufigsten Tumorerkrankungen. Für den Darmkrebs steht in Form der Vorsorgekoloskopie eine etablierte Möglichkeit zur Früherkennung und Prävention zur Verfügung. Die Befürchtung, dass die Covid-19-Pandemie die Inanspruchnahme negativ beeinflusst hat, hat sich eigentlich nicht bewahrheitet. Nach dem Zentralinstitut der Kassenärztlichen Vereinigung sind im Jahr 2020 11506 Koloskopien mehr durchgeführt worden als 2019. Dieses Plus von 2,2% beruht auf hohen Zahlen im 1. Quartal 2020 vor dem Lockdown und kann als Erfolg des seit dem 1.7.2019 eingeführten Einladungsverfahrens gesehen werden. Man könnte aber auch sagen, dass die erhoffte Steigerung der Inanspruchnahme der Vorsorgekoloskopie durch die Pandemie im weiteren Verlauf aufgebraucht worden ist. Bedenklich stimmen die Erhebungen der AOK, die für 2020/21 einen Rückgang der Darmkrebsoperationen um bis zu 20% gegenüber 2019 zeigen.  Es muss demnach verstärkt das Bewusstsein für die Wichtigkeit von Vorsorge auch in Pandemiezeiten geweckt und aufrechterhalten werden, um so der Gefahr von Kollateralschäden vorzubeugen, die den Erfolg der Vorsorge schmälern.

Wenden Sie sich also auch in pandemischen Zeiten zur Vorsorge und bei Beschwerden weiter an Ihren Arzt. Eine unnötige Verzögerung von Diagnostik und Therapie bei Erkrankungen im Bereich des Magen-Darm-Traktes erhöht Krankheitsrisiken und verschlechtert gegebenenfalls die Wirksamkeit therapeutischer Maßnahmen.

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