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Der Tod an sich ist ja schon tabuisiert in unserer Gesellschaft. Aber der Tod und junge Menschen? Ein Tabu im Tabu.  Im Rahmen der Herbstakademie der Akademie für Mode und Design (amdnet.de) kamen Studierende zusammen, um ihre Avatare zu entwickeln für eine Unsterblichkeit im Netz. Im kreativen Prozess, der einen Nachruf auf sich selbst und den Entwurf eines Totenkleids beinhaltete, kamen sie Antworten auf die Frage, wie sie einst erinnert werden möchten, näher und beschäftigten sich mit dem Ritual des eigenen Abschieds. Die Vorstellungen über ein eventuelles Jenseits gingen weit auseinander, doch am Beispiel des Übergangs von der physischen in die digitale Welt ließen sich viele ungewöhnliche Ideen spinnen. Denn wer sich den eigenen Avatar designt, kommt seinem Vermächtnis auf spielerische Weise auf die Schliche. 

Vier Entwürfe haben wir hier ausgewählt. 

Wie möchte ich in Erinnerung bleiben?

„Für mich sind Erinnerungen an Verstorbene immer schmerzhaft, da sie mit der Tatsache verbunden sind, dass man sich nie wieder sehen und eine weitere gemeinsame Erinnerung haben wird. Diese Wunden heilen nie vollständig und sind trotzdem nicht sichtbar. Für mich repräsentieren die Pflaster daher die Tatsache, dass die Wunde nicht heilt und man sie nicht physisch sehen kann, abgesehen von der Körpersprache. Pflaster sollen Wunden abdecken und vor Schmutz schützen, aber wir können anhand ihrer Körpersprache immer noch sehen, dass die Person Schmerzen hat. Überall im Outfit und in der Tasche sind Stecknadeln angebracht, um das Aufreißen der Wunden darzustellen und wie Schmerzen uns davon abhalten können, so zu leben, wie wir es wollen, wie wir vorsichtiger werden, weil wir Angst haben, wieder verletzt zu werden.

In gewisser Weise verwandeln sie sich auch in Schutzschilde, um Menschen von einem fernzuhalten. Die Pflaster an der Wirbelsäule sind für mich besonders bedeutungsvoll, weil sie eine Verletzung eines geliebten Menschen darstellen, die niemals heilen wird, egal wie viele Pflaster man daraufklebt. ‚Wie möchte ich in Erinnerung bleiben?‘ Ich möchte auf die am wenigsten schmerzhafte Weise in Erinnerung bleiben.”

Julian

Unvollkommen vollkommen

„Wenn ich heute sterben würde, würde ich gerne als vollkommen unvollkommener Mensch in Erinnerung bleiben. Jemand, der genauso verrückt wie nett war; ein treuer Freund, ein lästiger kleiner Bruder, ein beschützender großer Bruder und eine Nervensäge für meine Eltern. Jemand, der viel kämpfen musste, innerlich und äußerlich, aber nie aufgegeben und immer sein Bestes gegeben hat. Ich denke, es ist mir wichtig, dass ich für die Menschen, die mir am nächsten stehen, in freundlicher Erinnerung bleibe, obwohl ich viel Zeit im Schatten verbracht habe.“

Loic

Die irdische Hülle wird sekundär

„Der Mensch verewigt sich psychisch und kann sein Bewusstsein zunehmend auch in die digitale Welt übersetzen. Die Technologie verspricht uns ewiges Leben. Der Tod ist damit nur ein technisches Problem und kann selbst bestimmt werden. Die irdische Hülle wird dann sekundär, da Trendwelten der Vergangenheit angehören und die nächste Entwicklungsstufe beschritten wird.

In unserem Entwurf bleibt eine Art Kokon zurück beim Übertritt in diese neue metaphysische Welt. Das Leichentuch verweilt in der alten Welt und vergeht.“

Kilian und Belanna

Licht und Schatten

„Das Leben ist gefüllt mit vielen Dingen, wunderbaren, schlechten und neutralen. Das Beste am Leben ist, am Leben zu sein, und da die Lebendigkeit der wahre Sinn des Lebens ist, ist der Tod meiner Meinung nach genauso wichtig, weil es ein Ende geben muss, um etwas Neues zu beginnen. Genauso ist es mit Licht und Schatten, die beiden sind perfekt ausbalanciert und brauchen einander, um existieren zu können.

Was für mich das Leben am besten symbolisiert, sind die Liebe und das Schaffen von Leben, zum Beispiel symbolisiert durch eine Hochzeit, also habe ich einen Schleier als Inspiration für die Maske gewählt. Der Tod wird durch die verwendeten Farben Rot, Schwarz und Weiß angedeutet, das sind die Farben der Trauer in Südamerika, Europa und im Buddhismus. Er wird auch durch das Design der Ärmel visualisiert, die sich an den Akt des Suizids – einen großen Teil meines Lebens – anlehnen.

Für die kreative Umsetzung habe ich mich entschieden, alte Kleidung aufzuwerten, weil sie dem Leben sehr ähnelt: Das Kleidungsstück verbraucht sich, wird wieder zum Leben erweckt, existiert dann weiter und irgendwann verschwindet es, genau wie wir.“

Malte

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TABU

Wenn wir über Tabus sprechen, was meinen wir dann?

Meinen wir den gesellschaftlichen Aufschrei, der vermeintlich aufkommt, wenn wir über ein bestimmtes Thema sprechen? Oder meinen wir die Scham, die uns überkommt, wenn wir vermeintlich peinliches über uns preisgeben? Ich glaube, wir sind uns einig, dass vieles, was früher ein gesellschaftliches No-Go war, inzwischen ganz öffentlich diskutiert werden kann – ein weiteres Beispiel dafür, wie schnell sich eine Gesellschaft weiterentwickelt, wenn einige wenige beginnen, ihre Gedanken und Gefühle zum Thema zu teilen. Das Bedürfnis, irgendwie der Norm zu entsprechen, ist ja eines, dass den Menschen seit Anbeginn begleitet und je mehr Information geteilt wird, desto klarer wird, dass die Norm nichts festes ist, sondern im wesentlichen nur eine Variante dessen, was sowieso alle machen.

Je mehr wir miteinander teilen, desto sicherer und weniger argwöhnisch sind wir im Umgang miteinander. Und desto weniger Chance hat die Ignoranz, die die Ursache von so viel Unglück ist. Nehmen wir zum Beispiel die weibliche Sexualität. Inzwischen weiß nun wirklich jeder, dass auch Frauen masturbieren und ja, dass viele von ihnen sogar Spielzeuge benutzen, um ihre Lust zu vergrößern. Das ist vor allem deshalb wichtig zu verstehen, weil die Diskussion darüber die letzten Hubbel auf dem Weg zur sexuellen Gleichberechtigung ebnet. Es darf keine Verurteilungen mehr darüber geben, wer seine Sexualität unter Erwachsenen wie auslebt. Ob Sex mit Liebe oder ohne stattfindet geht ja niemanden etwas an, außer die Personen, die unmittelbar davon betroffen sind. Das Bedürfnis, ständig alles und jeden öffentlich zu bewerten, bringt uns ja nicht weiter.

Was uns weiterbringt, ist Verständnis. Und eine Gesellschaft, die die Sexualität der Bevölkerung versteht, ist eine fortschrittliche, weisere und das ist genau das, was wir momentan alle brauchen. Sex ist also mehr als ein Tabubruch. Sex zu akzeptieren, bedeutet, dass Menschsein zu akzeptieren und die Spielarten, die das so mit sich bringt, als Norm zu empfinden, also allen eine gleichberechtigte Freiheit einzuräumen. Darum ist es so wahnsinnig wichtig, darüber zu sprechen. Das Gleiche gilt natürlich für Geschlechtskrankheiten, den Mangel an Sex, Erektionsstörungen und Beziehungsprobleme. Heute gibt es Podcasts, Bücher und Youtube-Videos zu praktisch jedem Thema. Früher sind Menschen gestorben, weil sie nicht gewagt haben, sich einem anderen anzuvertrauen. Schrecklich, oder? Heute muss zumindest niemand mehr das Gefühl haben, alleine mit etwas zu sein und das ist ein wirklicher Fortschritt der Gesellschaft.

Das heißt natürlich nicht, dass wir keine Scham mehr haben dürfen. Es gibt einen schützenswerten Teil in jedem von uns. Darin herumzuwühlen, ist ein wirkliches Tabu.

Fotos: CYROLINE

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